Anleihenmarkt lieber den Spatz in der Hand


11.05.12 16:22
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Selten ist der Anleihehandel so von politischen Ereignissen geprägt worden wie in der aktuellen Börsenwoche, so die Deutsche Börse AG.

"Die beiden für Europa wichtigen Wahlen des vergangenen Wochenendes und deren Bewertung lassen sich an der Kursentwicklung des Bund-Futures (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) genau ablesen", beobachte Dietmar Blum von Hellwig Wertpapierhandelsbank. Denn Francois Hollande an der Spitze Frankreichs werde vermutlich auf eine Aufweichung des Fiskalpaktes und eine weniger restriktive Sparpolitik im Euroraum drängen. Am Mittwoch habe das Rentenbarometer die 143 Punkte geknackt und damit ein neues Altzeithoch erreicht. "Mit einer implizierten Rendite von 1,38 Prozent für zehnjährige Bundesanleihen befinden wir uns damit auf japanischem Niveau."

Nach zwei gescheiterten Versuchen der Koalitionsbildung erhalte mit der Partei Pasok nun die drittstärkste griechische Fraktion die Aufgabe, eine regierungsfähige Mehrheit zu suchen. Ob angesichts möglicher Neuwahlen die anstehende Auszahlung von 5,2 Milliarden Euro aus dem Rettungsschirm an die Hellenen zu diesem Zeitpunkt die richtigen Zeichen setze, stelle Klaus Stopp von der Baader Bank in Frage. "Ohne die Hilfen wird es allerdings schwer für die Griechen, beispielsweise die am 15. Mai anstehende Rückzahlung eines Floaters im Volumen von 450 Millionen Euro zu stemmen."

"Mit den Worten, man könne und wolle die Hellenen nicht zwingen, im Euroraum zu bleiben, hat Wolfgang Schäuble ein politisches Tabu gebrochen. Zugleich relativierte der deutsche Finanzminister die möglichen Auswirkungen eines Euroaustritts Griechenlands auf die Kapitalmärkte", meine Blum.

"Unter Investoren, Analysten und Börsenhändlern wird ein solcher Schritt bereits zu 57 Prozent erwartet", erkläre Gregor Daniel mit Verweis auf eine aktuelle Umfrage von Bloomberg. Der Händler der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft bezweifle die Fähigkeit der griechischen Volksvertreter, eine tragfähige Mehrheit hinzubekommen. "Das Land gleicht immer mehr der Akropolis-Ruine in Athen." Ähnlich würden dies offenbar Investoren beurteilen, die sich von griechischen Anleihen aller Laufzeiten in den vergangenen Handelstagen getrennt hätten. "Es herrscht beinahe Ausverkaufsstimmung."

In Spanien drücke der Schuh durch faule Immobilienkredite. Die Renditen für zehnjährige spanische Staatsanleihen seien zwischenzeitlich über 6 Prozent geklettert. Entgegen ihrem Versprechen, heimische Banken nicht mit dem Geld der Steuerzahler zu stützen, habe die spanische Regierung die viertgrößte Finanzgruppe kurzerhand verstaatlicht.

"Spanische Banken benötigen Schätzungen zufolge zwischen 50 bis 100 Milliarden Euro zusätzliches Kapital für Abschreibungen des Giftmülls", berichte Arthur Brunner von ICF Kursmakler. "Um sich trotzdem noch um Themen wie die hohe Arbeitslosigkeit kümmern zu können, braucht die iberische Regierung nach diesem Kraftakt vermutlich noch in diesem Jahr Hilfe aus dem Rettungsschirm."

Positive Wirtschaftsdaten wie das jüngste Plus der Industrieproduktion in Italien und des Verarbeitenden Gewerbes in Frankreich würden angesichts der großen politischen Bühne eher untergehen, wie die Helaba bemerke. Ebenso wenig Beachtung finde die Steigerung des hiesigen Exports im März um 0,9 Prozent oder die höhere Einfuhr von Waren und Dienstleistungen um deutliche 1,2 Prozent im Vergleich zum Vormonat.

Der Äußerung Schäubles, höheren Arbeitnehmer-Tarifabschlüssen in Deutschland wohlwollend gegenüberzustehen, hätten Investoren Brunner zufolge durchaus Beachtung geschenkt. "Zur Unterstützung erklärte die Deutsche Bundesbank, in absehbarer Zeit höhere Inflationsraten für Deutschland zu tolerieren." Für den Euroraum gelte aber weiterhin das Inflationsziel von 2 Prozent. "Die deutschen Maßnahmen zielen auf die Verringerung der ungleichen Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der Währungsunion."

Das schwierige politische Klima halte zwar viele Unternehmen davon ab, eine neue Anleihe zu begeben. "Der Fußballverein Schalke 04 verspricht sich dennoch durch seine positive sportliche Bilanz, 50 Millionen Euro von Investoren einzusammeln", melde Brunner. Zu welchen Konditionen, stehe noch nicht fest. "Platziert werden soll die Mittelstandsanleihe noch im ersten Halbjahr 2012."

Reges Anlegerinteresse gebe es für eine Nachranganleihe der IKB. "15,66 Prozent Rendite für gut ein Jahr ist für einige Anleger das Risiko wert", glaube Brunner.

Die Veröffentlichung der Quartalszahlen von Commerzbank habe Blum zufolge den Handel einer Nachranganleihe (ISIN DE000CB83CE3 / WKN CB83CE) des Geldinstituts beflügelt. Der zuvor angepeilte Gewinn von 1,2 Milliarden Euro im ersten Halbjahr sei der Schließung einer von der europäischen Bankenaufsicht EBA festgestellten Kapitallücke in Höhe von 5,3 Milliarden Euro zum Opfer gefallen.

Die Verschiebung der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens auf den Herbst dieses Jahres habe laut Daniel zwischenzeitlich zu einer Verkaufswelle bei einer Anleihe (ISIN DE000AB100C2 / WKN AB100C) von Air Berlin geführt. "Der Anleihekurs sackte von 101,70 Prozent zum Wochenbeginn bis auf 98 Prozent ab und notiert derzeit wieder bei rund 100,50 Prozent."

Eine neue Fremdwährungsanleihe (ISIN XS0782699366 / WKN A1G4TZ) von Mercedes Benz in Australischen Dollar komme bei Anlegern gut an, wie Daniel registriere. "Ob in Südafrikanischen Rand, Türkische Lira, Kanadischen und Neuseeland-Dollar oder wie oben in Australischen Dollar, Währungsanleihen sind über die gesamte Bandbreite gesucht." (11.05.2012/alc/a/a)