Schnellschätzung der Eurozone-Inflation im Fokus


27.05.24 10:15
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Diese Woche werden alle Augen auf die Schnellschätzung der Eurozone-Inflation gerichtet sein, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die HVPI-Daten des letzten Monats hätten eine Erleichterung dargestellt, da die Kerninflation auf 2,7% p.a. zurückgegangen sei und die kurzfristige Inflationsdynamik im Vergleich zum ersten Quartal nachgelassen habe. Preise im Gütersegment der Kerninflation seien zurückgegangen, und die Aufwärtsdynamik bei den Kerndienstleistungspreisen habe nachgelassen, sei aber mit Blick auf das Inflationsziel der EZB immer noch zu hoch. Dennoch sei bisher alles auf Kurs für eine Zinssenkung im Juni.

Die Mai-Inflation werde wahrscheinlich nahe den April-Niveaus veröffentlicht werden: Die Kerninflation werde mit 2,6% gegenüber 2,7% im April etwas niedriger erwartet, während die Gesamtinflation leicht auf 2,5% gegenüber 2,4% im April ansteigen könnte. Letztere werde von zwei gegensätzlichen Faktoren beeinflusst. Einerseits würden Basiseffekte Aufwärtsdruck auf die Gesamtinflation ausüben - unter der Annahme einer ähnlichen kurzfristigen Dynamik wie im März/April würde die Gesamtinflation auf 2,6 bis 2,7% steigen. Andererseits seien die Ölpreise im Mai erheblich gesunken, was die kurzfristige Preisdynamik abschwächen sollte, weshalb eine Gesamtinflation von 2,5% plausibel erscheine.

Das Hauptaugenmerk werde jedoch auf den Kerndienstleistungspreisen liegen, da dies das Preissegment sei, in dem bisher keine nennenswerte Disinflation stattgefunden habe. Hier könnten Einmaleffekte für zusätzliche Volatilität sorgen, da die erhöhenden Preiseffekte von Ostern in diesem Jahr vom April in den März verschoben worden seien, was dazu geführt haben könnte, dass die Kerndienstleistungsinflation für April auf den ersten Blick besser aussehe als sie sei. Die Analysten würden vorsichtig optimistisch bleiben.

Die in der vergangenen Woche erschienenen PMI-Schnellschätzungen für Mai würden auf eine positive aktuelle Entwicklung der wirtschaftlichen Aktivität in der Eurozone hindeuten. Während der Dienstleistungs-PMI mit 53,3 Punkten genau wie im Vormonat auf expansivem Gebiet zu liegen gekommen sei, habe der PMI für das Verarbeitende Gewerbe von 45,7 auf 47,4 Punkte solide zulegen können. Vor diesem Hintergrund sei auch der Composite-PMI von 51,7 auf 52,3 angestiegen und liege somit schon seit März über der 50-Punkte Marke. Nach den positiver als erwartet ausgefallenen BIP-Zahlen für das erste Quartal scheine sich das Konjunktur-Momentum also auch im zweiten Quartal in die richtige Richtung zu entwickeln.

Diese Woche erscheinen mit dem deutschen ifo-Index und den Stimmungsindikatoren der europäischen Kommission (ESI) weitere Stimmungsbarometer für den Mai, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG. Die Analysten würden auch hinsichtlich dieser Indikatoren eine positive Entwicklung für wahrscheinlich halten. Sie würden für den ifo einen Anstieg von 88,9 auf 89,6 Punkte bei der Komponente zur aktuellen Lage, und eine Zunahme von 89,9 auf 90,7 Punkte bei den Zukunftserwartungen prognostizieren. Für den Geschäftsklimaindex würde dies eine Zunahme von 89,4 auf 90,2 Punkte bedeuten. Bei den ESI-Subkomponenten würden die Analysten einen Anstieg beim Industrievertrauen (-10,5 auf -9,7 Punkte), beim Dienstleistungsvertrauen (6 auf 6,4 Punkte) und beim Wirtschaftsvertrauen (95,6 auf 96,1 Punkte) erwarten.

Abseits der eben genannten Stimmungsindikatoren stehe auch die Eurozonen-Arbeitslosenquote für April zur Veröffentlichung an. Hier würden sich die Analysten keine Abweichung vom Vormonatswert in Höhe von 6,5% erwarten. In den USA seien die PMIs gegensätzlich zu ihren Pendants in der Eurozone ausgefallen. Während sich der PMI für das Verarbeitende Gewerbe mit einer Zunahme von 50 auf 50,9 Punkte eher gemäßigt (aber positiv) entwickelt habe, sei die Dienstleistungskomponente mit einem Sprung von 51,3 auf 54,8 Punkte klar über den Erwartungen zu liegen gekommen.

Auch in den USA scheine der Dienstleistungssektor also weiterhin die treibende konjunkturelle Kraft zu sein. Diese Woche werde die zweite Schätzung zum BIP-Wachstum im ersten Quartal erscheinen. Nachdem die initiale Schätzung bei 1,6% (p.q, annualisiert) zu liegen gekommen sei, würden Konsensschätzungen aktuell eine marginale Abwärtskorrektur auf 1,5% vermuten.

In der vergangenen Woche habe das Protokoll der FOMC-Sitzung vom April/Mai die Ansicht gestützt, dass sich die FED mit einer Zinssenkung mehr Zeit lassen werde. "Die Teilnehmer diskutierten darüber, den derzeitigen restriktiven politischen Kurs länger beizubehalten, falls die Inflation keine Anzeichen für eine nachhaltige Annäherung an 2 Prozent zeigt." Dies spiegele die Äußerungen des FED-Vorsitzenden Powell auf der Pressekonferenz wider, wonach die Leitzinsen noch länger hoch bleiben würden, falls die Inflation nicht nachlasse. Die Bereitschaft zu einer Straffung der Leitzinsen sei von "verschiedenen Teilnehmern" erwähnt worden, aber nur "wenn sich die Inflationsrisiken materialisieren". Eine Leitzinserhöhung sei keine Option auf dieser Sitzung gewesen. Da die seit der letzten FOMC-Sitzung veröffentlichten Daten eine gewisse Entspannung gebracht hätten, sollte die Diskussion über weitere Zinserhöhungen nicht überbewertet werden.

Insgesamt habe das FOMC-Protokoll keine wesentlichen Neuigkeiten im Vergleich zu dem geliefert, was die Analysten bereits aus der Pressekonferenz nach der Sitzung erfahren hätten. Die Marktreaktion sei zwar positiv, aber insgesamt gering gewesen. Aus Sicht des Zinsmarktes werde die PCE-Inflation (und in geringerem Maße die zweite Schätzung des BIP für das erste Quartal) diese Woche wichtiger sein. Die Grundannahme sei, dass die PCE-Inflation der VPI-Inflation folgen und im April eine etwas geringere Inflationsdynamik als im ersten Quartal 2024 aufweisen werde. Eine Beschleunigung der Inflationsdynamik bei der PCE-Messung wäre eindeutig eine negative Überraschung, die zu höheren Treasury-Renditen und einer Stärkung des US-Dollars führen würde.

Die Zinsmärkte hätten vergangene Woche nach oben tendiert. Neben dem FOMC-Protokoll und den etwas besser als erwartet ausgefallenen PMIs seien es die lang erwarteten Lohndaten für den Euroraum gewesen, die eine Rolle gespielt hätten. Der EZB-Rat habe betont, dass die Veröffentlichung der Lohndaten zu dem Datenpool gehöre, den die EZB bei ihren geldpolitischen Entscheidungen genau unter die Lupe nehme. Die Tariflöhne hätten im ersten Quartal mit einem Anstieg von 4,7% p.a. nach 4,45% im vierten Quartal 2023 und 4,7% im dritten Quartal 2023 überrascht. Es gebe also kaum Anzeichen für eine Entspannung. Die Analysten seien jedoch nach wie vor der Meinung, dass die Lohndaten die Zinssenkung der EZB im Juni nicht gefährde. Warum? Zeitgleich mit der Veröffentlichung der Daten habe die EZB einen Blog-Artikel veröffentlicht, in dem sie die jüngsten Entwicklungen beim Lohnwachstum "in die richtige Perspektive rückt". Kurz gesagt, argumentiere der Artikel, dass Einmalzahlungen hinter dem Anstieg des Tariflohnwachstums im ersten Quartal stünden.

Im Gegensatz zu den Tariflöhnen habe sich die alternative Zeitreihe zu Löhnen der EZB, die eine Glättungsmethode für Einmalzahlungen anwende, im ersten Quartal seitwärts bewegt. Darüber hinaus würden vorausschauende Informationen darauf hindeuten, dass "der Lohndruck durch Tarifverträge im Euroraum seit Ende 2023 abgenommen hat". Es bleibe abzuwarten, ob sich die Analyse der EZB als richtig erweisen werde, doch für die Juni-Sitzung sei klar, dass die EZB angesichts dieses Briefings auf ihrem Kurs bleibe, die Leitzinsen am 6. Juni um 25 Basispunkte zu senken. (Ausgabe vom 24.05.2024) (27.05.2024/alc/a/a)