Inflation für US-Großbanken ein "zweiköpfiges Ungeheuer"


17.04.26 15:30
Leverage Shares

Dublin (www.anleihencheck.de) - Die Reaktion des Marktes auf die Ergebnisse von Goldman Sachs (NYSE:GS) für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026 am 13. April war bemerkenswert: Trotz früher Anzeichen dafür, dass das Unternehmen die Ergebnisse des Geschäftsjahres 2025 (in dem der Nettogewinn ein starkes Wachstum gegenüber dem Vorjahr verzeichnete) wiederholen wird, gab die Aktie um zwei Prozent nach, so Sandeep Rao, Senior Analyst bei Leverage Shares und Income Shares.

Trotz früher Anzeichen dafür, dass das Unternehmen die Ergebnisse des Geschäftsjahres 2025 (in dem der Nettogewinn ein starkes Wachstum gegenüber dem Vorjahr verzeichnet habe) wiederholen werde, habe die Aktie um zwei Prozent nachgegeben. Zwei Faktoren könnten dieser unmittelbaren Markteinschätzung zugeschrieben werden - einer betreffe die Branche, in der das Unternehmen tätig sei, und einer sei allgemeinerer Natur für die Wirtschaft.

Rückzug aus dem Privatkundengeschäft

In den letzten Jahren habe Goldman Sachs daran gearbeitet, sich vollständig aus dem Privatkundengeschäft zurückzuziehen. Anfang Januar habe das Unternehmen bekannt gegeben, dass es sein Apple-Card-Geschäft - die erste Kreditkarte für Privatkunden von Goldman Sachs - über einen Zeitraum von zwei Jahren an Chase übertragen werde. Im Jahr 2025 habe es sich zudem vollständig aus dem Kreditkartengeschäft von General Motors zurückgezogen.

Inzwischen seien einige Bilanzposten zusammengelegt worden, da das Unternehmen sein Geschäft rationalisiere. Beispielsweise würden "Equity Investments" (Aktienbeteiligungen) und "Debt Investments" (Schuldtitelbeteiligungen) nun zusammengefasst ausgewiesen, da die Bank von Direktinvestitionen in der eigenen Bilanz zu einem skalierten Geschäft mit Drittfonds übergehe. Früher habe die Bank ihre eigene Bilanz genutzt, um massive Investitionen zu tätigen. Künftig werde sie verstärkt Kapital von externen Investoren aufnehmen und die Investitionen gegen "Management Fees" (Verwaltungsgebühren) und "Incentive Fees" (Erfolgsbeteiligungen) verwalten. Die Zusammenlegung der Bilanzposten sei in diesem Fall ein Signal der Entschlossenheit an den Markt. Zwar hätten diese Änderungen keinen Einfluss auf das Nettoergebnis oder den Bruttoumsatz vergangener Quartale, sie veränderten jedoch den Horizont der Trendlinienanalyse im Vergleich zu neueren Daten.

Ein potenziell wichtiger Aspekt in der Trendentwicklung sei das konsequente Bekenntnis des Unternehmens dazu, dass sich Vergütungen und Sozialleistungen parallel zur Umsatz- und Gewinnentwicklung bewegten. Dies stelle eine implizite Anerkennung der Tatsache dar, dass es bei Banken weniger um Technologie oder Infrastruktur gehe, sondern vielmehr um die Menschen - vom Analysten im operativen Team bis hin zum hochkarätigen Vermögensberater. Wenn es der Bank gut gehe, gehe es im Regelfall auch den Mitarbeitern gut und es würden Anstrengungen unternommen, um die Besten unter ihnen zu halten. In Bezug auf den Umsatzanteil zeigten sich die wichtigsten Geschäftsbereiche und Posten uneinheitlich.

Eine starke Pipeline bei abgeschlossenen Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie höhere Einnahmen im Bereich Prime Financing und "Intermediation" (Marktpflege, Ausführung von Aufträgen und Abwicklung von Transaktionen für Kunden) hätten dazu geführt, dass das Segment "Equities" innerhalb der Sparte Global Banking and Markets (GBM) im Vergleich zum ersten Quartal 2025 um 31 Prozent gestiegen sei. Die Sparte Asset and Wealth Management (AWM) habe dank starker Einnahmen aus Management- und sonstigen Gebühren um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zugelegt. Innerhalb von GBM habe das Segment "Fixed Income, Currency and Commodities" (FICC) einen Rückgang von zehn Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2025 verzeichnet, was auf deutlich niedrigere Nettoeinnahmen bei Zinshilfsprodukten, Hypotheken und Kreditprodukten zurückzuführen gewesen sei. Unterdessen habe das AWM-Segment "Private Banking and Lending" um zwölf Prozent unter dem Niveau von Q1 2025 gelegen. In einem insgesamt positiven Bild für das Unternehmen hätten diese Datenmuster vor dem Hintergrund der Marktstimmung bei zahlreichen Indikatoren herausgestochen.

Kredit-"Kakerlaken" und hartnäckige Inflation

Im Oktober 2025 habe der CEO von JPMorgan, Jamie Dimon, während der Bilanzpressekonferenz für Aufsehen gesorgt, als er den Zusammenbruch des Autokreditgebers Tricolor Holdings und des Autoteilezulieferers First Brands Group als Krisenereignis für den privaten Kreditmarkt markiert habe. "Ich sollte das wahrscheinlich nicht sagen, aber wenn man eine Kakerlake sehe, gebe es wahrscheinlich noch mehr", habe er den Analysten gesagt. "Jeder sollte hier gewarnt sein." Im ersten Quartal 2026 habe sich Dimons Warnung als nicht ganz unbegründet erwiesen: Die Private-Credit-Märkte hätten sich einer Rekordwelle an Rückgabeforderungen in Höhe von insgesamt über 20 Milliarden US-Dollar gegenübergesehen - ein Anstieg von 183 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2025.

Große Firmen wie Blue Owl, BlackRock und Carlyle hätten die Auszahlungen auf fünf Prozent begrenzt, um die Liquidität zu steuern, wodurch Rückgabewünsche in Höhe von rund sieben Milliarden US-Dollar nicht erfüllt worden seien. Dies verdeutliche die zunehmende Belastung des 2-Billionen-Dollar-Sektors, der eng mit globalen Investmentbanken verflochten sei.

Gemessen an der Höhe der Rückgabeforderungen sei Goldman Sachs der größte Fondsverwalter gewesen, der diesen Forderungen nachgekommen sei (etwas weniger als fünf Prozent des Fondswerts). In Meldungen an die US-Finanzaufsichtsbehörde SEC habe die Private-Credit-Plattform von Goldman Sachs angegeben, dass die Zuflüsse in ihren Private-Credit-Fonds im vierten Quartal 2025 um sieben Prozent gesunken seien – im Vergleich zur Konkurrenz ein moderater Rückgang. Zudem hätten die Zuflüsse im Dezember um elf Prozent über dem Jahresdurchschnitt gelegen, die Rückgabequote im letzten Quartal 2025 sei mit 3,5 Prozent niedriger gewesen als bei Mitbewerbern (über fünf Prozent), und das Verhältnis von Zuflüssen zu Rücknahmen habe bei 3,3x gelegen. Das Unternehmen betone, dass "unsichere Märkte eine Flucht in Qualität auslösten" und dass der Februar 2026 der zweitstärkste Monat für Zeichnungen seit Bestehen der Plattform gewesen sei.

Marktunruhe bremst Börsengänge im März

Die Risikovorsorge von Goldman Sachs für Kreditverluste sei gegenüber dem Vorjahr um fast zehn Prozent auf 315 Millionen US-Dollar gestiegen – der größte Anstieg seit 2020. Während der Telefonkonferenz habe CEO David Solomon erklärt, dass das Umfeld für Fusionen und andere Deals zwar widerstandsfähig sei, der Krieg im Nahen Osten jedoch ein Grund zur Sorge bleibe. Die daraus resultierenden hohen Rohstoffpreise könnten künftige Kapitalmarkttransaktionen wie Fusionen oder Anleiheemissionen dämpfen, während Inflationstrends zahlreiche andere Marktbereiche beeinflussen würden, in denen das Unternehmen tätig sei. Solomon habe gesagt, dass die Marktunruhe durch den Krieg insbesondere die Börsengänge im März gebremst habe.

Wie die Ergebnisentwicklung zeige, verfüge das Unternehmen über diverse Einnahmequellen, die als Ausgleich oder Multiplikatoren wirken könnten. Die Inflation – die insbesondere in den USA hartnäckig geblieben sei – stelle ein potenzielles Risiko dar, da Goldman Sachs 60 Prozent seines Umsatzes in Nord- und Südamerika generiere. Bliebe die Inflation hoch, werde der Konsum beeinträchtigt. Zudem bleibe der Leitzins der US-Notenbank Fed länger höher, was die Finanzierung von Deals verteuere und die Schuldentilgung belaste. Damit werde die Inflation für US-Großbanken zu einer Art "zweiköpfigem Ungeheuer".

Wenn die Inflation hartnäckig bleibe und die Zinsen hoch blieben, verstärkten sich Rezessionsaussichten. Dies sei der Zeitpunkt, an dem Finanzdienstleistungsaktien typischerweise auf höheres Interesse stoßen würden. Zwar würden auch Banken von Rezessionseffekten getroffen, aber ihr historisch bewährter, chirurgisch präziser Ansatz zur Kostensenkung und die Umsteuerung auf weniger riskante Aktivitäten führten meist dazu, dass sie weniger betroffen seien und sich schneller erholten. Hinzu komme, dass Goldman Sachs Dividenden zahle – ein weiteres Plus für Anleger. Der Vorstand habe angekündigt, dass Ende Juni eine Quartalsdividende von 4,50 US-Dollar ausgezahlt werde.

Alles in allem hätten die Märkte zwar auf die makroökonomische Trübung reagiert, doch diese erste Reaktion sei vermutlich verfrüht gewesen. Am 14. April habe die Aktie wieder um 2,11 Prozent zugelegt – möglicherweise in Anerkennung der diversifizierten Ertragsbasis und des Werts der Aktie aufgrund der genannten Vorzüge. Dennoch gelte: Keine Aktie existiere in einer Blase. Sollten die Märkte bärisch werden, dürfte auch die Aktie von Goldman Sachs volatil bleiben. (17.04.2026/alc/a/a)