Inflationsgespenster und langfristiges Inflationspotenzial


13.08.21 09:55
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Kurzfristig (in den kommenden 12 bis 24 Monaten) ist klar, dass die Inflationsraten bzw. deren Jahresveränderungsraten in den großen entwickelten Volkswirtschaften (Euroraum, USA) erstmal wieder sinken sollten, aber mittel- bis langfristig gibt es derzeit sehr viele Unwägbarkeiten und unterschiedliche Meinungen der Ökonomen, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Je nachdem, wie sich politische Präferenzen gestalten würden, sei sowohl in den USA wie Europa in den kommenden zehn Jahren mit höheren Inflationsraten als in den letzten zehn Jahren zu rechnen - eine Hyperinflation würden die Analysten aber eindeutig nicht sehen!

In den USA sei die Konsumentenpreisinflation in den letzten Monaten auf viel beachtete Werte über 5% angestiegen. In Europa könnten wir in den kommenden Monaten bei den Konsumentenpreisen an der 3% Marke kratzen, in Deutschland sind Preissteigerungen an die 4% möglich, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI). Was sich derzeit auf den Güter- und Dienstleistungsmärkten abspiele, sei genau genommen aber (noch) nicht Inflation! Die Analysten würden "nur" mehr oder minder kräftige Preissteigerungen gegenüber dem Vorjahr sehen - auch geprägt durch Sondereffekte.

Von Inflation spreche man erst, wenn sich die Preisentwicklung über einen längeren Zeitraum kontinuierlich nach oben bzw. über das Inflationsziel der Notenbank bewege. Aus diesem Grund würden Notenbanken bei ihren Inflationszielen auch immer die Mittel- und Langfristigkeit der Zielvorgabe in den Vordergrund stellen. Deshalb würden auch die Vertreter der EZB wie auch der Federal Reserve betonen, dass aktuelle Preisanstiege vorerst einmal nicht besorgniserregend und "temporär" ("transitory") seien, weil eben kurzfristiger Natur. Entscheidend sei daher, was spiele sich längerfristig ab und welche Einflussfaktoren würden für die Preisentwicklung relevant.

Die nächsten zehn Jahre hätten ein deutlich höheres Inflationspotenzial als die vergangenen zehn Jahre. Die Analysten würden denken, dass einige der strukturell und global preisdämpfenden Faktoren der letzten Dekaden in den 2020er Jahren schrittweise an Wirkungskraft verlieren könnten (z.B. Globalisierung, Demografie bzw. Ersparnisüberhang). Andere preisdämpfende Faktoren würden (Digitalisierung) verbleiben, während die Analysten auch einige gesellschaftspolitische Trends sehen würden, die durchaus nachhaltig preiserhöhende Implikationen haben könnten. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass die Phase seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise 2008/2009 eine deutlich unterdurchschnittliche Güterpreisentwicklung und eine deutlich überdurchschnittliche Finanzmarkt-Preisentwicklung gegenüber den langfristigen Trends gebracht habe.

Die Überschussliquidität der Zentralbanken, die von Finanzintermediären in Geldmenge der Nichtbanken gewandelt werde, dürfte aufgrund demografischer Entwicklung künftig anteilsmäßig weniger in die Finanzmärkte als in den privaten Konsum fließen. Damit nehme der Einfluss des Geldmengenwachstums auf die Preisbildung am Finanzmarkt tendenziell ab und bei den Konsumentenpreisen tendenziell zu. Bei expansiver Geldmengensteigerung von über 4-5% p.a. könne daraus eine künftig schwächere Preisentwicklung auf den Finanzmärkten und eine unterstützte Preisentwicklung bei den Verbraucherpreisen abgeleitet werden, wobei preisdämpfende Effekte aus dem Rückbau von Vermögenswertpreisblasen - gerade am Immobilienmarkt - möglich seien.

In den letzten zwei bis drei Dekaden habe vor allem das ökonomische Kalkül internationale Standort- oder Lieferkettenentscheidungen bestimmt. Dies könnte sich durch in den Vordergrund gerückte geopolitische und vor allem auf den Klimaschutz und weitere der ESG-Faktoren bezogene Entwicklungen ändern. Auch wenn hier teils marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt würden, müssten die Analysten eine Tendenz zu einem höheren Anteil an administrativ-staatlicher Preisfestsetzung feststellen. Da es sich bei Klimaschutz und ESG um globale Entwicklungen handele, könnten daraus nachhaltig preistreibende Trends entstehen. Nicht zu vernachlässigen sei hier auch, dass die USA durch einen substanziell preistreibenden Politikmix geprägt seien, deutlich stärker als in Europa. Dieser könne aber durchaus - wie wirtschaftshistorisch beobachtbar - Übertragungseffekte in andere Länder entwickeln.

Es müsse auch festgehalten werden, dass obige Themen sowie die COVID-19-Pandemie schon eine Ausbreitung des Sektors Staat in wirtschaftlichen Belangen gebracht hätten und möglicherweise noch bringen würden. Das schließe nicht nur die fiskalische, sondern nicht unwesentlich auch die regulatorische Tangente mit ein. Je stärker der öffentliche Bereich in wirtschaftliche Aktivitäten eingreife, desto größer sei auch die Gefahr höherer Preisentwicklungen im Vergleich zu einem marktwirtschaftlich dominierten Wirtschaftssystem.

Allerdings gelte zu betonen, dass gerade in Europa bzw. im Euroraum (leicht) höhere Inflationsraten näher bei den Werten der 1990er oder frühen 2000er Jahre nicht per se negativ zu interpretieren seien. Auch in der Vergangenheit hätten marktwirtschaftliche Systeme gut mit durchschnittlichen Preissteigerungsraten um 2 bis 3% bestehen können. Solche Konsumentenpreissteigerungsraten würden die Analysten in der Eurozone und hier vor allem in Ländern mit schon jetzt engen Arbeitsmärkten (z.B. Österreich, Deutschland) längerfristig durchaus im Bereich des Möglichen sehen. Zumal auch in solchen exportlastigen Ökonomien die skizzierten möglichen auslaufenden Effekte der Globalisierung besonders zum Tragen kommen könnten.

Wie hoch die künftige Teuerungsrate tatsächlich ausfalle, hänge auch von der Berechnung der Preisindices ab. Die hedonische Methode führe tendenziell zu einem niedrigeren Ausweis der Preissteigerung, weil Qualitätsverbesserungen preisreduzierend kalkuliert würden.

Bei einer etwas prononcierteren mittel- und langfristigen Reflationsdynamik in Europa sollte zudem der Ausstieg aus (großen) Teilen unkonventioneller geldpolitischer Maßnahmen längerfristig möglich werden. Sollten die Inflationserwartungen bzw. -risiken nach der Welle der aktuellen Einmaleffekte in den Jahren 2021/2022 steigen, würden die Analysten die großen Notenbanken in der Lage sehen, steigende Inflationserwartungen mit konventionellen Mitteln einzudämmen - auch wenn dies (für Finanz-Marktakteure) die eine oder andere Überraschung bringen könnte. (13.08.2021/alc/a/a)