Inflation der Eurozone wird das Jahr sehr wahrscheinlich über 2% beschließen


01.11.24 09:40
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Inflationsveröffentlichung in der Eurozone für den Oktober sorgte für etwas Ernüchterung, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Nach der deutlich schwächer als erwarteten Inflation im September hätten sich die Erwartungen für Oktober zu weit nach unten verschoben, da die Inflation nun über den Erwartungen berichtet worden sei. Die Gesamtrate sei von 1,7% p.a. im September auf 2,0% p.a. im Oktober gestiegen. Die Kerninflation, welche Energie- und Lebensmittelpreise exkludiere, sei konstant bei 2,7% p.a. geblieben. Auch die Kern-Dienstleistungen, welche aktuell für den Inflationsausblick die wohl wichtigste Kenngröße darstellten, hätten bei 3,9% p.a. verharrt. Seit November 2023 stagniere die Dienstleistungspreisinflation nun bereits nahe 4%. Daran sollte sich auch bis Jahresende nichts ändern. Statistische Effekte würden die Inflationsraten in der Eurozone im November nämlich nach oben treiben.

Die Inflation der Eurozone werde das Jahr somit sehr wahrscheinlich über 2% und damit über dem Inflationsziel beschließen. Aber auch wenn die Jahresveränderungsraten steigen würden, könnte die kurzfristige Dynamik weiter in Richtung Annäherung zum Inflationsziel deuten. Bleibe die aktuelle Dynamik erhalten, werde die annualisierte 3M/3M-Veränderung der Kerninflation im Dezember nur noch knapp über 2% und jene bei den Kerndienstleistungen nur noch knapp über 3% liegen. Für das weitere Vorgehen der EZB interpretierten die Analysten die jüngsten Entwicklungen als Bestätigung, dass ein gradueller Zinssenkungszyklus das wahrscheinlichste Szenario darstelle, was eine Zinssenkung um 0,25%-Punkte im Dezember impliziere.

Die Schnellschätzungen zum Q3-BIP in der Eurozone hätten fast durch die Bank weg positiv überrascht. So hätten Frankreich und Spanien mit einem Quartalswachstum von 0,4% und 0,8% stärker zulegen können, als gemeinhin erwartet worden sei (Konsensschätzungen: 0,3% und 0,6%). Zu bedenken sei dabei, dass in Frankreich die Olympischen Spiele wohl einen positiven Einmaleffekt ausgelöst hätten.

Auch die Sorgenkinder Deutschland und Österreich hätten Positives vermelden können. Das deutsche BIP sei im Quartalsvergleich um 0,2% gewachsen, erwartet worden sei ein erneuter Rückgang in Höhe von 0,1%. Ähnlich sei es in Österreich gewesen, wo ein Zuwachs von 0,3% verbucht worden sei (Raiffeisen Research-Schätzung: -0,1%). Italien habe eine Stagnation ausweisen müssen (Konsensschätzung: 0,2%), während das BIP in dem für Volatilität bekannten Irland stark zugelegt habe (2% p.q.).

Vor diesem Hintergrund sei das Eurozonen-Aggregat um 0,4% gestiegen (Raiffeisen Research & Konsens: 0,2%). Selbst bei einem Absehen von Einmaleffekten wie den Olympischen Spielen und den starken irischen Zahlen sehe es also weiterhin nicht danach aus, als würde die Eurozonen-Wirtschaft zeitnah in eine Rezession abrutschen. Nichtsdestotrotz entwickelten sich insbesondere die Investitionen angesichts restriktiver Geldpolitik sowie erhöhter geopolitischer Unsicherheit weiter verhalten - das aktuelle Momentum sei also mehrheitlich konsumgetrieben.

Die US-Konjunktur habe sich im dritten Quartal gewohnt robust präsentiert, die Konsensschätzung in Höhe von 3% (p.q., annualisiert) sei mit einem Wachstum von 2,8% nur marginal verfehlt worden. Auch in den USA blieben die Konsumausgaben weiterhin maßgeblich für die aktuelle solide Entwicklung.

Am Datenkalender der nächsten Woche stünden in der Eurozone neben nationalen Daten zur Industrieproduktion im September verschiedene Stimmungsindikatoren im Fokus. Neben weiteren nationalen PMI-Daten für Oktober werde mit dem Sentix der erste Vorlaufindikator für den Monat November erscheinen. Die Analysten prognostizierten hier einen Anstieg von -13,8 auf -12,7 Punkte und somit eine leichte Aufhellung des Stimmungsbildes. In den USA werde der ISM für das nicht-verarbeitende Gewerbe Aufschluss über die aktuelle Lage abseits des verarbeitenden Sektors liefern.

Das wahre Highlight der nächsten Woche stellten allerdings die am 5. November stattfindenden US-Präsidentschaftswahlen dar. Donald Trump habe zuletzt in Meinungsumfragen und auch auf den Wettmärkten zulegen können, nichtsdestotrotz könne der Ausgang der Wahlen zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhergesehen werden. Wichtig sei neben der Frage Trump oder Harris aber auch die letztendliche Zusammensetzung des US-Kongresses, da diese die Umsetzbarkeit von Maßnahmen maßgeblich beeinflussen könne. Alles in allem hätten die US-Wahlen durchaus das Potenzial, das globale Wirtschaftsgefüge nachhaltig zu verändern.

Im Schatten der US-Präsidentschaftswahl tage nächste Woche der 12-köpfige Offenmarktausschuss der US-Notenbank Fed, um über eine etwaige Zinssenkung abzustimmen. Zur Abstimmung vorliegend werde wohl eine Zinssenkung um 25 Basispunkte, die diesmal wohl auch einstimmig angenommen werde. Nach der umstrittenen Zinssenkung um 50 Basispunkte im September solle die Fed nun bemüht sein, Unsicherheit zu reduzieren.

Ausschlaggebend für das gewagte Vorgehen im September seien Ängste gewesen, dass sich der US-Arbeitsmarkt rascher abkühlen könnte. Zumindest in der Zeit seit der letzten Zinssitzung hätten sich diese Ängste nicht bewahrheitet. Mit einer Arbeitslosenquote von 4,1% und einem monatlichen Beschäftigungswachstum von 254 Tausend Stellen habe der US-Arbeitsmarkt im September sogar positiv überrascht. Steile Renditeanstiege seien die Folge gewesen. Treasury-Renditen seien im Oktober um 50 Basispunkte gestiegen.

Der heutige Arbeitsmarktbericht für Oktober sei demnach ein wichtiger Datenpunkt für den Zinsmarkt. Auch aufgrund der Hurrikans im Süden der USA werde von einem geringeren Beschäftigungszuwachs im Oktober ausgegangen. Die Konsensus-Erwartung liege bei knapp über 100 Tausend und die Arbeitslosenrate werde stabil bei 4,1% erwartet. Da sich die Zinserwartungen gegenüber der Fed bereits auf einem vergleichsweise hawkischen Niveau befänden, würden die Analysten sinkenden Renditen eine höhere Wahrscheinlichkeit zumessen als steigenden Renditen. Anders ausgedrückt: Sollte der Arbeitsmarktbericht erneut positiv überraschen, müsse dies nicht zwangsläufig zu steigenden Renditen führen, aber sollte eine negative Überraschung eintreten, sollten Renditen nachgeben.

In Anbetracht der bevorstehenden Präsidentschaftswahl sei es aber fraglich, ob so kurz vor diesem Event-Risiko noch große Positionierungen eingenommen würden. Eines sei aber klar, die nächsten Tage mit Arbeitsmarktbericht, Präsidentschaftswahl und Fed-Sitzung würden für den Treasury-Markt bis Jahresende richtungsweisend sein. (Ausgabe vom 31.10.2024) (01.11.2024/alc/a/a)