Inflation im Euroraum dürfte noch einige Monate über der 2%-Schwelle liegen


22.11.24 15:25
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Nach der Oktober-Überraschung dürfte die Inflation im Euroraum noch einige Monate über der 2%-Schwelle liegen, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Für November erwarte man eine Gesamtinflation von 2,2% im Jahresvergleich (nach 2,0% im Oktober), wobei die Haupttreiber sowohl Basiseffekte als auch der Preisanstieg bei den Energiepreisen seien. Die Kerninflation dürfte stabil bleiben und im November wie im Vormonat bei 2,7% im Jahresvergleich liegen. Mit dem meisten Interesse blicke man auf die Lebensmittelpreise, die im Oktober für die größte Überraschung gesorgt hätten.

Aus den in dieser Woche veröffentlichten detaillierten Zahlen gehe hervor, dass vor allem die Preise für frisches Obst und Gemüse im Oktober um 2,7% bzw. 5,7% im Vergleich zum Vormonat gestiegen seien. Die Frage sei nun, wie anhaltend dieser Anstieg bleibe: Wenn die Teuerung bei Nahrungsmitteln in die Nähe des früheren Niveaus zurückgehe, sei das Oktober-Ergebnis nur eine kleine Anomalie. Wenn sich diese Entwicklung als nachhaltig erweise, werde sie das Tempo der Gesamtinflation für 2025 maßgeblich bestimmen.

In der aktuellen Woche habe das Hauptaugenmerk in der Eurozone auf dem Erscheinen der PMI-Schnellschätzungen für November gelegen. Die Veröffentlichung habe mit einer negativen Überraschung aufgewartet. So sei der Eurozonen-PMI für das verarbeitende Gewerbe von 46 auf 45,2 Punkte gefallen, während sein Pendant für den Dienstleistungssektor von 51,6 auf 49,2 Punkte gesunken sei und damit nun ebenfalls unter der 50 Punkte-Marke notiere. Die adverse Entwicklung der November-PMIs schüre abermals Wachstumssorgen betreffend die Eurozone und stütze die Annahme, dass das BIP-Wachstum im vierten Quartal wieder schwächer ausfallen werde als im überraschend starken dritten Quartal.

Nächste Woche stünden mit den November-ESI-Indikatoren bereits weitere Stimmungsindikatoren in den Startlöchern. Hier erwarte man wie bei den PMIs einen deutlichen Rückgang in der Komponente für den Dienstleistungssektor (7,1 auf 6 Punkte), während die Komponente für den Industriesektor ihr Niveau in etwa halten sollte (-13 auf -12,9 Punkte). Betreffend des ebenfalls erscheinenden deutschen ifo-Index für November gehe man von einem leichten Rückgang der Komponente für die gegenwärtige Lage (85,7 auf 85,5 Punkte) und einem leichten Anstieg der Komponente für die Zukunftserwartungen (87,3 auf 87,5 Punkte) aus. Eine solche Entwicklung würde keine Veränderung in der Maßzahl zum Geschäftsklima (86,5 Punkte) implizieren.

In den USA stünden neben der PCE-Inflation für Oktober die zweite Schätzung zum BIP-Wachstum im dritten Quartal auf der Agenda. Die initiale Schätzung sei mit 2,8% (p.q., annualisiert) nur knapp unter den Erwartungen von 3% veröffentlicht worden, getrieben durch einen starken Konsum habe sich die US-Wirtschaft also auch zu Beginn der zweiten Jahreshälfte außerordentlich solide präsentiert.

Der Zinsmarkt bleibe geprägt von Divergenz. Zwar habe sich eine gewisse Beruhigung der zuletzt gegenläufigen Entwicklungen in den USA und Europa nach den ersten Trump-Turbulenzen abgezeichnet, die neuerlich schwachen Konjunktursignale aus der Eurozone seien aber mit abermaligen Rückgängen bei Bund-Renditen kurzer Laufzeiten einhergegangen. In den USA habe sich der Zinsmarkt jedoch etwas stabilisiert. Dies liege auch daran, dass es an ökonomischen Datenveröffentlichungen gemangelt habe oder jene Daten, die veröffentlicht worden seien - wie etwa US-Verbraucherpreisdaten - in etwa den Erwartungen entsprochen hätten. Letztere Daten hätten jedoch gezeigt, dass die Zeiten von rascher Disinflation in den USA ein Ende gefunden hätten.

Nächste Woche werde der Zinsmarkt seinen Fokus auf die PCE-Inflation richten. Ein Anstieg bei jener für die Fed wichtigen Kerninflationsrate sei zu erwarten und dieser könnte sich bis Jahresende weiter fortsetzen. Inflationswachsamkeit bei gleichzeitigem Blick auf den Arbeitsmarkt bleibe somit das Gebot der Stunde. Auch das Protokoll der Fed-Zinssitzung vom November werde nächste Woche zur Verfügung stehen. Am Zinsmarkt sei ein hawkisher Grundtenor schon länger eingekehrt. Dieser gehe mittlerweile sogar so weit, dass selbst eine Pause des Zinssenkungszyklus auf der nächsten Sitzung im Dezember keineswegs mehr ausgeschlossen werde: die gepreisten Wahrscheinlichkeiten stünden schon bei fast 50:50. Man rechne aber nach wie vor mit einer Zinssenkung um 25BP der Fed im Dezember.

Gleiches gelte für die EZB. Hier sehe der Zinsmarkt aber eine nennenswerte Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung um 50BP. Konjunkturrisiken stünden bei diesen Überlegungen im Vordergrund. Am besten spiegelten sich diese divergierenden Tendenzen im EUR/USD-Wechselkurs wider, welcher diese Woche die Marke von 1,05 unterschritten habe.

Das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahlen habe dazu veranlasst, die Zinsprognosen für die Schweiz zu reevaluieren. Die globale Unsicherheit und die Euro-Schwäche würden den Schweizer Franken-Wechselkurs unter Druck setzen, was die Schweizer Inflation jetzt schon deutlich senke. Die Oktober-Inflation habe bei 0,6% (nach 0,8% im September) gelegen, wobei die SNB die Deflationsrisiken höher einschätze als den Inflationsdruck. Man gehe davon aus, dass der Abwärtsdruck auf EUR/CHF im Jahr 2025 zunehmen und die Deflationsrisiken weiter erhöhen werde. Darüber hinaus könnte dies die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz in einer Zeit schwacher Nachfrage aus dem Euroraum und möglicher US-Zölle schwächen. Daher sehe man eine erhöhte Notwendigkeit für die SNB, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, und erwarte für 2025 zwei zusätzliche Zinssenkungen als bisher angenommen.

Man rechne mit Zinssenkungen um 25 Basispunkte im März, Juni und September. Damit belaufe sich der Leitzinssatz für die Schweiz 2025 bei 0%, wo man auch das Ende des Zinssenkungszyklus sehe. Die SNB habe derzeit keine Pläne, negative Leitzinsen festzulegen, schließe dies aber zu einem späteren Zeitpunkt nicht aus. Darüber hinaus seien Devisenmarktinterventionen in den kommenden Quartalen wieder wahrscheinlicher. (22.11.2024/alc/a/a)