Eurozone: Inflationsdaten im Fokus


26.05.22 08:44
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Unsicherheit in Bezug auf den Wirtschaftsausblick bleibt hoch, und so wurden auch in dieser Woche in vielen Finanzmarktkommentaren Konjunktursorgen thematisiert, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Immerhin seien in der Eurozone und den USA die Einkaufsmanagerindices (PMI) für Mai etwas stärker als erwartet gesunken, insbesondere im Dienstleistungssektor. Während die Details im Euroraum im Industriebereich einen Abschwung signalisieren würden, würden aber die restlichen Umfragen nach wie vor auf ein robustes Wachstum hindeuten. Am Datenkalender für nächste Woche seien in den USA mit den ISM Indices und dem Arbeitsmarktbericht zwei Daten-Schwergewichte vermerkt. Die US ISM Indices hätten im April klar im Expansionsbereich mit Werten von nahe 55 Punkten (Verarbeitendes Gewerbe) oder sogar darüber (Nicht-Verarbeitendes Gewerbe) gelegen.

Ähnlich wie bei den PMIs werde das Thema der Angebots-Engpässe im Fokus stehen. In den USA seien Angebotsengpässe nicht nur auf den Produktmärkten, sondern auch am Arbeitsmarkt zu spüren. Demnach werde auch dem Arbeitsmarktbericht besondere Beachtung geschenkt werden. Das Beschäftigungswachstum sei in den letzten Monaten stark gewesen, der Drei-Monatsdurchschnitt liege über 500K und das Beschäftigungsniveau liege nur noch 1,2 Millionen Beschäftigte unter dem Vorkrisenniveau (Februar 2020). In Anbetracht erhöhter Inflationsrisiken werde auch die Lohnentwicklung genau verfolgt, wo Finanzmärkte aktuell besonders sensibel auf Überraschungen reagieren würden.

In der Eurozone stünden kommende Woche die Inflationsdaten im Vordergrund. Die Analysten würden im Mai mit einem leichten Anstieg der Inflation auf 7,6% im Jahresvergleich rechnen, der vor allem auf stärker steigende Lebensmittelpreise zurückzuführen sei. Den Anstieg der Lebensmittelpreise würden sie bei rund 7,0% p.a. ansetzen. Auch die Energieinflation dürfte nach dem Rückgang im April geringfügig auf über 38% p.a. steigen, was aber unter dem Höchststand vom März (44,3% p.a.) liege. Die Analysten würden davon ausgehen, dass die Kerninflation mit 3,5% p.a. stabil bleiben werde. In den folgenden Monaten dürfte der Beitrag der Energieteuerung langsam zurückgehen.

Das Hochschießen der Energiepreise habe im zweiten Halbjahr 2021 eingesetzt und somit kämen im weiteren Verlauf Basiseffekte zum Tragen. Für die Inflationsdynamik in der zweiten Jahreshälfte würden sich zwei wichtige Fragen stellen: Würden die Lebensmittelpreise weitere Überraschungen bereithalten, und inwieweit werde das Lohnwachstum Druck auf die Kerninflation ausüben? Jedenfalls erscheine klar, dass sich das Lohnwachstum beschleunigen werde, und so würden die Analysten eine erhöhte Kerninflation bis weit ins kommende Jahr erwarten.

Nach den vielen Wortmeldungen von EZB-Ratsmitgliedern in den letzten Wochen habe nunmehr Präsidentin Lagarde die anstehende Vorgehensweise der Geldpolitik klar umrissen. In der kommenden Zeit sei eine Normalisierung beabsichtigt, da sich das mittelfristige Inflationsbild nachhaltig geändert habe. Die mehrjährige Phase der Niedriginflation gelte als abgeschlossen. Gleichzeitig sei die hohe Teuerung nicht nachfragegetrieben und die Inflationserwartungen seien am Zielwert der Notenbank, sodass ein Umschwenken in eine restriktive Geldpolitik aktuell nicht zielführend erscheine. Konkret würden Anfang Q3 die Netto-Anleihekäufe beendet, und im Juli und September seien Leitzinsanhebungen von je 25 Basispunkten angedacht, um so einem weiteren Element - der Negativzinspolitik - ein Ende zu setzen.

Das Tempo und der Zielwert des Zinsanhebungszyklus würden nicht vorab festgelegt. Die EZB möchte aufgrund der bestehenden wirtschaftlichen Unsicherheiten graduell vorgehen und sich Optionen offenhalten. Solange Inflation nicht durch Übernachfrage oder zu hohe Inflationserwartungen getrieben werde, wolle man sich an eine neutrale Geldpolitik - welche man im Voraus nicht genau bestimmen könne - Schritt für Schritt annähern und auf ungewünschte Nebenwirkungen (Fragementierung) flexibel reagieren. Dies bedeute aus Sicht der Analysten, dass ab Q4 Zinsanhebungen von 25 Basispunkten pro Quartal angedacht seien, womit nach ihrer Interpretation das aktuelle Marktpricing zu aggressiv sei.

Zudem konzentriere sich der weitere Normalisierungsprozess zunächst auf die Leitzinsen. Das Herunterschrauben von Reinvestitionen abreifender Anleihen (Bilanzabbau) stehe fürs Erste nicht zur Debatte. Die doch sehr klaren Ausführungen von Lagarde (und der oftmalige Verweis darauf durch andere EZB-Ratsmitglieder) würden viel Spannung aus der Zinssitzung Anfang Juni nehmen. (Ausgabe vom 25.05.2022) (26.05.2022/alc/a/a)