Entspannung der Inflationsdynamik erscheint noch nicht absehbar


27.06.22 08:56
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die Schnellschätzungen der Einkaufsmanagerindices (PMI) - die wohl meistbeachteten Konjunkturfrühindikatoren für die Eurozone - sorgten in der abgelaufenen Woche für Ernüchterung, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Der Rückgang sei im Industrie- und Dienstleistungsbereich zum ersten stärker ausgefallen als allgemein erwartet. Zweitens würden auch die Details wenig Gutes für die nahe Zukunft verheißen. Die vorwärts gerichteten Umfragen (Auftragseingang, Geschäftserwartungen) hätten sich deutlich abgekühlt. Zudem zehre das Verarbeitende Gewerbe zunehmend vom Auftragsbestand, der Arbeitsrückstand beginne sich aber aufgrund der verringerten Neubestellung zu reduzieren. In Summe würden diese jüngsten Ergebnisse die Konjunkturmeinung der Analysten bestätigen, in der sie insbesondere dem Industriesektor ein schwieriges Jahr voraussagen würden. Der Dienstleistungsbereich werde sich aufgrund verringerter Corona Beschränkungen zwar besser halten, den Aufschwung aber nicht retten können.

Die von vielen unterstellte Konjunkturbeschleunigung in der zweiten Jahreshälfte erscheine zunehmend unrealistisch. Dagegen würden der Abwärtstrend bei vielen Konjunkturumfragen sowie die jüngsten Friktionen auf den Energiegütermärkten das Szenario einer in den kommenden Quartalen stagnierenden Wirtschaft gepaart mit hoher Inflation bestätigen. Auch die Daten in der kommenden Woche sollten dieses Bild zeichnen. Im Juni dürfte sich die Eintrübung der Sentiment Indikatoren der EU-Kommission (Industrie-, Dienstleiter-, Wirtschaftsvertrauen) sowie der Aufwärtstrend der Inflation klar fortgesetzt haben.

Die Analysten würden eine erneute Beschleunigung der Inflation auf 8,4% p.a., gegenüber 8,1% im Mai erwarten. Haupttreiber dieses weiteren Anstiegs dürften Energie- und Lebensmittelpreise sein, die Kerninflation dürfte im Juni dagegen nur geringfügig auf 3,9% p.a. ansteigen (Mai 3,8% p.a.). Die Analysten würden davon ausgehen, dass sich die Energiepreise auf etwas über 40% im Jahresvergleich beschleunigen würden, immerhin seien die Kraftstoffpreise im Juni stark gestiegen.

Bei den Lebensmittelpreisen dürfte die monatliche Inflationsdynamik zwar abnehmen, und die Inflation dürfte im Monatsvergleich unter 1% liegen. Dies sei jedoch immer noch stark genug, um den Anstieg im Jahresvergleich zu beschleunigen, der somit über 8% p.a. liegen könnte. Für den Rest des Jahres würden die Analysten eine annähernd stabile Inflation erwarten, da der Anstieg der Lebensmittelpreise und der Auftrieb in der Kerninflation langsam durch den Basiseffekt der Energiepreise ausgeglichen werden dürfte.

Während das Energiepreisniveau voraussichtlich hoch bleiben werde, werde die jährliche Inflationsdynamik abnehmen, da der aktuelle Energiepreisschock in der zweiten Jahreshälfte 2021 eingesetzt habe. Dieser Basiseffekt werde sich im vierten Quartal 2022 noch verstärken, und die Gesamtinflation dürfte trotz der anhaltend starken Kern- und Nahrungsmittelinflation zurückgehen.

Auch in den Vereinigten Staaten seien die jüngsten PMI-Zahlen wenig vielversprechend gewesen. Die Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe (52,4) und den Dienstleistungssektor (51,6) seien auf Werte nahe 50 gefallen, wobei der Produktionsindex des Verarbeitenden Gewerbes sogar etwas darunter zu liegen gekommen sei. Die Nachfrage der US-Verbraucher scheine angesichts der nachlassenden Kaufkraft nachzugeben, während sich gleichzeitig die Angebotsbeschränkungen jedoch etwas entspannt hätten (die Sub-Komponenten zu Lieferzeiten und Preisentwicklungen).

Die Veröffentlichung der PMIs könne als schlechtes Omen für die Datenveröffentlichungen der nächsten Woche angesehen werden, wenn der monatliche Bericht zum persönlichen Einkommen und Konsum (einschließlich der PCE-Inflation) und der ISM-Index im Fokus stünden. Im letzten Monat sei der reale Konsum überraschend positiv gewesen (0,7% p.m.), auch bei langlebigen Konsumgütern (2,3% p.m.), von denen man annehmen könnte, dass sie empfindlicher auf Zinsänderungen reagieren würden.

Es werde daher interessant zu sehen, ob das Konsumverhalten im Mai die Verschlechterung der Stimmung bestätige. Die erwartete PCE-Inflation von 6,5% (Gesamtinflation) und 4,8% (Kerninflation) dürfte kaum eine Erleichterung darstellen. Eine gewisse Abschwächung der Konjunkturdynamik bei weiterhin hohem Inflationsdruck dürfte die kurzfristigen Aussichten zur FED nicht verändern. Die jüngste Renditebewegung am Treasury-Markt, diesmal nach unten, sei durch die mittelfristigen Aussichten und eine Anpassung der Risikoabwägung ausgelöst worden. Die Erwartung einer Federal Funds Rate von nahezu 3,5% bis zum Jahresende sei unverändert geblieben.

Nach den starken Anstiegen am EUR-Zinsmarkt im Juni, die zehnjährige Bund Rendite habe 1,8% erreicht, sei es in den letzten Tagen zu einem deutlichen Re-Pricing am Markt gekommen, sodass die genannte Benchmark nun bei 1,4% notiere. Veränderungen von 40 BP in nur zwei Tagen würden die hohe Volatilität und Unsicherheit am Markt zeigen. Als Auslöser der jüngsten Richtungsänderung bei den Benchmark-Renditen könne ein stärkeres Bewusstsein der konjunkturellen Abwärtsrisiken insbesondere in Europa identifiziert werden, welches durch schwächer als erwartete PMIs im Juni hervorgerufen worden sei. Wie oben beschrieben erwischt uns dies keineswegs am falschen Fuß, da unser Prognosebild seit einiger Zeit von einer stärkeren konjunkturellen Eintrübung ausgeht, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG.

Auch am Zinsmarkt seien die Analysten im Einklang damit von niedrigeren Renditen bis Jahresende ausgegangen, wenn die Inflationssorgen ihren Höhepunkt hinter sich gelassen hätten und sich neben Konjunktursorgen auch schwache reale Wirtschaftsdaten manifestiert hätten. Nun sei der Renditeabwärtsdruck etwas früher eingetreten als von ihnen erwartet. Auf Sicht der nächsten Monate würden die Analysten erhöhte Volatilität erwarten. Auch wenn sich die Konjunkturindikatoren von nun an stärker in Richtung des Prognosebilds entwickeln sollten, könne im aktuellen Umfeld auch rasch wieder Renditeaufwärtsdruck entstehen.

Eine Entspannung der Inflationsdynamik erscheine noch nicht absehbar und die EZB werde im dritten Quartal im Vergleich zu ihrer bisherigen Kommunikation nachlegen müssen. Auch wenn der Markt aktuell eine aggressivere EZB preise, könnte es ein in der Eurozone ein hawkisher Sommer werden, indem Inflationssorgen und Konjunktursorgen abwechselnd den Markt bestimmen würden. (Ausgabe vom 24.06.2022) (27.06.2022/alc/a/a)