US-Zölle vs. Inflation: FED-Zinssenkung erst Ende 2025?


25.06.25 09:00
National-Bank AG

Essen (www.anleihencheck.de) - Die internationalen Rentenmärkte geraten in immer komplexeres Fahrwasser, berichten die Analysten der National-Bank AG.

In den nächsten Monaten dürfte sichtbar werden, wie der Saldo der inflationstreibenden Kräfte aus den Zollmaßnahmen der USA ausfalle. Auf der einen Seite würden derzeit die inflationsdämpfenden Effekte der wirtschaftspolitischen Unsicherheit wirksam. Dies betreffe einerseits die insgesamt sinkende gesamtwirtschaftliche Nachfrage, die sich in einem sich weiter ausprägenden abwärts gerichteten Kernpreistrend manifestiere. Auf der anderen Seite würden derzeit in besonders zoll-exponierten Bereichen die ersten Ausläufer der US-Zölle spürbar. Die nächsten Monate und Datenpunkte sollten nun darüber Aufschluss geben, ob die disinflationären binnenwirtschaftlichen Kräfte weiterhin so dominant bleiben würden oder ob sich die Preisimpulse nun von der Importseite mehr und mehr durchsetzen würden.

Bis zuletzt hätten hier eindeutig die preisdämpfenden Faktoren überwogen - vor allem bei größeren und dauerhaften Produkten wie den Autos, bei denen die Absätze unter der zunehmenden Verunsicherung der US-Verbraucher gelitten hätten. Gemäß ihren Simulationen sei davon auszugehen, dass der unterliegende Inflationstrend durch die temporären Inflationsimpulse der umfangreichen US-Zölle zwar zunächst überkompensiert werde, jener aber viel deutlicher abwärts gerichtet bleiben dürfte, als es an den Märkten eskomptiert werde.

Die US-Notenbank könnte in den nächsten sechs bis zwölf Monaten in eine Situation geraten, in der der Kernpreistrend immer mehr Fahrt nach unten aufnehme, während die tarifären Inflationsimpulse sukzessive ausklingen würden. Ohnehin dürften Letztere auf eine Wirtschaft treffen, die immer weniger ausgelastet sei, sodass die preistreibenden Effekte der Zölle nicht auf so fruchtbaren Boden fallen würden wie in einer voll ausgelasteten Wirtschaft. Es bleibe somit abzuwarten, wie sich die Daten im Einzelnen konkret weiterentwickeln würden.

Schließlich seien mit dem Krieg zwischen Israel und Iran die Risiken für Energiepreisschocks erheblich gestiegen. Hier komme es vor allem auf die Länge des Konfliktes bzw. der Erhöhung der Ölpreise an: Sollten die Energiepreise nur wenige Wochen auf dem erhöhten Niveau blieben, dürften die meisten Volkswirtschaften diese Entwicklung relativ problemlos überstehen. Bei einem Andauern des Konflikts über Monate wären die Wirkungen aber voraussichtlich signifikant.

Mit Blick auf die ökonomischen Unsicherheiten habe die US-Notenbank das Zielband für die Federal Funds Rate zuletzt unverändert gelassen und somit nunmehr seit Dezember 2024 nicht mehr verändert. Die Notenbank sehe sich in einer schwierigen Lage angesichts der absehbaren inflationären Wirkung der Zölle, der Abwertung des US-Dollar sowie zunehmender Anzeichen von Nervosität auf den Bondmärkten, die auf ein nachlassendes Vertrauen in die Fähigkeit der FED, Preisniveaustabilität zu gewährleisten, hätten schließen lassen.

Auf der anderen Seite widersprächen die sehr schwachen Verbraucherpreiswerte für Mai den Inflationsprognosen infolge der Jahrhundertzollerhöhung von Präsident Donald Trump: Der Bericht zeige zwar eine starke Weitergabe der Zollkosten für Artikel, die am stärksten von Importen aus China betroffen seien. Die Deflation bei Freizeitdienstleistungen und langlebigen Gütern wie Autos - signifikante Anzeichen für eine Verbraucherzurückhaltung und Unsicherheit hinsichtlich ihrer zukünftigen Einkommensaussichten - habe die Weitergabe der Zölle jedoch mehr als ausgeglichen.

Letztendlich komme es auf die Nettoauswirkungen des Handelskriegs auf die Inflation an - und bisher seien diese disinflationär gewesen. Es werde allerdings noch dauern, bis der Kräftesaldo hier feststehe - man rechne erst für das vierte Quartal 2025 mit einer weiteren Zinssenkung durch die US-Notenbank. Auch die EZB werde nach der jüngsten Zinssenkung nunmehr längere Zeit abwarten wollen, sodass davon auszugehen sei, dass nunmehr eine längere Zinspause eingelegt werde. Man rechne daher erst für die Sitzung am 30. Oktober mit dem nächsten Zinsschritt nach unten. Bis dahin dürfte dann auch mehr Klarheit darüber herrschen, ob der von der EZB projizierte Inflationsrückgang im kommenden Jahr noch stärker ausgeprägt sein werde. Es sei durchaus wahrscheinlich, dass die Inflationsprojektionen bis dahin noch weiter gesunken seien.

Die Analysten der National-Bank AG würden bis auf weiteres von drei weiteren Zinsschritten der US-Notenbank in den kommenden zwölf Monaten ausgehen. In der Tendenz dürfte sich der Druck auf die US-Notenbank zu weiteren expansiven Maßnahmen aber noch weiter erhöhen. Die zehnjährigen US-Renditen sollten im Saldo der maßgeblichen Zinsdeterminanten auf Jahressicht bei Werten um 4,3% liegen. Damit passe man die Prognose mit Blick auf die erörterte Inflationsentwicklung nach unten an. Erfahrungsgemäß seien die Zinsniveaus auf der amerikanischen Zinsstrukturkurve hier auch eine wesentliche Determinante der internationalen Zinsentwicklung.

Die Analysten der National-Bank AG würden mindestens einen weiteren Zinsschritt der EZB von 25 Basispunkten auf Sicht der kommenden zwölf Monate erwarten, wobei die Wahrscheinlichkeit für zusätzliche Maßnahmen derzeit deutlich zunehme. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen dürfte auf Jahressicht bei Werten um 2,75% liegen. (Ausgabe vom 24.06.2025) (25.06.2025/alc/a/a)