Test des "Goldilocks-Szenarios"?


09.04.24 11:14
ALTE LEIPZIGER Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Das Inflationsbild mit fallenden Inflationsraten in Europa und den USA hatte sich Ende 2023 deutlich entspannt und damit starke Kurssteigerungen an den Anleihemärkten und eine fulminante Rally an den Börsen ermöglicht, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.

Inwieweit die als beste aller Börsenwelten bezeichnete Marktphase ("Goldilocks-Szenario") anhalte, dürfte im laufenden zweiten Quartal 2024 vor dem Hintergrund potenziell wieder aufkeimender Inflationssorgen möglicherweise einem Test unterzogen werden.

Die internationalen Notenbanken, die durch mehrfache Leitzinserhöhungen die zuvor stark gestiegene Inflation bekämpfen würden, seien gefordert. Überraschend hoch ausfallende Inflationszahlen könnten die aufgekommenen Zinssenkungserwartungen zeitlich nach hinten verschieben und die Kapitalmärkte unter Druck bringen. Aufgeschoben sei nicht aufgehoben, die Zinssenkungen würden kommen.

Nach den starken Renditerückgängen der sicheren Staatsanleihen im Schlussquartal 2023 sei das zurückliegende erste Quartal von einer Gegenbewegung geprägt gewesen. Kursverluste bei sicheren Staatsanleihen seien die Folge gewesen. Die in den stark gefallenen Renditen eingepreisten Erwartungen über frühe und weitreichende Zinssenkungen seien somit vom Markt zum Großteil wieder zurückgenommen worden.

Nach den jüngsten negativen Überraschungen bei den US-Produzenten- und Verbraucherpreisen würden die Marktteilnehmer Zweifel daran zu hegen beginnen, dass die Federal Reserve die in Aussicht gestellten drei Zinssenkungen von jeweils 25 Basispunkten liefern werde. Denn ein robuster Arbeitsmarkt, eine Lohninflation über 5% und steigende Rohstoffpreise könnten die Pläne durchkreuzen.

Die von der Europäischen Zentralbank für den Euroraum ermittelten Inflationsdaten - im März habe sie 2,4% betragen, nach nur noch 2,6% im Februar - würden derzeit niedriger ausfallen als von den Ökonomen erwartet. Hingegen hätten sie in den USA die Konsensschätzungen übertroffen. So hätten die Daten Zweifel daran geweckt, wann genau die FED mit den Leitzinssenkungen beginnen werde.

Gerade für die schon recht hoch bewerteten US-Aktienindices wären von den obersten Notenbankern zurückgenommene Leitzinsen wichtiger als für den, gemessen am DAX 40, immer noch relativ moderat bewerteten deutschen Aktienmarkt. Zudem sei auch die Anlegerstimmung in den USA bereits sehr optimistisch. Dies berge die Gefahr negativer Überraschungen und erhöhe somit die Korrekturanfälligkeit des Marktes.

Seit der letzten Sitzung der Europäischen Zentralbank kristallisiere sich der Juni-Termin der Notenbanker für eine erste Leitzinssenkung heraus. Die EZB habe die neuen Inflationsprojektionen überraschend stark gesenkt, von 2,7% auf 2,3% für das laufende Kalenderjahr. EZB-Chefin Lagarde habe in den vergangenen Wochen immer wieder ihre Aussage wiederholt, dass die EZB im April mehr Informationen habe und im Juni "sehr viel mehr". Allerdings habe sie sich mit Blick auf die Geschwindigkeit der Leitzinsrücknahmen nicht festgelegt.

Im Zuge der erwarteten Leitzinssenkungen der EZB, der FED sowie des Inflationsrückgangs rechne das Fondsmanagement der Experten weiterhin mit einem Renditerückgang in allen Laufzeiten. Aufgrund der erwarteten hohen und hartnäckigen (Kern-)lnflation würden die Experten für 2024 mit Zinssenkungen von 75 Basispunkten dies- und jenseits des Atlantiks rechnen. 2025 sollten dann noch ein bis zwei weitere Zinsschritte erfolgen.

Der Renditerückgang am kurzen Laufzeitenende sollte dabei im Euroraum zunächst größer ausfallen als am langen Ende, insbesondere dann, wenn die Renditekurven, so wie derzeit, invers seien. Per 5. April lägen die Renditen 10-jähriger deutscher Staatsanleihen (2,41%) um 47 Basispunkte unter den Renditen für 2-jährige Papiere (2,88%). Allerdings würden die Experten nicht erwarten, dass sich die Zinskurve der Bundesanleihen durch die Leitzinssenkungen vollständig normalisiere, man also wieder im längeren Laufzeitspektrum eine höhere Rendite erhalte als im kürzeren. Nach Erachten der Experten sollte die Zinsstrukturkurve - trotz der erwarteten Zinsschritte - bis auf weiteres flach bis leicht invers bleiben. (Ausgabe April 2024) (09.04.2024/alc/a/a)