Rentenmärkte: EZB - Inflationsgefahren im Blick behalten


28.06.24 10:12
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen in Deutschland und den USA haben sich nach dem Tiefgang der vergangenen Woche erholt, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Rendite der Bunds liege aktuell bei 2,48% und die der T-Notes bei 4,35%. Erstaunlich sei die aktuelle Entwicklung, da vor allem die konjunkturelle Ernüchterung in der Eurozone, insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe, die Renditen eigentlich in die andere Richtung treiben müsste. Besonders beunruhigend sei die Schwäche in Deutschland, dem größten Land der Zone. Der HCOB Einkaufsmanagerindex und der ifo Geschäftsklimaindikator für Juni hätten die Hoffnungen auf eine baldige Erholung der deutschen Wirtschaft gedämpft.

Auch der GfK Konsumklimaindikator zeige im Juni eine Unterbrechung des jüngsten Aufwärtstrends. Politische Unsicherheiten würden die Märkte zusätzlich belasten, vor allem im Hinblick auf den bevorstehenden ersten Wahlgang der französischen Parlamentswahlen am 30. Juni. In den USA sehe HCOB Economics derzeit eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit für eine Rezession in den nächsten zwölf Monaten, erwarte jedoch eine weitere Verlangsamung der Wachstumsdynamik.

Viele FED-Mitglieder würden den Arbeitsmarkt als zu robust und die Inflation als zu hartnäckig ansehen, um eine baldige Zinssenkung in Aussicht zu stellen. Die EZB zeige sich nach der ersten Zinssenkung im Juni ebenfalls vorsichtig. Die Angst vor einem Wiederaufflammen der Inflation sei groß. HCOB Economics rechne mit einem weiteren Zinsschritt im September für die EZB und insgesamt zwei Zinsschritten bis Jahresende bei der FED.

Die Konjunktur in der Eurozone habe im Juni laut diverser Indikatoren einen deutlichen Rücksetzer erlitten. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe sei auf ein Sechsmonatstief von 45,6 gefallen, nachdem er im Mai noch bei 47,3 gelegen habe. Auch der HCOB Eurozonen PMI für den Dienstleistungssektor sei enttäuschend gewesen und von 53,2 im Mai auf 52,6 im Juni gefallen, was unter den Prognosen von 53,5 gelegen habe. Besonders überraschend sei die Delle in Deutschland gewesen, die man eigentlich auf Erholungskurs gewähnt habe. Trotz der Fußball-Europameisterschaft habe sich kein Optimismus unter den befragten Unternehmen gezeigt.

Der HCOB Composite PMI für Deutschland sei im Juni auf 50,6 von 52,4 im Mai gesunken und habe die Markterwartungen von 52,7 verfehlt. Obwohl der Dienstleistungssektor mit einem Index von 53,5 stark gewachsen sei, sei der Gesamtindex durch einen Rückgang im Verarbeitenden Gewerbe nach unten gezogen worden. Auch der ifo-Geschäftsklimaindikator für Deutschland sei im Juni unerwartet auf 88,6 von 89,3 im Mai gesunken und habe unter den Prognosen von 89,7 gelegen. Die Erwartungen seien von 90,4 auf 89 gesunken, während sich der aktuelle Ausblick bei 88,3 stabilisiert habe. Dies verdeutliche, dass sich die Stimmung in den Unternehmen verschlechtert habe und die deutsche Wirtschaft Schwierigkeiten habe, die Stagnation zu überwinden.

Der GfK Konsumklimaindikator habe ebenfalls keine positiven Nachrichten gezeigt. Die Konsumenten würden deutlichere Senkungen der Inflationsrate, klarere Perspektiven beim Staatshaushalt und einen nachhaltigen Anstieg der Realeinkommen erwarten, um optimistischer in die Zukunft zu blicken. An der politischen Front seien die Anleger besorgt über den bevorstehenden ersten Wahlgang bei den französischen Parlamentswahlen am 30. Juni.

Die vorgezogenen Neuwahlen von Präsident Emmanuel Macron hätten erhebliche Unsicherheit ausgelöst, was die Risikoprämie für französische Anleihen auf den höchsten Stand seit 2012 getrieben habe. Der Wahlausgang könnte die Finanzmärkte erheblich beeinflussen, insbesondere wenn er die rechtsextreme Partei von Marine Le Pen oder ein Linksbündnis begünstige. Allerdings werde man für eine genauere Einschätzung noch die Stichwahl am 7. Juli abwarten müssen.

Die US-Notenbank habe im Vergleich zu anderen großen Zentralbanken einen vorsichtigeren Ansatz bei Zinssenkungen verfolgt. FED-Gouverneurin Michelle Bowman habe erklärt, sie sei bereit, die Zinsen erneut anzuheben, sollten die Fortschritte bei der Inflation ins Stocken geraten oder sich umkehren. Sie erwarte, dass die Inflation noch einige Zeit hoch bleiben werde, was die FED davon abhalte, ihre Politik bald zu lockern. Die Fed habe angedeutet, dass sie mehr Vertrauen in die Inflationsaussichten benötige, bevor sie die Zinsen senke, im Gegensatz zu anderen Zentralbanken wie der EZB, der SNB und der BOC, die bereits ihre Lockerungszyklen begonnen hätten.

Bei der EZB zeige man sich hinsichtlich der nächsten Zinssenkung entspannt. Isabel Schnabel, Mitglied des sechsköpfigen Führungsteams der EZB, habe betont, dass die Inflationsgefahren trotz des Rückgangs der Teuerung seit Herbst 2022 nicht aus den Augen verloren werden dürften. "Und wir bleiben nach wie vor wachsam," habe sie gesagt. EZB-Ratsmitglied Olli Rehn habe sich dagegen etwas dovischer geäußert und eingeräumt, dass der disinflationäre Prozess "holprig" sei. "Wenn man sich die Marktdaten ansieht, bedeutet dies, dass es zwei weitere Zinssenkungen geben würde."

In den USA stünden wichtige wirtschaftliche Daten an. Am 28. Juni würden die PCE-Daten für Mai veröffentlicht, die von der FED als wichtiger Inflationsindikator betrachtet würden. Aufgrund der im Mai etwas schwächer als erwartet ausgefallenen Konsumenten- und Produzentenpreise erwarte das Modell der Analysten eine PCE-Gesamtinflation von 0%, während die Kernrate voraussichtlich um lediglich 0,1% im Vergleich zum Vormonat steige. Am 1. Juli würden die ISM-Einkaufsmanagerindices folgen. In den vergangenen Monaten hätten diese eine Erholung im Verarbeitenden Gewerbe und Stabilität im Dienstleistungssektor gezeigt, und beide Trends dürften sich im Juni fortsetzen.

Ebenfalls wichtig seien die neuen Arbeitsmarktdaten. Der Konsens erwarte für die Payrolls im Juni einen Beschäftigungszuwachs von 185.000, nachdem im Vormonat noch 272.000 Stellen geschaffen worden seien. In der Eurozone würden frische Inflationszahlen am 2. Juli veröffentlicht. Bereits am 28. Juni erscheinen die Inflationsdaten für Frankreich, Italien und Spanien, gefolgt von Deutschland am 1. Juli, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Das Modell der Analysten prognostiziere für die Eurozone einen leichten Rückgang der Inflation von 2,6% im Mai auf 2,4% im Juni.

Zusätzlich stünden am 5. Juli die Industrieproduktionszahlen für den Mai an. Der bereits erschienene LKW-Mautindex, der eine gute Korrelation mit der Industrieproduktion aufweise, deute darauf hin, dass die Industrieproduktion steigen könnte. Weiter erscheinen die HCOB PMI für das Verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor für die Eurozone, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG. Am 4. Juli sei in den USA Unabhängigkeitstag. (Ausgabe vom 27.06.2024) (28.06.2024/alc/a/a)