Renten: Inflationstief noch nicht ausgelotet - EZB bleibt im Krisenmodus


20.11.14 15:08
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Renditen deutscher Staatsanleihen verharrten in der Nähe ihrer historischen Tiefstände, so die Analysten der Helaba.

Damit sei auch die Zinsstrukturkurve relativ flach geblieben. Der Renditeabstand zwischen zehn- und zweijährigen Bundesanleihen habe bei nur noch 0,8 Prozentpunkten notiert, nachdem er zu Jahresbeginn noch bei 1,7 Prozentpunkten gelegen habe.

Etwas anders habe sich die Renditedifferenz von dreißig- zu zehnjährigen Bundesanleihen entwickelt. Diese sei seit Januar tendenziell angestiegen und liege damit erstmals seit sechs Jahren wieder über der 10/2-Differenz. Ein vergleichbares Bild würden auch andere Rentenmärkte im Euroraum zeigen. Ultralange Laufzeiten hätten den deutlichen Renditerückgang in der Eurozone nur eingeschränkt mitgemacht.

Da lange Laufzeiten eher von Inflationserwartungen abhängen würden als von konjunkturellen und geldpolitischen Gegebenheiten, würden die erhöhten Renditeaufschläge auf überschaubare langfristige Deflationsrisiken hinweisen. Kurzfristig dürften allerdings die Teuerungsraten im Euroraum aufgrund des massiven Ölpreisrückgangs in Richtung Nulllinie tendieren und damit auch Deflationssorgen neue Nahrung geben.

Dass die langfristigen Inflationserwartungen jedoch relativ stabil seien, dafür würden u.a. EZB-Präsident Mario Draghi und IWF-Chefin Christine Lagarde sorgen. Während bei der jüngsten EZB-Pressekonferenz die Notwendigkeit weiterer expansiver Maßnahmen betont worden sei und die Ausweitung der EZB-Bilanz immer mehr zu einem inoffiziellen Ziel der Geldpolitik werde, habe Lagarde nur einen Tag später die EU-Schuldengrenzen in Frage gestellt. Ziel sei es, mehr Spielraum für staatliche Investitionen zu schaffen.

Zufall oder nicht, aber damit sei der von Mario Draghi bereits beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole beschriebene mögliche Ausweg aus der Wachstumsschwäche erneut skizziert worden: Die Kombination eines QE-Programms mit einer expansiveren Fiskalpolitik. Mit einem Quartalsplus von 0,1% habe es Deutschland geschafft, der technischen Rezession im letzten Quartal zwar zu entgehen und Frankreich habe positiv mit einem BIP-Zuwachs von 0,3% überrascht. Insgesamt bleibe die Konjunktur im Euroraum aber fragil, worauf auch das Minus von 0,1% in Italien hinweise.

Unabhängig davon, wie viel Spielräume die Fiskalpolitik angesichts rekordhoher Verschuldung überhaupt besitze, müssten - wenn die EZB mit einer aggressiven Geldpolitik erfolgreich sei - die Zinsstrukturkurven im Jahresverlauf 2015 etwas steiler werden. Allerdings könnten die bereits laufenden und noch möglichen erweiterten Eingriffe der EZB am Rentenmarkt zwischenzeitlich auch zu erheblichen Verzerrungen bei den Zinsstrukturen im Euroraum führen.

Als größtes Risiko für Renten bleibe vor allem die näher rückende Zinswende in den USA. Hier bestehe erhebliches negatives Überraschungspotenzial, zumal das aktuelle Kursniveau von amerikanischen Staatsanleihen, selbst an den zuletzt reduzierten Inflationserwartungen gemessen, historisch betrachtet zu hoch sei. (20.11.2014/alc/a/a)