Inflationsziele verteidigen


27.06.17 11:15
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Die Inflationsraten bleiben auch dieses Jahr überraschend niedrig, so Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin AG.

Dies sei selbst in Ländern der Fall, in denen die Arbeitslosenquoten auf niedrigere Niveaus als vor der Krise gefallen seien. Einige Ökonomen würden daher argumentieren, dass Zentralbanken sich von ihren Zwei-Prozent-Inflationszielen verabschieden und niedrigere Inflationsraten akzeptieren sollten. Die Analysten würden argumentieren, dass dies der falsche Weg wäre.

Für manchen Ökonomen und Prognostiker sei das gegenwärtige Niedriginflationsumfeld ein Schlag ins Gesicht: Seit Jahren würden Geldmengen und Liquidität ins Unermessliche steigen, seit Jahren würden sich die Finanzierungszinsen auf extrem niedrigen und häufig sogar real negativen Niveaus bewegen und seit Jahren würden die Arbeitslosequoten in Ländern wie den USA oder Deutschland auf Rekordtiefstände fallen; nur die Inflationsraten würden darauf nicht so wie in der Vergangenheit reagieren. Zunächst sei dies damit erklärt worden, dass die Weltwirtschaft unterausgelastet geblieben sei und die Schuldenniveaus so hoch, dass die sich erholende Nachfrage noch nicht preistreibend wirken könnte.

Weiter sei argumentiert worden, dass die globalen Wertschöpfungsketten und der technologische Wandel zu höherer Konkurrenz und geringerer Preissetzungsmacht der Unternehmen führen würden. Und da Globalisierung und technologischer Wandel sich kaum rückgängig machen lassen würden, würden manche daraus schließen, dass Zentralbanken niedrigere Inflationsraten einfach akzeptieren sollten. Durch eine Abwärtsrevision ihrer Inflationsziele auf beispielsweise ein Prozent statt zwei Prozent wären die meisten Zentralbanken praktisch sofort am Ziel. Diese Argumentation spiegele nach Einschätzung der Analysten vor allem den Wunsch wieder, dass Zentralbanken dann auch ihre extrem expansive Geldpolitik beenden könnten und die Leitzinsen nicht mehr im negativen Bereich liegen müssten.

Dieser Schluss liege weit daneben. Niedrigere Inflationsziele würden zu geringen Inflationserwartungen führen und damit zu höheren Realzinsen. Für die Investitionsnachfrage wäre das katastrophal. Niedrigere Inflationserwartungen würden auch zu geringeren Lohnabschlüssen beitragen. Belasten würde dies vor allem Kreditnehmer, die sich bei Eingang ihrer Finanzierungsverpflichtungen auf eine höhere Entwicklung des Lohn- und Preisniveaus verlassen hätten. Deflationsphasen würden daher in der Regel zu steigenden Kreditausfällen führen, unter denen Banken häufig leiden würden. Generell seien niedrige Inflationsraten und Zinsen für Banken und Versicherungen schlecht. Ersteren falle es sehr schwer attraktive Margen zu verdienen, letztere könnten ihre Ertragsversprechen nicht mehr aufrechterhalten.

Schließlich sei zu bedenken, dass die sogenannte Lohnquote - das sei der Anteil der Löhne an der gesamten Wertschöpfung - in den vergangenen Jahrzehnten stark gesunken sei. Vor allem bei gering und durchschnittlich Qualifizierten sei dies der Fall gewesen. Kapitalgeber und Hochqualifizierte hätten hingegen profitiert. Niedrigere Inflationsziele würden das Risiko bergen, dass die zuletzt stagnierenden Gehälter breiter Bevölkerungsschichten zementiert würden. Wie wünschenswert das sei, sei kaum mehr eine ökonomische Frage, sondern in erster Linie eine politische.

Zu beachten sei dabei, dass die Ressentiments gegen die Eliten, gegen die ungleiche Vermögens- und Einkommensverteilung in vielen Ländern wie den USA und dem UK zu starken Gegenbewegungen und unerwarteten Abstimmungsergebnissen geführt hätten. Geduld und Hartnäckigkeit beim Verfolgen bisheriger Inflationsziele, die dafür notwendige Niedrigzinsphase sowie deutlich höhere Lohnabschlüsse, könnten daher vielleicht doch die geringen Übel sein. (27.06.2017/alc/a/a)