Inflation: Geschwächt, aber nicht besiegt


23.11.23 14:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen der USA und Deutschlands befinden sich seit dem Höhepunkt im Oktober im Abwärtstrend, so Dr. Tariq Chaudhry, Economist bei der Hamburg Commercial Bank.

Aktuell lägen die Renditen der T-Notes in den USA bei 4,41%, ein Zwei-Monatstief. Die Bunds würden einen Rückgang auf 2,56% verzeichnen. Die Bundesbank habe im November pessimistische Einschätzungen zum konjunkturellen Ausblick in Deutschland geäußert. Warnungen vor einem schrumpfenden Wirtschaftswachstum im vierten Quartal und vor verfrühten Siegeserklärungen im Kampf gegen die Inflation seien ausgesprochen worden. Auch in den USA werde die Abwärtsbewegung der globalen Konjunktur sichtbar. Enttäuschende Zahlen zu Auftragseingängen langlebiger Industriegüter hätten auf die Stimmung der Anleger gedrückt. Die rückläufigen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe hingegen hätten dem Rendite-Abwärtstrend nur wenig entgegensetzen können. Angesichts schwacher Konjunktur und des fortgeschrittenen Kampfes gegen die Inflation falle es den Zentralbankern zunehmend schwer, den Forderungen nach Zinssenkungen im Jahr 2024 entgegenzukommen. In diesem Umfeld würden Mitglieder der FED und der EZB versuchen, kommunikativ gegen die Hoffnungen am Markt, das bald Zinssenkungen anstünden anzugehen. Relativ hawkische Stimmen würden sich darum bemühen, die Möglichkeit von Zinssteigerungen auf dem Tisch zu behalten.

Die Bundesbank habe in ihrem aktuellen Monatsbericht (November) die schwache konjunkturelle Verfassung Deutschlands bestätigt. Die Wirtschaft dürfte im vierten Quartal des laufenden Jahres demnach leicht negatives Wachstum aufweisen, hauptsächlich aufgrund der anhaltenden Auswirkungen der Preisanstiege nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Die Zentralbanker würden jedoch optimistischer auf das erste Quartal 2024 blicken, würden dort einen leichtes Anstieg des Wachstums durch eine sich erholende Konsum- und Industrieaktivität erwarten. Ähnlich wie die EZB-Mitglieder würden auch die Bundesbanker noch keinen Sieg im Kampf gegen die Inflation sehen. Obwohl die Inflationsdämpfung laut Monatsbericht gelungen sei, gebe es für 2024 erhebliche Aufwärtsrisiken, insbesondere durch steigende Löhne und instabile Energiemärkte.

Die HCOB Flash PMIs für November hätten die Märkte kaum überrascht, mit Ausnahme des deutschen Verarbeitenden Gewerbes. Der HCOB PMI für das deutsche Verarbeitende Gewerbe sei im November auf 42,3 gestiegen, der höchste Stand seit sechs Monaten. Im Oktober habe er bei 40,8 gelegen und habe die Marktprognosen leicht übertroffen (vorläufige Schätzungen: 41,2). Trotzdem deute der Wert weiterhin auf eine tiefe Schrumpfung im verarbeitenden Gewerbe hin, wenn auch mit abnehmendem Tempo.

Die Aufträge langlebiger Industriegüter in den USA hätten im Oktober mit einem Rückgang um 5,4% gegenüber dem Vormonat ein deutliches Signal für die Anleger gesetzt. Im September hätten sie noch einen Anstieg um 4% verzeichnet, was auf eine mögliche Erholung der US-Industrie habe hoffen lassen. Die Markterwartungen für Oktober seien mit einem Plus von 3,1% deutlich übertroffen worden, dennoch habe es sich um den zweitstärksten Rückgang bei langlebigen Wirtschaftsgütern seit April 2020 gehandelt. Erleichterung in Bezug auf den Arbeitsmarkt für die Anleger sei jedoch zu verzeichnen gewesen, als die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stark zurückgegangen seien. In der Woche bis zum 24. November sei die Zahl der Amerikaner gesunken, die Arbeitslosenunterstützung beantragt hätten, um 209.000 auf 180.000 - deutlich unter dem Dreimonatshoch der Vorwoche und unter den Markterwartungen von 225.000. Gleichzeitig habe sich die Zahl der laufenden Anträge um 22.000 auf 1.840.000 reduziert und sei damit von dem Zweijahreshoch im vorherigen Bericht zurückgekehrt.

Trotz der drohenden Rezession und der deutlich verlangsamten Inflation in den USA und der Eurozone seien die Zentralbanken bestrebt, den Eindruck von anstehenden Zinssenkungen zu vermeiden. Das kürzlich veröffentlichte Protokoll der FED-Sitzung im Oktober deute darauf hin, dass FOMC-Mitglieder die Möglichkeit einer Zinssteigerung in Betracht ziehen würden, insbesondere wenn die Inflation weiterhin deutlich über dem längerfristigen Ziel von 2% liege. Loretta Mester, Präsidentin der Cleveland FED, habe betont, dass sie mehr Beweise für eine Rückkehr der Inflation zum Zwei-Prozent-Ziel der Zentralbank sehen müsse. Die EZB sehe sich ähnlichen Spekulationen über mögliche Zinssenkungen gegenüber. Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, erkenne die Auswirkungen der hohen Zinsen an, warne jedoch vor einem verfrühten Sieg. Der französische Zentralbankpräsident, Francois Villeroy de Galhau, unterstreiche das Engagement für längere Zeit mit höheren Zinsen und beschreibe es bildhaft: "Es gibt nicht nur Berg- und Talfahrten, sondern auch Hochebenen, auf denen man die Auswirkungen der Höhe erleben und die Aussicht genießen kann."

Datenseitig erwarte uns in Deutschland im November der ifo-Index (24.11.) , nachdem er im Oktober leicht auf 86,9 Indexpunkte gestiegen sei, nach sechs Monaten Schrumpfung in Folge. Die Konsensschätzung deute auf einen weiteren Anstieg hin. Ebenfalls anstehend seien deutsche Verbraucherinflationszahlen (29.11.), die im Oktober auf 3,8% im Jahresvergleich gefallen seien. Das Nowcast-Modell der Helaba prognostiziere für November eine leichte Abwärtsbewegung auf 3,6%. In den USA stünden die New Home Sales (27.11.) an. Nach einem Stand von 759.000 im September würden die Analysten der Helaba im Oktober einen erneuten Rückgang auf 730.000 erwarten. Der für die FED wichtige PCE-Preisindex werde ebenfalls für Oktober veröffentlicht. Angesichts der bereits vorliegenden CPI- und PPI-Zahlen dürfte die PCE-Inflation im Oktober auf 3% gesunken sein (nach 3,4% im September). Besonders rückläufige Energiepreise (-2,6% MoM) dürften hier eine wesentliche Rolle gespielt haben. (Wochenbarometer vom 23.11.2023) (23.11.2023/alc/a/a)