Inflation - Fed gefordert, EZB entspannt


22.07.25 11:00
Julius Bär Holding

Zürich (www.anleihencheck.de) - Die Fed muss mit erheblicher Inflationsunsicherheit rechnen, denn die US-Zölle haben gerade erst begonnen, die Inflation anzukurbeln. Die EZB agiert derweil in einem deutlich entspannteren Umfeld, beobachtet David Kohl, Chief Economist bei Julius Bär.

Letzte Woche hätten die US-Verbraucherpreisdaten für Juni erste Anzeichen für tarifbedingte Preissteigerungen gezeigt. Gleichzeitig gebe es kaum Anzeichen dafür, dass die Handelspartner der USA die höheren Zölle selbst schultern würden. Nur die chinesischen Exporteure hätten ihre Preise seit Jahresbeginn gesenkt, jedoch bei weitem nicht genug, um die höheren Zölle auszugleichen.

Unterdessen würden die täglichen Verbraucherpreisdaten in den USA bis Mitte Juli zeigen, dass importierte Produkte oder importabhängige Produkte teurer würden. Die steigende Inflation stelle eine Herausforderung für die Fed dar, die unter politischem Druck stehe, die Zinsen zu senken. Der Leitzins der Fed - präziser: das Zielband für den Tagesgeldsatz, die Fed Funds Target Rate - liege weiterhin bei 4,25% bis 4,5%, und die jüngsten Prognosen des FOMC zum angemessenen Zinsniveau würden eine tiefe Spaltung innerhalb des Führungsgremiums der Fed zeigen.

Mehr als die Hälfte der Teilnehmer, d. h. sieben FOMC-Mitglieder, sähen angesichts der erhöhten Unsicherheit keine Notwendigkeit für Zinssenkungen im Jahr 2025. Es sei davon auszugehen, dass diese Unsicherheit die Wiederaufnahme der Zinssenkungen bis Oktober 2025 verzögern werde. Allerdings könnten der zunehmende politische Druck und die unterschiedlichen Meinungen innerhalb des FOMC trotzdem zu früheren Zinssenkungen führen.

Ganz anders stelle sich die Lage bei der EZB dar: Die Inflation habe im Juni bei 2% gelegen, sodass die EZB ihre Geldpolitik weiter lockern könne, zumal die Eurozone aufgrund der Handelsspannungen mit Disinflationsrisiken konfrontiert sei. Europa habe von Vergeltungszöllen abgesehen, und Exporte in die USA würden nach Europa umgeleitet, was einen Abwärtsdruck auf die Preise erzeuge.

Die aktuelle Geldpolitik sei sehr nahe an einem neutralen Niveau. Angesichts des aktuellen Wachstumsoptimismus in der Eurozone dürfte die EZB auf ihrer Sitzung am Donnerstag wahrscheinlich eine Pause einlegen. Zinssenkungen würden dann erst wieder zur Option werden, wenn die Auswirkungen der Handelsspannungen auf die Disinflation deutlicher würden. (22.07.2025/alc/a/a)