Eurozone-Inflation bei 2,1% - EZB-Zinsschritt nur 50:50?


08.09.25 10:15
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die vorläufige Schätzung für die Inflation im Euroraum im August zeigt die Inflationsrate bei 2,1% p.a., was ein kleiner Anstieg gegenüber Juli darstellt, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Kerninflation sei bei 2,3% p.a. zu liegen. Diese Werte deuteten auf anhaltende Preisstabilität hin, ohne dass wesentliche Veränderungen in der zugrunde liegenden Inflationsstruktur zu beobachten seien. Im Moment sähen die Analysten keine zwingenden Faktoren, die die Gesamt- oder Kerninflation in einen wesentlich anderen Bereich treiben würden. Trotzdem könnte die Inflationsrate im September aufschlussreich sein. Im September gebe es normalerweise in vielen Bereichen Preisanpassungen, die oft den Ton für die Inflationsentwicklung im letzten Quartal des Jahres angeben.

In Österreich habe die Inflation heuer ein fulminantes "Comeback" gefeiert. Die Analysten würden nun im Jahresschnitt eine Teuerungsrate von 3,5% erwarten. Das sei mehr als im Vorjahr (2,9%) und mehr als in der Eurozone (2,3%). Das Auslaufen der Strompreisbremse habe im Januar 2025 für einen absehbaren Inflationsschub gesorgt, der Januar 2026 wieder aus der Preisrechnung herausfalle. Anders sei dies bei der persistent erhöhten Dienstleistungsinflation. Das schon seit 2011 bestehende "Inflationsproblem" Österreichs sei im Kern ein Problem stärker steigender Dienstleistungspreise als in der Eurozone, insbesondere in der Gastronomie (aber kaum Hotellerie). Mieten spielten hingegen kaum eine Rolle. Lebensmittelpreise seien auch ein Teil der Erklärung, aber kein sonderlich gewichtiger. Mit 2,5% werde Österreich auch 2026 eine im Euro-Vergleich überdurchschnittliche Teuerung aufweisen.

In der kommenden Woche bringe der Datenkalender für die Eurozone abseits der EZB-Sitzung wenig Interessantes. Der anstehende Sentix Index spiegele vorrangig die Stimmung am Finanzmarkt wider. Die zuletzt verhaltene Entwicklung an den europäischen Börsen auch vor dem Hintergrund politischer Entwicklungen (Regierung Frankreich, Ernüchterung bzgl. Waffenruhe in der Ukraine) lasse auf einen Rückgang dieses Stimmungsbarometers schließen.

Die EZB werde nächste Woche die Leitzinsen nicht senken - die Analysten würden denken, dass der Einlagensatz der EZB am kommenden Donnerstag bei 2% bleibe. Sie hätten lange an der Meinung festgehalten, dass eine letzte Zinssenkung auf einen Einlagensatz von 1,75% das wahrscheinlichste Szenario sei. Der anhaltende Disinflationstrend zusammen mit den Disinflationsrisiken durch höhere Zölle und einen stärkeren Euro hätten die Analysten überzeugt, dass die EZB vor dem Ende des Zinssenkungszyklus noch eine letzte vorsorgliche Zinssenkung vollziehen werde. Die Fundamentaldaten wichen nicht wesentlich von ihren Annahmen ab, aber die Bereitschaft des EZB-Rats, die Leitzinsen ein letztes Mal zu senken, scheine nachgelassen zu haben. Die überraschend hawkische Pressekonferenz von Lagarde im Juli sei der erste Schritt in diese Richtung gewesen. Die etwas höher als erwartet ausgefallenen Inflationszahlen dieser Woche hätten dann das "No-Rate-Cut-Szenario" für September bestätigt. Wird die EZB dann im vierten Quartal eine Zinssenkung vornehmen? Die Analysten sähen die Chancen dafür bestenfalls bei 50:50. Die Signale von Lagarde bei der Pressekonferenz am kommenden Donnerstag könnten entscheidend sein. Sollte Lagarde nächste Woche weiterhin eine abwartende Haltung betonen, würden die Analysten ihre Prognose für den Leitzins der EZB auf einen stabilen Einlagensatz von 2% revidieren. Nur erhebliche negative Überraschungen bei den restlichen Inflationsveröffentlichungen bis Jahresende und/oder eine deutliche zusätzliche Aufwertung des Euro könnten die EZB vom Gegenteil überzeugen. Die Analysten würden sich vorbehalten, ihre Prognosen für den Leitzins der EZB und die Geldmarktzinsen im Euroraum bis zur EZB-Sitzung nächste Woche zu überdenken.

Für die Aussichten bei längerfristigen Bund-Renditen würden die Analysten die Feinabstimmung der EZB nicht für entscheidend halten. Die Renditen seien in den letzten Wochen gestiegen, was hauptsächlich auf die Sorgen um die Staatsfinanzen in vielen globalen Referenz-Märkten zurückzuführen sei. Auch wenn diese Risiken nicht über Nacht verschwinden würden, würden die Analysten denken, dass die Wahrscheinlichkeit groß sei, dass sich die Abwärtsdynamik der US-Treasury-Renditen angesichts der Wiederaufnahme des Zinssenkungszyklus durch die Fed auf den Bund-Markt auswirke. Daher könnte es bis zum Jahresende zu einer leichten Abwärtsdynamik bei Renditen längerfristigen Bunds gegenüber dem aktuellen Niveau kommen, was auch zu einer leichten Abflachung der Kurve führen würde. Außerdem könnte die politische Pattsituation in Frankreich mit wichtigen Ereignissen in den nächsten Wochen die Bundesanleihen als sicheren Hafen stärken (mehr dazu hier: Frankreich (schlafwandelt) in die "Bredouille"). Das sollte aber nicht davon ablenken, dass die Duration in den kommenden Quartalen nicht der beste Freund der Anleger sein werde. Für die globalen Anleihemärkte, einschließlich Bundesanleihen, bestünden nach wie vor mehrere Risikofaktoren. Steigende Nettoemissionen in Deutschland, eine rückläufige Bilanzsumme der EZB, eine zunehmende Wachstumsdynamik in Europa und politische Bedrohungen für die Unabhängigkeit der Zentralbank in den USA vor den Zwischenwahlen könnten erneut ein ungünstiges Umfeld für die Duration mit höheren Renditen und einer steileren Kurve im Jahr 2026 schaffen. Die oft beachtete 3%-Marke für die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen könnte im nächsten Jahr durchaus erreichbar sein.

In den USA heiße es nächste Woche wieder "Warten auf die Zoll-Inflation", da die US-Produzenten- und Verbraucherpreisinflation veröffentlicht werde. Im Gegensatz zur Eurozone sei die Inflation in den USA noch nicht am Inflationsziel. Die Gesamtrate habe im Juli bei 2,7% gelegen, die Kernrate bei 3,1% p.a. Und wieder seien die Anzeichen für eine Zollinflation eher begrenzt gewesen. Die Preisdynamik bei den Kern-Gütern, wo sich die Auswirkungen der Zölle am schnellsten zeigen sollten, sei im Juli nicht übermäßig stark gewesen, während die Preisdynamik bei den Kern-Dienstleistungen zugenommen habe. Letzteres deute auf eine gewisse Inflationspersistenz hin, was bedeute, dass auch ohne Zoll-Inflation ein erhöhter Preisdruck ein Problem bleibe. Für August werde erwartet, dass die Kerninflation nahe dem aktuellen Niveau von rund 3% p.a. bleibe, während die Gesamtinflation etwas steigen könnte. Für die Fed bedeute dies, dass sich der Offenmarktausschuss nicht voll und ganz auf den sich abkühlenden Arbeitsmarkt konzentrieren könne.

Man müsse aber zugeben, dass der Arbeitsmarktbericht für August abermals negativ überrascht habe. Die Zahl der neuen Jobs habe bei 22.000 gelegen, was deutlich unter den erwarteten 75.000 gelegen sei. Das Beschäftigungswachstum habe sich auf den Dienstleistungsbereich (Bildung, Gesundheitswesen, Freizeit und Gastgewerbe) konzentriert, während in der Industrie Arbeitsplätze abgebaut worden seien. Die Arbeitslosenquote sei nur geringfügig um 0,1%-Punkte auf 4,3% gestiegen und bleibe weiterhin niedrig. Der Markt habe mit niedrigeren Renditen für US-Staatsanleihen und einem schwächeren US-Dollar reagiert. Eine Zinssenkung für September sei bereits vollständig eingepreist, und der Markt spekuliere verstärkt auf Zinssenkungen bei jeder Sitzung bis zum Jahresende.

Im Gegensatz zu Europa würden die Analysten denken, dass der Fed-Ausblick enorm wichtig sein werde für die Dynamik der US-Treasury-Renditen. Sie würden erwarten, dass die Fed die Leitzinsen in den nächsten Monaten nur vorsichtig senken werde, weil sich der Arbeitsmarkt zwar abkühle, aber nicht wegbreche, und die Inflation für die Fed immer noch ein Problem darstelle. Die Renditen sollten zwar vom Zinssenkungszyklus profitieren, aber die Frage nach dem finalen Leitzinssatz sei noch offen. Die Analysten sähen das Risiko, dass der vorsichtige Zinssenkungszyklus in einen politisch motivierten Zinssenkungszyklus übergehen könnte, sobald Powell in der zweiten Jahreshälfte 2026 nicht mehr an der Spitze der Fed stehe. In den Monaten vor den Zwischenwahlen könnte sich der politische Druck auf die Fed, die Zinsen aggressiver zu senken, erheblich verstärken. Anleger sollten daher darauf achten, ob der Zinssenkungszyklus der Fed nicht zu weit gehe und somit Inflationsrisiken schüre. Die US-Treasury-Kurve dürfte dann deutlich steiler werden, vielleicht sogar von beiden Seiten, wie die aktualisierten Prognosen der Analysten zeigen würden. (Ausgabe vom 05.09.2025) (08.09.2025/alc/a/a)