Einer zweite Inflationswelle?


23.05.24 11:25
Carmignac Gestion

Luxemburg (www.anleihencheck.de) - 1980 kamen neun der zehn Unternehmen mit der größten Börsenkapitalisierung aus den USA und sechs waren Ölkonzerne, so die Experten von Carmignac.

Die Inflation habe ihren Höhepunkt erreicht, nachdem sie 15 Jahre parallel zu den Ölpreisen tendenziell gestiegen sei, sei in diesem Jahr aber zum Stillstand gekommen, was den US-Ölkonzernen zu verdanken gewesen sei, die in den Jahren zuvor hohe Summen in die Exploration investiert hätten.

1990 habe die japanische Wirtschaft eine beeindruckende Erholung verzeichnet, die den Boden für eine der extremsten Immobilien- und Finanzblasen aller Zeiten bereitet habe. Büroimmobilien hätten für Quadratmeterpreise jenseits der 200.000 Dollar den Besitzer gewechselt, das Kurs-Gewinn-Verhältnis der gesamten Tokioter Börse habe bei über 60 gelegen und die schönsten Gemälde von Van Gogh hätten die Wände japanischer Banken und der Eigenheime japanischer Milliardäre ziert. Acht der zehn weltweit größten Unternehmen seien aus Japan gekommen, sechs davon seien Banken gewesen.

Im Jahr 2000 sei das Internet noch zu 100 Prozent amerikanisch gewesen und habe die ganze Welt zum Träumen gebracht. Die Märkte hätten diesen Sektor nach den mittelfristigen Umsatzkennzahlen beurteilt. Unter den zehn Unternehmen mit der größten Börsenkapitalisierung seien sieben US-Unternehmen gewesen, darunter vier aus dem Technologiesektor. Dazu seien noch zwei japanische Unternehmen und ein deutsches aus dem Telekommunikationssektor gekommen. In den drei Jahren danach hätten Technologietitel durch die Bank einen erheblichen Wertverlust erfahren. Amazon beispielsweise habe 95 Prozent seines Wertes eingebüßt und sei erst später zu dem Titan geworden, den man heute kenne. Und wer erinnere sich noch an Lucent Technologies, die neuntgrößte Börsenkapitalisierung weltweit beim Jahrtausendwechsel, die inzwischen in Nokia aufgegangen sei?

2010 sei es vorstellbar gewesen, dass China die führende Weltmacht werde; eine Ölgesellschaft und zwei Banken seien unter den Top 10 gewesen, aber dann hätten die Schwellenländer eine langjährige Underperformance gegenüber den Industrieländern eingeläutet, die immer noch anhalte.

2023 würden wie 2020 erneut die USA und Technologiekonzerne dominieren, der Hauptantrieb dieser Dynamik sei die Künstliche Intelligenz und nur TSMC aus Taiwan und Tencent aus China hätten sich einen Platz zwischen den US-Champions am Ende der Tabelle sichern können.

Wie unsere Freunde von Gavekal Research1 anmerken, finden innerhalb dieses Zehnjahreszyklus zwei Machtwechsel statt: Ein Machtwechsel zwischen den USA und dem Rest der Welt und eine Verschiebung zwischen Wachstumsthemen und zyklischeren beziehungsweise Value-Themen, so die Experten von Carmignac. Dies könnte die Vermutung nahelegen, dass der nächste Höhepunkt nicht den USA zu verdanken und zyklischer Natur sein werde. Welches Szenario könnte eine globale Thematik rechtfertigen, die zyklische oder Value-Unternehmen außerhalb der USA im laufenden Jahrzehnt begünstige?

Die Antwort finde sich im Jahr 1972. In diesem Jahr hätten die attraktiven US-amerikanischen Growth-Aktien - die "Nifty Fifty2", die seit Ende der 1950er Jahre den Rest der US-Aktiengesellschaften mit weitem Abstand übertroffen hätten, - ihren Höchststand erreicht. Während der Inflation zwischen 1965 und 1969 hätten sie jedoch eine deutliche Korrektur erfahren, um dann wieder bis Ende 1972 abzuheben, als eine erneute Inflationswelle, ausgelöst vom Ölpreisschock von 1973, der Übermacht der "Nifty Fifty" ein plötzliches Ende gesetzt habe.

Ersetzen wir die Vorherrschaft der "Nifty Fifty" in den 1960er Jahren durch die der FANG3 in den 2010ern, die Inflationswelle von 1965 bis 1969, die die kräftige Korrektur der "Nifty Fifty" verursachte, durch die Inflation von 2020 bis 2022, die zum starken Rückgang der FANG im Jahr 2022 führte, ersetzen wir schließlich die Rally von 1969 bis 1972 durch die von 2023 bis 2024, wird eine interessante Analogie deutlich; sollte sich diese Analogie wiederholen, käme eine zweite Inflationswelle auf uns zu, die zu der erwarteten Verlagerung führen könnte, so die Experten von Carmignac.

Gleichzeitig würden sich auch der Machtwechsel USA/Rest der Welt sowie der Übergang von den Wachstumsthemen hin zu den zyklischeren bzw. Value-Themen vollziehen. Eine zweite Inflationswelle könnte durch ihre Auswirkungen auf die langfristigen Zinsen die hohen Bewertungen in Bedrängnis bringen und den US-Markt stärker belasten, da dieser den Großteil der wachstumsstarken und hoch bewerteten, nicht zyklischen Unternehmen umfasse.

Das wieder erstarkte Japan, die erwartete Erholung Chinas, das schnellere Wachstum Indiens, die komplizierte Energiefrage und der ausufernde US-Bundeshaushalt könnten den Blick auf Themen und Regionen lenken, die Alternativen zu den US-amerikanischen Mega Caps aus dem Technologiesektor im weiteren Sinne darstellen, aber auch zum Inflationsdruck beitragen würden.

Die Dollarschwäche infolge der Haushaltslage in den USA dürfte eine Neubewertung in US-Dollar von nicht-amerikanischen Aktien begünstigen. Die Schlussfolgerung, dass die US-amerikanischen Mega Caps bis Ende dieses Jahrzehnts von Unternehmen aus anderen Ländern überholt würden, ginge nach Erachten der Experten von Carmignac im Moment noch einen Schritt zu weit, zumal diese Unternehmen angesichts ihres technischen Vorsprungs und ihrer soliden finanziellen Verfassung beneidenswert aufgestellt seien, um sich der sich abzeichnenden weltweiten Konjunkturverlangsamung zu stellen.

Die Möglichkeit einer zweiten Inflationswelle - eine Hypothese, die nicht von der Hand zu weisen sei - erscheine den Experten von Carmignac jedoch wahrscheinlich und folgenreich genug, um in einer globalen Portfoliostrategie berücksichtigt zu werden, indem man schrittweise eine thematische und geografische Diversifizierung in Richtung der Sektoren der "alten Wirtschaft" und der vernachlässigten geografischen Regionen vornehme. In sechs oder sieben Jahren lasse sich dann, in aller Bescheidenheit, ermessen, wie stichhaltig die vorgeschlagene Diversifikation gewesen sei, die allein auf der Beobachtung einer recht gut etablierten Zyklizität beruhe - wenn auch mit mysteriösen Triebfedern.


1 Gavekal Research, April 2024
2 Nifty Fifty: Ungefähr fünfzig US-Wachstumstitel mit hoher Transparenz, die als wenig anfällig gegenüber dem Konjunkturzyklus galten und im Vergleich zum Rest des US-Aktienmarkts sehr hoch bewertet waren. Diese Titel stammten aus den Sektoren Technologie, Gesundheit, Freizeit und, in selteneren Fällen, Industrie. Der Zinsanstieg führte zwischen 1973 und 1980 zu einem tiefgreifenden, kontinuierlichen Wertverlust.
3 FANG: Eine Gruppe von US-amerikanischen Mega Caps mit fließenden Konturen, wie beispielsweise Microsoft, Apple, Meta, Google, Amazon, Netflix, Nvidia, Tesla usw.

(23.05.2024/alc/a/a)