EZB-Zinsentscheid im September? Inflation und Euro-Kurs im Fokus


30.06.25 10:48
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Im Juni sollte sich die Inflation im Euroraum bei 2% p.a. stabilisieren, nach 1,9% p.a. im Mai, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Die Kerninflation dürfte von 2,3% p.a. auf 2,2% p.a. zurückgehen. Die Energiepreise schienen eine Talsohle erreicht zu haben, was darauf hindeute, dass ihre disinflationäre Wirkung auf die Gesamtinflation im weiteren Jahresverlauf allmählich nachlassen werde. Da der Krieg im Nahen Osten offenbar lediglich zu einer erhöhten Volatilität beitrage, aber keine langfristige Veränderung des Ölpreisniveaus bewirkt habe, habe der Konflikt bislang keine wesentlichen Auswirkungen auf den Inflationsausblick gehabt. Die Dienstleistungsinflation werde sich bei etwa 3,0% einpendeln und damit wohl ein Gleichgewicht erreichen, während die Güterinflation dank eines stärkeren Euro, der den Importkostendruck weiter mildere, mit 0,6% p.a. gedämpft bleibe. Diese Inflationszusammensetzung erscheine der EZB durchaus akzeptabel. Die entscheidende Frage sei, ob die EZB im September eine letzte Zinssenkung vornehmen werde. Neben den Inflationszahlen stünden in der Eurozone weitere PMI-Daten für Juni sowie Daten zur Industrieproduktion und Arbeitslosigkeit im Mai auf der Agenda.

Auch in den USA stehe mit dem Arbeitsmarktbericht für Juni ein echtes Schwergewicht zur Veröffentlichung an. Trotz Abwärtsrevisionen der berichteten Beschäftigungszuwächse in den Monaten März und April zeichne die Datenlage zum Arbeitsmarkt im Mai ein im Großen und Ganzen positives Bild. So habe die Beschäftigung (exkl. Agrar) um 139 Tausend Stellen zulegen können, was vor allem durch Zuwächse in den Bereichen Freizeit und Gastgewerbe (+48 Tsd.) sowie Gesundheitswesen (+78 Tsd.) getrieben worden sei. Die beobachteten Rückgänge im verarbeitenden Gewerbe (-8 Tsd.) und im Einzelhandel (-6,5 Tsd.) könnten eine erste Folge der US-Zölle sein, würden aber noch keinen Grund zur Sorge darstellen. Auch die Arbeitslosenquote verbleibe mit 4,2% auf einem niedrigen Niveau, während auch die wöchentlichen Daten zu den Erstanträgen auf Arbeitslosenunterstützung auf keine massiven Verwerfungen am Arbeitsmarkt hindeuten würden. Es scheine also alles angerichtet zu sein für einen weiteren soliden Arbeitsmarktbericht, der Konsens erwarte ein Beschäftigungswachstum von 129 Tsd. Stellen und eine konstante Arbeitslosenquote. Nichtsdestotrotz blieben die Risiken klar in Richtung schwächerer Arbeitsmarktbedingungen ausgerichtet, verweile die Unsicherheit doch weiterhin auf einem stark erhöhten Niveau. Diesen Umstand hätten zuletzt auch die ISM-Indizes reflektiert, welche kontinuierlich abgenommen hätten und unter die 50-Punkte-Marke abgerutscht seien (verarbeitendes Gewerbe: 48,5; nicht-verarbeitendes Gewerbe: 49,9 Punkte). Die Juni-Werte dieser Indikatoren würden ebenfalls nächste Woche erscheinen.

Auf den Zinsmärkten seien die Rückgänge der Renditen von US-Staatsanleihen in den letzten zwei Wochen das auffälligste Ereignis gewesen. Und diese Dynamik habe diese Woche definitiv an Fahrt gewonnen. US-Treasury-Renditen seien um etwa 20 Basispunkte gesunken. Der Rückgang sei bei kürzeren Laufzeiten stärker gewesen, sodass sich die Kurve versteilt habe. Der Spread zwischen den Renditen 10-jähriger und 2-jähriger Anleihen liege jetzt über 50 Basispunkten. Der Rückgang der Renditen sei vor allem durch die Erwartung getrieben worden, dass die Fed die Zinsen früher und stärker senken könnte. Eine Zinssenkung im September sei jetzt vom Markt voll eingepreist, und die Spekulationen über eine mögliche Zinssenkung im Juli nähmen zu. Einige FOMC-Mitglieder hätten die dovishere Erwartungshaltung des Marktes befeuert, indem sie eine Juli-Zinssenkung öffentlich befürwortet hätten. Der Grund dafür sei, dass die Inflationszahlen bisher keine Auswirkungen der Zölle gezeigt hätten.

"Jerome Powell hat diese Woche auch vor dem US-Kongress gesprochen. Er meinte, dass eine Zinssenkung gerechtfertigt sein könnte, wenn die Auswirkungen der Zölle im Sommer nicht in den Daten zu sehen sind - was eher auf September als auf Juli hindeutet." Das zeige, dass die US-Inflationszahlen wieder einmal entscheidend für die Richtung der US-Renditen sein würden. Neben dem Newsflow zur Fed habe Donald Trump zusätzlich Öl ins Feuer gegossen. Dass Trump mit Powells Führung der Fed nicht zufrieden sei, sei kein Geheimnis. Bis Mai 2026 werde Powell jedoch noch im Amt sein. Trump denke jedoch bereits darüber nach, wer Powell nachfolgen könnte. Ein dovisher Kandidat (der Zinssenkungen befürworte) sei denkbar, was die jüngsten Entwicklungen am Zinsmarkt weiter unterstützt habe. Die gleichzeitige Abwertung des US-Dollars passe ebenfalls ins Bild. (Ausgabe vom 27.06.2025) (30.06.2025/alc/a/a)