Chinas Null-Covid-Strategie fördert die Inflation


26.04.22 12:00
La Française AM

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Chinas BIP-Wachstum stieg im Jahresvergleich von +4% im vierten Quartal 2021 auf +4,8% im ersten Quartal 2022 (Quelle: Bloomberg), so Gilles Seurat, Fixed Income und Cross Asset Portfolio Manager, La Française AM.

Die Prognosen für Ende 2022 seien jedoch deutlich düsterer, vor allem wegen der zunehmenden Corona-Fälle, die in den letzten zwei Monaten von einigen wenigen auf fast 25.000 Fälle pro Tag gestiegen seien. In Reaktion darauf verfolge die chinesische Regierung weiterhin ihre Null-Covid-Strategie und habe neue Lockdowns verhängt. Zur Verdeutlichung: Nomura schätze, dass ca. 356,5 Millionen Chinesen, die 25,3% der Bevölkerung und 38,4% des chinesischen BIP ausmachen würden, im Lockdown seien. Infolgedessen seien die Mobilitätsindikatoren im Durchschnitt um 50% gesunken, wobei der Rückgang in Shanghai, wo die Lockdown-Maßnahmen am strengsten seien, wesentlich stärker ausfalle. (Quelle: Baidu, Stand: 17.04.2022)

Der Ernst der Lage verursache eine beispiellose Überlastung. Aufgrund der strengen Anti-Corona-Maßnahmen fehle ein Großteil der Hafenarbeiter und Lkw-Fahrer, was zu Staus und Rückstaus führe. In Shanghai würden mehr als 300 Schiffe auf ihre Entladung warten, im Februar seien es nur 50 gewesen. Die Situation habe sich verschärfe und sei derzeit noch schlimmer als in den Jahren 2020 und 2021!

Was bedeute das für die Weltwirtschaft? Erstens sinke der Ölverbrauch in China, da der private Autoverkehr eingeschränkt worden sei. Auch der Flugverkehr sei rückläufig, da nur noch einer von vier Inlandsflügen durchgeführt werde. All diese Faktoren würden sich natürlich auf die Ölnachfrage auswirken, die im April 2022 im Vergleich zum April 2021 um 9% (das entspreche 1,2 Millionen Barrel pro Tag) zurückgehen dürfte. (Quelle: Bloomberg)

Wie sich dieser Rückgang langfristig auf die Rohölpreise auswirken werde, hänge weitgehend von der Frage ab, inwieweit es der chinesischen Regierung gelinge, die Ausbreitung von Corona in den kommenden Monaten einzudämmen und wie lange die Lockdowns andauern würden.

Kurz- bis mittelfristig dürfte sich der Stau in den chinesischen Häfen jedoch noch dramatischer auf die Inflation auswirken. In der Tat übersteige die weltweite Nachfrage nach Konsumgütern derzeit das Angebot, und die Beeinträchtigung der chinesischen Lieferkette werde dieses Ungleichgewicht nur noch verstärken und damit zu einer zusätzlichen Inflation führen. Engpässe würden sich von Halbleitern im Jahr 2020 bis hin zu Papier, Glas, Autoteilen usw. heutzutage häufen.

Die wiederholten Lockdowns hätten das Konsumgleichgewicht zwischen Waren und Dienstleistungen verschoben. In den USA beispielsweise sei der Güterkonsum um 15% höher als vor der Pandemie (Quelle: Bloomberg), und weltweit sei die Nachfrage nach Haushaltsgeräten und IT-Hardware made in China sprunghaft angestiegen. Außerdem erhole sich der US-Arbeitsmarkt immer noch von seinem Einbruch im Jahr 2020, und es würden nach wie vor 1,6 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Die CEO-Umfrage des US Business Roundtable zeige, dass die Einstellungsplanung für die nächsten sechs Monate ein Allzeithoch erreicht habe. Daher dürften die Gesamteinkommen weiter steigen und die US-Nachfrage weiter stützen.

Theoretisch könne das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage nur durch höhere Preise behoben werden. Ein gutes Beispiel sei die deutsche Automobilindustrie, die sowohl die Lieferfristen auf manchmal mehr als ein Jahr verlängert als auch die Preise erhöht habe.

Der Inflationsanstieg habe verschiedene Folgen für die Finanzmärkte und die Portfolioallokation. Die Zentralbanken hätten weltweit eine Straffungspolitik eingeleitet und dürften angesichts des Drucks, gegen das schlimmste aller Übel, die Inflation, vorzugehen, auch weiterhin Maßnahmen ergreifen. Dies bedeute, dass das vordere Ende der Zinsstrukturkurve weiterhin unter Druck stehen dürfte. Die Märkte dürften auch in den kommenden Monaten Zinserhöhungen einpreisen. Daher sei La Française AM der Ansicht, dass die Renditen von Anleihen mit kurzer bis mittlerer Laufzeit eher steigen als sinken würden. Dies gelte weniger für Anleihen mit langen Laufzeiten, da die Nachfrage einiger Anleger langsam wieder zunehme. Langfristige disinflationäre Faktoren wie ein langsameres Bevölkerungswachstum würden dazu führen, dass die Renditen von Anleihen mit langen Laufzeiten eher gedeckelt seien. La Française AM rechne daher mit flacheren Zinskurven in Europa. Die Lockdowns in China würden dieser Anlagestrategie zusätzlichen Auftrieb geben. (26.04.2022/alc/a/a)