China: Deflation statt Inflation


28.06.23 11:15
Raiffeisen Capital Management

Wien (www.anleihencheck.de) - Das Bild in Chinas Wirtschaft hat sich in den letzten Wochen nicht wesentlich geändert, sondern eher verfestigt, so die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Die Erholung bei den Exporten im März/April dürfte ein vorübergehender Ausreißer gewesen sein, denn neue Exportaufträge seien rückläufig. Anders als in den meisten anderen Ländern würden deflationäre und disinflationäre Tendenzen in China dominieren. Dazu trage zum einen bei, dass es in China(anders als in den USA) während der Pandemie keine großen staatlichen Transferprogramme an die privaten Haushalte und Unternehmen gegeben habe. Zum anderen seien chinesische Haushalte und Unternehmen vergleichsweise hoch verschuldet.

Es zeichne sich zunehmend ab, dass gerade für viele private Haushalte der Schuldenabbau inzwischen Priorität habe, - vor Konsum oder weiterer Kreditaufnahme. Das ist umso bemerkenswerter, als die Hypothekenzinsen auf ein 14-Jahres-Tief gefallen sind. Weshalb es trotzdem keine signifikant stärkere Nachfrage nach Immobilienkäufen auf Kredit gibt, wird von einigen Analysten damit erklärt, dass für sehr viele Immobilienkäufer:innen die Differenz zwischen den zu erwartenden Preissteigerungen bei Immobilien und den Kreditzinsen die entscheidende Einflussgröße für etwaige Kaufentscheidungen war bzw. ist, so die Experten von Raiffeisen Capital Management. Solange die Preissteigerungen deutlich über den Kreditkosten gelegen hätten, sei das Ganze ein vielversprechendes Geschäft gewesen.

Mit der Abkühlung des Immobilienbooms und den fortgesetzten Problemen in diesem Bereich sei die Neigung zur Immobilienspekulation auf Kredit stark gesunken. Wenn Privathaushalte aber lieber Kredite zurückzahlen würden, als neue Schulden aufzunehmen, drücke das aufs binnenwirtschaftliche Wachstum. Parallel dazu sei auch die Investitionsbereitschaft bei den Unternehmen derzeit nicht sehr ausgeprägt. Teils hohe Verschuldung, zunehmende Unwägbarkeiten, geopolitische Risiken und ein bei den Infrastrukturausgaben eher zurückhaltender Staat würden hier hineinspielen.

Es bleibe damit bei der Einschätzung, dass Chinas Wirtschaftswachstum heuer weniger von Investitionen und Produktionsausweitungen getrieben sein werde und dass damit die Wachstumsimpulse (über chinesische Importe) für die übrige Welt vergleichsweise moderat sein würden. Der Dienstleistungsbereich werde zwar spürbar wachsen, aber nicht so dynamisch, wie in vielen anderen Ländern und wohl auch weniger stark als ursprünglich erhofft. Die Aktienbewertungen im Konsumsektor an den chinesischen Börsen scheinen diesbezüglich allerdings noch immer recht optimistische Szenarien widerzuspiegeln, so die Experten von Raiffeisen Capital Management.

Insgesamt hätten Chinas Aktienmärkte im Mai zu den großen Verlierern im weltweiten Vergleich gehört. Die Festlandsaktien (A-Aktien) hätten im Mai um rund 3,5% nachgegeben, während die H-Aktien in Hongkong sogar rund 8% verloren hätten. (Ausgabe vom 23.06.2023) (28.06.2023/alc/a/a)