Anleihemarkt: Anleger setzen auf Mittelständler


27.04.15 10:44
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Hängepartie mit Griechenland behält die Themenhoheit an den Kapitalmärkten, so die Deutsche Börse AG.

Neuerliche Meldungen über die akute Geldknappheit Athens habe bei Anlegern allerdings keinen Schock ausgelöst. "Dass die Gläubiger des Schuldenstaates jetzt auf eine Vorlage der Reformpläne bis Ende April verzichten und ein Konzept erst Ende Juni erwarten, zeigt die Inkonsequenz in dieser leidigen Schuldendebatte", beschreibe die Helaba. Was Herr Varoufakis bei dieser Konstellation unter einer "klaren Annäherung" verstehe, bleibe sein Geheimnis. So werde es beim heutigen Treffen der Euro-Finanzminister in Riga lediglich eine Bestandsaufnahme der bisherigen Fortschritte geben.

Damit würden die zur Auszahlung bereitgestellten rund 7,2 Milliarden Euro Hilfsgelder festsitzen, obwohl es in Griechenland eng werde. "Mittlerweile sind alle staatlichen Institutionen und öffentlich-rechtlichen Betriebe per Erlass gezwungen, ihre Barreserven an die Griechische Zentralbank zu überweisen", beschreibe Klaus Stopp von der Baader Bank. Mit den dadurch erwarteten rund drei Milliarden Euro könnten unter anderem fällige Schulden an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgezahlt werden. "Die Regierung benötigt bis zum 12. Mai rund 1,1 Milliarden Euro für Gehälter, 850 Millionen Euro für Renten und knapp 1 Milliarde Euro für Verpflichtungen an den IWF."

Mit der drohenden Staatspleite seien die Erträge von Hellas-Bonds auf Mehrjahres-Hochstände geklettert, wie Arthur Brunner von der ICF Bank berichte. "Die Rendite zweijähriger griechischer Bonds erreichten auf Wochensicht in der Spitze 29,33 Prozent und liegen aktuell bei 23,4 Prozent."

Die Entwicklung einer erst im vergangenen Juli begebenen Anleihe (ISIN GR0110029312 / WKN A1ZL72) verdeutliche den Stimmungsumschwung. Mehrfach überzeichnet sei die mit 3,625 Prozent Zinsen ausgestattete Anleihe zu einem Preis von 99,65 Prozent gestartet. "Der Optimismus war damals groß." Mittlerweile notiere der Wert bei 66,74 Prozent. "Das entspricht Kursverlusten von etwa 33 Prozent."

"Auch zehnjährige griechische Staatsanleihen sind betroffen", ergänze Sabine Tillmann von der Hellwig Wertpapierhandelsbank. Die Renditen lägen derzeit bei rund 13,5 Prozent. Erst die Verlängerung der Frist für Griechenland habe den Abwärtsstrudel Mitte der Woche gestoppt.

Den neuen Rekord von 160,69 Prozent mit einhergehenden Renditen von mageren 0,05 Prozent am vergangenen Freitag habe der richtungsweisende Euro-Bund-Future nicht halten können. Das hiesige Rentenbarometer habe die Gewinne im Wochenverlauf wieder abgegeben und notiere aktuell bei 159,12 Prozent.

Zur Konsolidierung beigetragen habe nach Auffassung von Tillmann der Aufruf von Starinvestor Bill Gross, die als besonders ausfallsicher geltenden deutschen Staatstitel zu verkaufen. Als günstigen Zeitpunkt nenne Gross das Ende des derzeit stattfindenden Anleihen-Kaufprogramms der Europäischen Zentralbank. "Dahinter steckt das Kalkül, dass die Anleiherenditen steigen, wenn die EZB-Flut des billigen Geldes nachlässt", erläutere Stopp. Mit dieser Einschätzung stehe Gross nicht allein.

Erstmals könne ein chinesisches Staatsunternehmen seine Schulden nicht mehr zurückzahlen, wie Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft melde. Der Transformator-Hersteller Baoding Tianwei Group habe in dieser Woche eine fällige Zinszahlung in Höhe von 85,5 Millionen Yuan, das seien umgerechnet etwa 12,9 Millionen Euro, für eine 1,5 Milliarden Yuan schwere Anleihe nicht bedient. "Damit zeigt die chinesische Regierung, dass sie nicht mehr bereit ist, jedes Unternehmen zu retten."

Bereits im vergangenen Jahr habe das privatwirtschaftliche Unternehmen Kaisa Group eine Anleihe nicht bedient. "Daraufhin wurden die in Deutschland gelisteten Bonds von Kaisa (ISIN XS0871580477 / WKN A1HEMJ; ISIN HK0000146719 / WKN A1HJYK; ISIN XS0828366756 / WKN A1G9SF) vom Handel ausgesetzt."

China sorge sich um die Liquiditätslage der heimischen Wirtschaft, was nach Ansicht von Tillmann an der aktuellen Geldpolitik erkennbar sei. "Zu Beginn der Woche haben Pekings Währungshüter den Mindestreservesatz für Geschäftsbanken um stattliche 100 Basispunkte gesenkt." Dies sei Stopp zufolge eine Veränderung, wie sie zuletzt unmittelbar nach der Lehman-Pleite 2008 vorgenommen worden sei. "Kein Zweifel, die People's Bank of China versucht, einem Liquiditätsengpass am chinesischen Kapitalmarkt vorzubeugen, und zwar nach dem Vorbild westlicher Notenbanken."

Bei Unternehmensanleihen erkenne Brunner einen Trend weg von sehr langen Laufzeiten. "Mittelstands-Anleihen von Unternehmen mit einem tragfähigen Geschäftsmodell kommen hingegen gut an." Bonds (ISIN DE000A1R07G4 / WKN A1R07G) von Deutsche Rohstoff würden beispielsweise inzwischen bei 109 Prozent notieren, Eterna Mode bei 104 und Ferratum bei 106 Prozent. "Alle bieten einen Kupon von ansehnlichen 8 Prozent."

Die Ausmusterung des Bundeswehr-Standardgewehrs G36 von Heckler & Koch durch die Bundesverteidigungsministerin habe nach Beobachtung Tillmanns den Kurs der Anleihe (ISIN XS0626438112 / WKN A1KQ5P) des Rüstungsherstellers getroffen. Nachdem sich Investoren tendenziell von ihren Beständen verabschiedet hätten, liege das Kursniveau bei nur noch 62 Prozent. "Damit muss sich Heckler & Koch neben den wirtschaftlichen Problemen nun auch noch der Qualitätsdiskussion stellen."

Aus dem Stand gekauft worden sei laut Daniel eine im April 2027 fällige Neuemission (ISIN US61761JZN26 / WKN MS0KQ0) von Morgan Stanley mit einem Kupon von 3,95 Prozent. "Anleger nutzten die Euro-Erholung zum Einstieg in einen US-Dollar-Wert."

Die solide Nachfrage nach einer neuen, mit 8 Prozent jährlichen Zinsen ausgestattete, Wandelanleihe (ISIN DE000A14J7A9 / WKN A14J7A) von Heidelberg Druck habe nach Meldung von Daniel den Handel mit einem bestehenden bis 2018 laufenden Bond (ISIN DE000A1KQ1E2 / WKN A1KQ1E) des Unternehmens angekurbelt. Wandelanleihen seien eine besondere Form der Corporate Bonds. Je nach Ausgestaltung könnten sie am Laufzeitende in Aktien umgewandelt werden. Das mache sie interessant für Anleger, allerdings sei die Verzinsung in der Regel niedriger als bei einem herkömmlichen Bond.

Eine weitere Wandelanleihe (ISIN DE000A13SHL2 / WKN A13SHL) von SeniVita könnten Anleger seit Donnerstag über die Börse Frankfurt zeichnen. Die SeniVita Social Estate AG konzentriere sich auf die Errichtung von Immobilien und die Vollversorgung für pflegebedürftige Menschen. Mit der jüngsten Kapitalmaßnahme plane das Unternehmen die Aufnahme von 50 Millionen Euro. Den ersten Zeichnungstag des bis 2020 laufenden Wertes mit einem Kupon von 6,5 Prozent beschreibe Brunner als erfolgreich. "Anleihen für rund 1,5 Millionen Euro gingen über den Tisch." (Ausgabe vom 24.04.2015) (27.04.2015/alc/a/a)