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EZB vor neuer Zinssenkung im Juni?
26.05.25 10:15
Raiffeisen Bank International AG
Wien (www.anleihencheck.de) - Letzten Freitag hat Moody's als letzte der drei großen Ratingagenturen den USA die höchste Ratingstufe entzogen und die Wirtschaft von Aaa auf Aa1 herabgestuft, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).
Die Agentur führe den Anstieg der Staatsverschuldung und der Zinszahlungsquoten über die letzten Jahre als Hauptgrund für die Herabstufung an, eine nachhaltige Reduzierung der Defizite schätze sie als unwahrscheinlich ein. Stattdessen könnte sich das Defizit in den nächsten zehn Jahren angesichts steigender Ausgaben und stagnierender Staatseinnahmen sogar zusätzlich ausweiten. Der aktuell im Kongress diskutierte One Big Beautiful Bill Act (OBBBA), der unter anderem die Verlängerung des Tax Cuts and Jobs Act vorsehe, könnte die Gesamtverschuldung um weitere drei bis fünf Billionen US-Dollar erhöhen.
Obwohl zusätzliche Zolleinnahmen einen Teil der Kosten ausgleichen könnten, bleibe die Schuldendynamik der USA also besorgniserregend. Die zuletzt beobachtbare erhöhte Skepsis gegenüber den sicheren Häfen US-Treasuries und US-Dollar gefährde die langfristige Tragfähigkeit der US-Schulden zusätzlich. Angesichts der jüngsten Entwicklungen seien längerfristige Treasury-Renditen angestiegen und auch der US-Dollar habe sich im Zuge der Herabstufung weiter abgeschwächt. Anhaltende Marktvolatilität im Zusammenhang mit der Diskussion des OBBBA im Kongress sei nicht auszuschließen, zumal mit dem Paket auch eine Erhöhung der Schuldenobergrenze angestrebt werde.
Die aktuelle Obergrenze sei bereits im Januar erreicht worden, wodurch das US-Finanzministerium gezwungen sei, auf sogenannte außerordentliche Maßnahmen zurückzugreifen. Es werde erwartet, dass die Reserven des Ministeriums im Spätsommer leer sein könnten, was einen Zahlungsausfall der USA nach sich ziehen könnte. In ihrem Basisszenario würden die Analysten der RBI davon ausgehen, dass ein solches Szenario eintrete, und die Analysten würden auch nicht davon ausgehen, dass die US-Treasuries und der US-Dollar in Zukunft ihren Status als sicherer Hafen verlieren würden. Dennoch habe der beobachtete Vertrauensverlust in diese Instrumente in Verbindung mit der anhaltenden politischen Spaltung in den USA das Potenzial, die Nachhaltigkeit der US-Schulden auf lange Sicht weiter zu gefährden, obgleich keine unmittelbare Gefährdung vorliege.
Diese Woche stünden mit den Sentiment-Indikatoren der Europäischen Kommission weitere Stimmungsindikatoren zur Veröffentlichung an. Diese sollten nach Meinung der Analysten der RBI eine ähnliche Dynamik wie die PMIs aufweisen, man prognostiziere einen leichten Rückgang des Dienstleistungsvertrauens (1,4 auf 1,2 Punkte), einen Anstieg beim Industrievertrauen (-11,2 auf -10,5 Punkte) und einen Anstieg beim Wirtschaftsvertrauen (93,6 auf 94,3 Punkte).
Doch auch Inflationsdaten stünden auf der Agenda. Während die PCE-Inflation für April auf eine positive Inflationsdynamik in den USA hinweisen sollte (VPI- und PPI-Zahlen seien unter den Erwartungen ausgefallen), sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die US-Zölle wohl in den nächsten Monaten Aufwärtsdruck auf die Inflation ausüben würden.
In der Eurozone würden indessen erste nationale Inflationsschätzungen für Mai erscheinen. Eine detaillierte Analyse der endgültigen Zahlen für April habe einige bemerkenswerte Beobachtungen ergeben: Erstens gebe es eine anhaltend hohe Dynamik bei den Preisen für unverarbeitete Nahrungsmittel. In den letzten vier Monaten sei der Warenkorb für unverarbeitete Nahrungsmittel kumulativ um 2,9% angestiegen, die Inflation im Jahresvergleich habe im April bei 4,9% gelegen. Die Haupttreiber seien Fleisch, Gemüse und Obst. Normalerweise würden die Preise für unverarbeitete Nahrungsmittel als Frühindikator für die Inflation bei verarbeiteten Nahrungsmitteln dienen, was darauf hindeute, dass die Nahrungsmittelinflation für längere Zeit auf einem hohen Niveau von etwa 3% bleiben dürfte.
Die Dienstleistungsinflation habe sich im April unerwartet beschleunigt. Der Zeitpunkt von Ostern habe in der Regel einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklungen im Monatsvergleich, was eine gründliche Analyse der Inflationstrends erschwere. Man habe einen unerwartet hohen Anstieg saisonaler Posten wie Luftverkehr (13,8%) und Urlaub (8,6%) im Jahresvergleich beobachtet. Man gehe davon aus, dass diese spezifischen Treiber im Mai zurückgehen werden, sodass sich die zugrunde liegenden Faktoren der Dienstleistungsinflation, die für die Entscheidungsfindung der EZB entscheidend seien, besser beurteilen lassen würden.
Das Protokoll zur letzten EZB-Sitzung vom April zeige eine Bandbreite an Meinungen. Die EZB-Zinssitzung habe ganz im Zeichen der Zollankündigung Donald Trumps Anfang April gestanden. Schlussendlich sei eine Zinssenkung um 25 Basispunkte einstimmig beschlossen worden. Es habe aber durchaus Vertreter gegeben, welche sich gegenüber einer Zinssenkungspause oder einer Zinssenkung um 50 Basispunkte offen gezeigt hätten.
Die kurzfristigen Inflationsaussichten seien als disinflationär bewertet worden. Einerseits seien die Inflationsveröffentlichungen vom Februar und März als Bestätigung des Disinflationsprozesses gewertet worden. Andererseits sei auch der Zoll-Schock als kurzfristig inflationssenkend interpretiert worden - negative Konjunktureffekte und die EUR-Aufwertung hätten hier im Vordergrund gestanden.
Es sei eher der mittelfristige Inflationsausblick gewesen, bei dem man sich nicht einig gewesen sei. Mögliche Gegenzölle der EU aber auch mittelfristige Inflationseffekte aufgrund der lockereren Fiskalpolitik - wohl in Deutschland - seien als Inflationsrisiken genannt worden. Diese klare Unterscheidung zwischen kurzfristigen und mittelfristigen Effekten sei am Tag der Zinssitzung nicht so klar kommuniziert worden.
Der Konsens für eine Zinssenkung sei somit durch die kurzfristigen Abwärtsrisiken sowohl für Wachstum als auch Inflation motiviert gewesen. Weiter sei erwähnt worden, dass die EZB in Zeiten hoher Unsicherheit Stabilität widerspiegeln sollte. Keine zusätzlichen Markt-Turbulenzen zu verursachen, habe somit auch für eine Zinssenkung von 25 BP gesprochen, sei diese doch am Markt erwartet worden.
Ein Blick auf die Entwicklungen seit der EZB-Zinssitzung könnte vermuten lassen, dass die Vertreter einer Zinspause wieder im Aufwind seien. Seit der Sitzung habe sich die politische Unsicherheit etwas abgebaut und die Marktvolatilität sei deutlich gesunken. Des Weiteren habe die Inflation im April über den Erwartungen gelegen - ob das wirklich nur auf Oster-Einmaleffekte zurückzuführen sei, werde sich bald zeigen (Stichwort Mai-Inflation).
Die Analysten der RBI würden dennoch erwarten, dass die EZB die Leitzinsen im Juni abermals senken werde. Das Konjunktur-Momentum im Dienstleistungssektor habe sich zuletzt abgeschwächt, die neuen Prognosen würden Abwärtsrevisionen sowohl bei der Inflation als auch beim Wachstum zeigen und Risiken würden wohl nach unten deuten. Auch mit Blick auf die Markterwartung sei eine Zinssenkung wahrscheinlich. Nach der Zinssenkung im Juni würden die Diskussionen im EZB-Rat aber wohl wieder hitziger geführt werden. (Ausgabe vom 23.05.2025) (26.05.2025/alc/a/a)
Die Agentur führe den Anstieg der Staatsverschuldung und der Zinszahlungsquoten über die letzten Jahre als Hauptgrund für die Herabstufung an, eine nachhaltige Reduzierung der Defizite schätze sie als unwahrscheinlich ein. Stattdessen könnte sich das Defizit in den nächsten zehn Jahren angesichts steigender Ausgaben und stagnierender Staatseinnahmen sogar zusätzlich ausweiten. Der aktuell im Kongress diskutierte One Big Beautiful Bill Act (OBBBA), der unter anderem die Verlängerung des Tax Cuts and Jobs Act vorsehe, könnte die Gesamtverschuldung um weitere drei bis fünf Billionen US-Dollar erhöhen.
Obwohl zusätzliche Zolleinnahmen einen Teil der Kosten ausgleichen könnten, bleibe die Schuldendynamik der USA also besorgniserregend. Die zuletzt beobachtbare erhöhte Skepsis gegenüber den sicheren Häfen US-Treasuries und US-Dollar gefährde die langfristige Tragfähigkeit der US-Schulden zusätzlich. Angesichts der jüngsten Entwicklungen seien längerfristige Treasury-Renditen angestiegen und auch der US-Dollar habe sich im Zuge der Herabstufung weiter abgeschwächt. Anhaltende Marktvolatilität im Zusammenhang mit der Diskussion des OBBBA im Kongress sei nicht auszuschließen, zumal mit dem Paket auch eine Erhöhung der Schuldenobergrenze angestrebt werde.
Die aktuelle Obergrenze sei bereits im Januar erreicht worden, wodurch das US-Finanzministerium gezwungen sei, auf sogenannte außerordentliche Maßnahmen zurückzugreifen. Es werde erwartet, dass die Reserven des Ministeriums im Spätsommer leer sein könnten, was einen Zahlungsausfall der USA nach sich ziehen könnte. In ihrem Basisszenario würden die Analysten der RBI davon ausgehen, dass ein solches Szenario eintrete, und die Analysten würden auch nicht davon ausgehen, dass die US-Treasuries und der US-Dollar in Zukunft ihren Status als sicherer Hafen verlieren würden. Dennoch habe der beobachtete Vertrauensverlust in diese Instrumente in Verbindung mit der anhaltenden politischen Spaltung in den USA das Potenzial, die Nachhaltigkeit der US-Schulden auf lange Sicht weiter zu gefährden, obgleich keine unmittelbare Gefährdung vorliege.
Diese Woche stünden mit den Sentiment-Indikatoren der Europäischen Kommission weitere Stimmungsindikatoren zur Veröffentlichung an. Diese sollten nach Meinung der Analysten der RBI eine ähnliche Dynamik wie die PMIs aufweisen, man prognostiziere einen leichten Rückgang des Dienstleistungsvertrauens (1,4 auf 1,2 Punkte), einen Anstieg beim Industrievertrauen (-11,2 auf -10,5 Punkte) und einen Anstieg beim Wirtschaftsvertrauen (93,6 auf 94,3 Punkte).
Doch auch Inflationsdaten stünden auf der Agenda. Während die PCE-Inflation für April auf eine positive Inflationsdynamik in den USA hinweisen sollte (VPI- und PPI-Zahlen seien unter den Erwartungen ausgefallen), sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die US-Zölle wohl in den nächsten Monaten Aufwärtsdruck auf die Inflation ausüben würden.
Die Dienstleistungsinflation habe sich im April unerwartet beschleunigt. Der Zeitpunkt von Ostern habe in der Regel einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklungen im Monatsvergleich, was eine gründliche Analyse der Inflationstrends erschwere. Man habe einen unerwartet hohen Anstieg saisonaler Posten wie Luftverkehr (13,8%) und Urlaub (8,6%) im Jahresvergleich beobachtet. Man gehe davon aus, dass diese spezifischen Treiber im Mai zurückgehen werden, sodass sich die zugrunde liegenden Faktoren der Dienstleistungsinflation, die für die Entscheidungsfindung der EZB entscheidend seien, besser beurteilen lassen würden.
Das Protokoll zur letzten EZB-Sitzung vom April zeige eine Bandbreite an Meinungen. Die EZB-Zinssitzung habe ganz im Zeichen der Zollankündigung Donald Trumps Anfang April gestanden. Schlussendlich sei eine Zinssenkung um 25 Basispunkte einstimmig beschlossen worden. Es habe aber durchaus Vertreter gegeben, welche sich gegenüber einer Zinssenkungspause oder einer Zinssenkung um 50 Basispunkte offen gezeigt hätten.
Die kurzfristigen Inflationsaussichten seien als disinflationär bewertet worden. Einerseits seien die Inflationsveröffentlichungen vom Februar und März als Bestätigung des Disinflationsprozesses gewertet worden. Andererseits sei auch der Zoll-Schock als kurzfristig inflationssenkend interpretiert worden - negative Konjunktureffekte und die EUR-Aufwertung hätten hier im Vordergrund gestanden.
Es sei eher der mittelfristige Inflationsausblick gewesen, bei dem man sich nicht einig gewesen sei. Mögliche Gegenzölle der EU aber auch mittelfristige Inflationseffekte aufgrund der lockereren Fiskalpolitik - wohl in Deutschland - seien als Inflationsrisiken genannt worden. Diese klare Unterscheidung zwischen kurzfristigen und mittelfristigen Effekten sei am Tag der Zinssitzung nicht so klar kommuniziert worden.
Der Konsens für eine Zinssenkung sei somit durch die kurzfristigen Abwärtsrisiken sowohl für Wachstum als auch Inflation motiviert gewesen. Weiter sei erwähnt worden, dass die EZB in Zeiten hoher Unsicherheit Stabilität widerspiegeln sollte. Keine zusätzlichen Markt-Turbulenzen zu verursachen, habe somit auch für eine Zinssenkung von 25 BP gesprochen, sei diese doch am Markt erwartet worden.
Ein Blick auf die Entwicklungen seit der EZB-Zinssitzung könnte vermuten lassen, dass die Vertreter einer Zinspause wieder im Aufwind seien. Seit der Sitzung habe sich die politische Unsicherheit etwas abgebaut und die Marktvolatilität sei deutlich gesunken. Des Weiteren habe die Inflation im April über den Erwartungen gelegen - ob das wirklich nur auf Oster-Einmaleffekte zurückzuführen sei, werde sich bald zeigen (Stichwort Mai-Inflation).
Die Analysten der RBI würden dennoch erwarten, dass die EZB die Leitzinsen im Juni abermals senken werde. Das Konjunktur-Momentum im Dienstleistungssektor habe sich zuletzt abgeschwächt, die neuen Prognosen würden Abwärtsrevisionen sowohl bei der Inflation als auch beim Wachstum zeigen und Risiken würden wohl nach unten deuten. Auch mit Blick auf die Markterwartung sei eine Zinssenkung wahrscheinlich. Nach der Zinssenkung im Juni würden die Diskussionen im EZB-Rat aber wohl wieder hitziger geführt werden. (Ausgabe vom 23.05.2025) (26.05.2025/alc/a/a)


