Anleihen: Renditerutsch wegen Konjunkturängsten


29.07.22 17:03
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Inflation bleibt hoch, allerdings wirkt sich am Anleihemarkt aktuell die Rezessionsangst stärker aus, so die Deutsche Börse AG.

Die Renditen seien wieder auf dem Rückzug. "Mit den jüngsten enttäuschenden Geschäftsumfragen sind die Euro-Zinsen zuletzt deutlich gefallen, obwohl der Inflationsdruck selbst in Deutschland trotz der Entlastungspakete bestenfalls eine kleine Pause einlegt", bemerke Anleiheanalyst Rainer Guntermann von der Commerzbank. Die Sorgen über die Gasversorgung seien eben hoch.

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen liege am Freitag bei 0,9 Prozent, gestern seien es sogar nur 0,8 Prozent gewesen. Zum Vergleich: In der Spitze Mitte Juni sei die Rendite auf 1,92 Prozent geklettert. Die Kurve habe sich außerdem verflacht, Renditen langlaufender Papiere seien stärker gefallen. "Der Markt preist eine Stagflation ein", stelle Arthur Brunner von der ICF Bank fest.

In den USA sehe es ähnlich aus: Zehnjährige US-Treasuries würden aktuell mit 2,70 Prozent nach 3,50 Prozent Mitte Juni rentieren. Dort würden sich auch die jüngsten Wachstumszahlen bemerkbar machen, die schlechter ausgefallen seien als erwartet. Die USA befinde sich nun in einer technischen Rezession, definiert als BIP-Rückgang in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen.

Zumindest die US-Notenbank gehe vehement gegen die Inflation vor: Am Mittwoch dieser Woche habe sie den Leitzins abermals erhöht, und zwar um 75 Basispunkte auf eine Spanne von 2,25 bis 2,5 Prozent. Sie habe außerdem geäußert, dass "weitere Erhöhungen" angemessen seien, in Abhängigkeit der Daten. Die konkrete Ankündigung aus der Juni-Sitzung sei allerdings nicht wiederholt worden. Das sei am Markt als eventuell moderateres Vorgehen interpretiert worden. "Es machte sich die Hoffnung breit, dass der nächste Zinsschritt nicht ganz so groß sein wird", formuliere es Brunner. "Die jüngste Zinserhöhung in den USA war zwar keine Überraschung, vor allem die Aussicht auf kleinere Schritte in Zukunft brachte aber Entspannung an die Kapitalmärkte", erkläre Tim Oechsner von der Steubing AG.

US-Anleihen würden interessant bleiben: Rege gehandelt werde Oechsner zufolge eine bis 2023 laufende US-Anleihe mit Kupon von 2,75 Prozent - in beide Richtungen.

Die EZB gehe zurückhaltender vor und habe die Leitzinsen bislang nur um 50 Basispunkte angehoben. "Es herrscht Unmut über die zögerliche Reaktion", bemerke Oechsner.

Die Risikoaufschläge für Europas Peripheriestaaten würden unterdessen auf erhöhten Niveaus bleiben. "Zu einer deutlichen Ausweitung ist es zuletzt nicht mehr gekommen - auch nicht in Italien", berichte Analyst Ralf Umlauf von der Helaba. Dabei sei zu befürchten, dass die eurokritischen Rechtsparteien bei der Wahl Ende September weiter an Einfluss gewinnen würden.

Kräftig hätten diese Woche Anleihen des französischen Satellitenbetreibers Eutelsat Federn lassen müssen. "Eutelsat und der britische Satellitenbetreiber OneWeb wollen sich zusammenschließen", erläutere Brunner. An der Börse sei das allerdings nicht gut angekommen, auch weil Eutelsat nach der Fusion zwei Jahre lang keine Dividende zahlen wolle. Die Aktie sei eingebrochen, die Anleihe ebenfalls.

Mittelstandsanleihen und High Yield-Bonds würden sich unterdessen gut halten, wie Karim Döring von Oddo BHF erkläre. "Die scheinen derzeit immun gegen schlechte Nachrichten zu sein."

Rege gehandelt würden Brunner zufolge Papiere von Grenke mit Kupon von 3,95 Prozent und Fälligkeit 2025 (ISIN XS2155486942 / WKN A28VXK), SGL International mit 7,75 Prozent bis 2025 (ISIN SE0015810759 / WKN A3KN7N) und PREOS Global Office Real Estate & Technology mit 7,5 Prozent bis 2024 (ISIN DE000A254NA6 / WKN A254NA). "Bei PREOS gaben sich Käufer und Verkäufer die Klinke in die Hand."

Laut Oechsner sei in einer Anleihe (ISIN XS1837288494 / WKN A2LQP5) von Knorr-Bremse mit Fälligkeit 2025 und Kupon von 1,125 Prozent viel umgegangen. Gute Umsätze melde Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank für die im Juni emittierte Anleihe des Windparkprojektierers PNE mit Kupon von 5 Prozent und Fälligkeit 2027.

Der vom Ukraine-Krieg stark betroffene, vor allem in Russland tätige Agrarkonzern Ekosem Agrar habe diese Woche von einer positiven operativen Entwicklung im ersten Halbjahr berichtet. "Das nützt den Anleihen aber nichts", bemerke Daniel mit Blick auf den 2024 fälligen Bond (ISIN DE000A2YNR08 / WKN A2YNR0) mit Kupon von ursprünglich 7,5 Prozent, der nur noch um 14 Prozent gehandelt werde. Die im August fällige Zinszahlung auf die Anleihe solle um ein Jahr gestundet werden. Damit würde Ekosem von einer Möglichkeit Gebrauch machen, die eine Gläubigerversammlung im Mai beschlossen habe. Außerdem sei der Kupon von 7,50 auf 2,5 Prozent reduziert worden.

Neuemissionen gebe es derzeit kaum - die Ferienzeit sei spürbar. Noch bis Montag, den 1. August um 12 Uhr, könne die Anleihe (ISIN DE000A3KWK17 / WKN A3KWK1) von JadeHawk Capital gezeichnet werden. Diese biete 7 Prozent bis 2027. Das Unternehmen sei ein spezialisierter Finanzinvestor mit Fokus auf unterbewertete geschlossene Immobilienfonds. (29.07.2022/alc/a/a)