Inside Wall Street
Alan Greenspan holt die Zinskeule heraus
Wenn die Montags-Rallye vor allem damit zusammenhing, dass Anleger und Analysten starke Arbeitsmarktdaten erstmals nicht mit Spekulationen über steigende Zinsen in Verbindung gebracht hatten, dann zeigt die Schwäche am Dienstag erneut, wovor dem Markt wirklich graut: Greenspan spricht, und die Wall Street zittert.
Der Chef der amerikanischen Notenbank hat am Morgen in Washington gesprochen, wenn auch per Satellit zu einem Publikum in London. Und Greenspan muss es schon zum Wochenauftakt in den Fingern gejuckt haben: So ein starker Arbeitsmarkt, mag er sich gedacht haben, und keiner fürchtet sich. Nun, am Dienstagmorgen holte der Fed-Chef die Zinskeule wieder heraus.
Nachdem Greenspan recht nüchtern erklärt hatte, dass sich in den USA keine Deflation abzeichne, und nach dem allgemein optimistischen Geplänkel über durchaus gute Aussichten für die US-Konjunktur und eine anhaltende Erholung, schlug der Alte zu: Nach wie vor verfolge die Fed die Idee, die Zinsen nur schrittweise und langsam anzuheben, man sei aber auch zu schärferen Maßnahmen in der Lage.
Das saß. Schärfere Maßnahmen? Plötzlich ist nicht mehr so klar, dass die Fed den Leitzins im Juni um höchstens 25 Basispunkte anheben wird. Es ist nach Greenspans Worten durchaus möglich, dass die Zinsen um 50 oder um 100 Basispunkte steigen. Dies würde einige Sektoren gewaltig belasten, nicht zuletzt die Banken, die Kreditgeber und Refinanzierer, aber auch die Branchen, deren Produkte zuletzt vor allem dank angenehm zinsfreier Finanzierungen an den Mann gingen, darunter die Autos.
Insofern kommt erneut Unsicherheit aus Wahsington, wo sich die Fed erst Ende dieses Monats zusammensetzen wird. Doch nicht erst dann gehen alle Augen nach Süden. Im Gegenteil: In dieser Woche passiert an der Wall Street und in New York nur wenig, was den markt bestimmen könnte. Vie mehr tut sich in Washington, D.C. und im sommerlichen Georgia, wo in diesen Stunden die Führer der G8-Staaten zu ihrem Gipfel eintreffen.
Auf dem Programm steht nicht nur die Irak-Politik der Amerikaner, für die US-Präsident George W. Bush erneut kaum Freunde oder breite Zustimmung finden dürfte. Diskutiert wird auch über das Öl-Problem: Hohe Preise machen den USA zu schaffen, und gemeinsam würde man gerne die Opec unter Druck setzen, die Föderquoten noch höher zu schrauben. Dass dies Makulatur wäre und die meisten Mitgliedstaaten im Öl-Kartell ohnehin an ihren technischen Fördergrenzen arbeiten, übersieht man gerne.
Am Freitag dominiert erneut Washington die Schlagzeilen. Die Wall Street bleibt geschlossen, wenn der frühere US-Präsident Ronald Regan ein Staatsbegräbnis in der National Cathedral erhält.
Unterdessen wird darüber diskutiert, ob der nach seinen Reaganomics umstrittene Wirtschaftspolitiker nicht auf einem Geldschein verewigt werden sollte. Im Gespräch ist der Zwanziger, aus dem zurzeit noch Andrew Jackson guckt. Diese Frage indes beschäftigt die Wall Street nicht, zumal der größte Teil des Handels weiter elektronisch über die Bühne geht.
Lars Halter - © Wall Street Correspondents Inc.
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