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Der Zinssenkungswettlauf - Auf die Plätze, fertig, los!


22.02.24 12:43
M&G Investments

London (www.anleihencheck.de) - Zu Beginn des Jahres 2024 sind die Inflationszahlen gegenüber ihren Höchstständen deutlich zurückgegangen, so Mario Eisenegger, ESG Fund Manager, Public Fixed Income bei M&G Investments.

Die Inflation nähere sich weiter den Zielmarken der Zentralbanken an. Da die aktuellen Leitzinssätze beibehalten würden, würden die realen Zinsen die Volkswirtschaften zu belasten beginnen. Deshalb werde erwartet, dass die großen Zentralbanken der Industrieländer in diesem Jahr die Zinssätze erheblich senken würden, was zusätzliche Volatilität auf den Anleihemärkten zur Folge haben könnte. Die Meinungen über den Zeitpunkt dieser Senkungen würden auseinandergehen. Außerdem hätten die ersten beiden Monate dieses Jahres zu einer deutlichen Neubewertung geführt, so dass die Erwartungen für Zinssenkungen nach hinten verschoben worden seien.

Die erste Zinssenkung 2024 werde den Beginn einer neuen Phase in diesem Wirtschaftszyklus signalisieren und habe das Potenzial, die Märkte auf breiter Ebene zu beeinflussen. Welche Zentralbank werde also als erste den Zinssenkungszyklus einleiten?

1. Teilnehmer: die FED

Die jüngste FOMC-Prognose für die Kerninflation der persönlichen Konsumausgaben (PCE) gehe von einer deutlichen Disinflation aus, wobei der PCE-Wert bis zum Jahresende auf 2,4% sinken solle. 2024 habe jedoch mit unerwartet hohen Inflationsdaten begonnen, die Zweifel an der künftigen Entwicklung der US-Inflation hätten aufkommen lassen. Ein Teil dieses Anstiegs könnte auf saisonale Schwankungen zurückzuführen sein. Aber der von Powell genau beobachtete CPI-Verbraucherpreisindex für die Kerndienstleistungen ohne Wohnkosten sei im Januar auf 0,85% gestiegen und habe eine erneute Beschleunigung in allen Sektoren gezeigt. Dies habe den 3-Monats- und 6-Monats-Trend des CPI auf 5,55% ansteigen lassen. In Verbindung mit einer realen BIP-Wachstumsrate von über 3%, Vollbeschäftigung und einer deutlichen Lockerung der finanziellen Bedingungen im letzten Quartal habe die FED genügend Wirtschaftsindikatoren gesammelt, um die derzeitigen Zinssätze beizubehalten, bis die PCE-Daten den Disinflationspfad bestätigen würden. Es sei jedoch zu beachten, dass es sich bei einigen der starken Wirtschaftsdaten um nachlaufende Indikatoren handle und dass das Abwarten mit Risiken verbunden sei, wie die jüngsten Ereignisse im Bankensektor, die Verluste bei Gewerbeimmobilien und die zunehmenden Zahlungsrückstände bei Verbrauchern gezeigt hätten.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung im März gesunken sei, spreche nach Erachten von Eisenegger viel dafür, dass die FED bis Mitte des Jahres mit der schrittweisen Lockerung der Geldpolitik beginnen werde.

2. Teilnehmer: die Bank of England

Eisenegger wende sich dem nächsten Akteur im Rennen zu, der Bank of England (BoE). Jüngsten Berichten zufolge sei die britische Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2023 in eine technische Rezession gerutscht. Außerdem sei allgemein bekannt, dass das Vereinigte Königreich nur über einen begrenzten finanzpolitischen Spielraum verfüge, um das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln. Die politischen Entscheidungsträger würden sich noch lebhaft an die Ereignisse vom September 2022 erinnern, als die Regierung Truss zusätzliche, nicht finanzierte Steuersenkungen ergänzend zu der bereits hohen Verschuldung vorgeschlagen habe, was den heftigen Widerstand der Anleihemärkte und des Britischen Pfunds hervorgerufen habe.

Die BoE stehe nun vor einem Dilemma, da die Inflation auf einem hohen Niveau verharre, während das Wachstum gedämpft bleibe. Im Gegensatz zu den anderen Anwärtern sei das Vereinigte Königreich die einzige Volkswirtschaft, in der die Kerninflation noch nicht deutlich unter den Leitzins gesunken sei. Die Lohninflation, ein wichtiger Indikator, habe sich nicht so schnell abgeschwächt, wie gehofft. Die jüngsten Daten zum 3-Monats-Trend der regulären durchschnittlichen Wochenverdienste, die einen Anstieg von 6,2% gegenüber dem Vorjahr zeigen würden, hätten die Wirtschaftsprognosen übertroffen. Im Vergleich zu den anderen "Rennteilnehmern" stufe Eisenegger für Großbritannien das höchste Stagflationsrisiko ein. Um den Weg für die erste Zinssenkung zu ebnen, müsse die Inflation weiter zurückgehen. Es sei also unwahrscheinlich, dass das Vereinigte Königreich das Zinssenkungsrennen gewinne. Dennoch könnte die BoE, auch wenn sie vielleicht nicht als erste Notenbank die Zinsen senke, zu einem späteren Zeitpunkt aggressivere Zinssenkungen vornehmen, um die wirtschaftliche Erholung zu unterstützen, insbesondere angesichts des begrenzten fiskalischen Spielraums.

3. Teilnehmer: die EZB

Die Europäische Zentralbank sei ein interessanter Fall. EZB-Präsidentin Lagarde bleibe bei ihrer Haltung, dass es verfrüht sei, über Zinssenkungen zu diskutieren. Marktbeobachter seien zunehmend anderer Meinung und würden für die nahe Zukunft eine Änderung der Haltung der EZB erwarten. Dieser Wandel werde in erster Linie durch die Entwicklung der Wirtschaftsdaten bestimmt. Die jüngsten Inflationsdaten seien leicht hinter den Prognosen zurückgeblieben und hätten einen zugrunde liegenden Disinflationstrend bestätigt. Wenn er sich fortsetze, würde er wahrscheinlich hinter der EZB-Prognose von 2,7% für den Verbraucherpreisindex Ende 2024 zurückbleiben.

Die EZB begrüße sicherlich den allgemeinen Rückgang des Inflationsdrucks in der Eurozone. Die zunehmenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten würden zwar eine potenzielle Bedrohung für die positiven Inflationsaussichten darstellen, würden aber derzeit ein Hintergrundrisiko bleiben. Die anhaltende Konjunkturschwäche auch in diesem Jahr sei jedoch ein dringenderes Problem. Deutschland, das wirtschaftliche Kraftzentrum der Eurozone, enttäusche weiterhin. Die deutsche Regierung habe gerade erst ihre Prognose für das reale BIP-Wachstum 2024 von 1,3% auf 0,2% nach unten korrigiert. In Anbetracht dieser Faktoren sehe Eisenegger die EZB als einen starken Konkurrenten im Rennen um die erste Zinssenkung, und er glaube, dass die falkenhafte Rhetorik der EZB bald angepasst werden müsse, um den wirtschaftlichen Realitäten besser gerecht zu werden.

4. Teilnehmer: die SNB

Eisenegger komme zum letzten Anwärter, der Schweizerischen Nationalbank. Fairerweise müsse man sagen, dass die SNB in diesem Rennen einen Vorsprung gehabt habe. Die Schweizer Kerninflation habe in diesem Zyklus nie über 2,2% gelegen, während die anderen Kandidaten mit Kernwerten von über 5% zu kämpfen gehabt hätten. Dies könne zum Teil auf den erstarkenden Schweizer Franken zurückgeführt werden, der in unsicheren Zeiten einmal mehr als sicherer Hafen gedient habe und den importierten Inflationsdruck gemildert habe. Darüber hinaus sei die Gesamtinflation in der Schweiz durch einen günstigen Energiemix weniger stark beeinflusst worden, da die lokale Wasserkraft eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung des Berglandes spiele.

Obwohl Ökonomen für Januar einen Anstieg der Kerninflation vorausgesagt hätten, sei die tatsächliche Kerninflationsrate im Jahresvergleich von 1,5% auf 1,2% gesunken und liege damit deutlich unter dem 2%-Ziel der SNB. Letztens habe SNB-Präsident Jordan eingeräumt, dass der Schweizer Franken Ende 2023 real aufzuwerten begonnen habe. Er habe auf die Auswirkungen dieser Aufwertung hingewiesen, die die Inflationsaussichten senke und einige Schweizer Unternehmen vor Herausforderungen stelle. Das direkteste Instrument, um die Stärke des Schweizer Franken zu bekämpfen, wären Zinssenkungen. Daher sehe Eisenegger die SNB als den Spitzenreiter unter seinen vier Kandidaten, der am ehesten eine erste Zinssenkung vornehmen werde, möglicherweise schon im März dieses Jahres.

Welche Zentralbank werde die erste Zinssenkung ankündigen? Die Bühne sei bereitet für ein spannendes Finale. Es bleibe zu hoffen, dass die Inflation den Ausgang des Rennens nicht störe. (22.02.2024/alc/a/a)