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Wie der Markt die EZB-Entscheidung sieht
09.12.16 12:51
FONDS professionell
Wien (www.anleihencheck.de) - Ein Adjektiv drängt sich unmittelbar auf, wenn man die Einschätzung von Marktteilnehmern und Beobachtern zur neuen Politik der Europäischen Zentralbank analysiert: "umstritten", so die Experten von "FONDS professionell".
Die EZB habe das Anleihenkaufprogramm um neun Monate bis Dezember 2017 verlängert. Gleichzeitig sei die monatlich zu investierende Summe aber von 80 auf 60 Milliarden Euro reduziert worden. Analysten und Investoren würden dieses rückläufige Engagement teils als "überraschend" werten, würden aber zwischen den Zeilen auf eine Art "Mogelpackung" hinweisen, werde hier doch nur auf das ursprüngliche Volumen zurückgefahren, das bis April 2016 erworben worden sei.
Bemerkenswert sei aber auch, dass "umstritten" nicht nur die Stimmung im Markt, sondern hinter den Kulissen auch innerhalb des Rates beschreiben dürfte. Insider würden davon berichten, dass Vertreter aus dem Süden der Eurozone das beschlossene Programm um drei Monate länger, also bis März 2018 hätten laufen lassen wollen. Das hätte den Empfehlungen von EZB-Chef-Volkswirt Peter Praet widersprochen, der in seinem Papier per 31.Dezember 2017 den Schlussstrich ziehe. Endgültig unterbunden haben dürfte eine Verlängerung dann das deutsche EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann. Er solle dem Vernehmen nach eindringlich vor einer längeren Laufzeit gewarnt haben.
Wie prominente Experten den EZB-Kurs bewerten würden:
Anthony Doyle, Investment Director im Fixed-Interest-Team bei M&G Investments: "Die heutige Ankündigung der Europäischen Zentralbank, ihr Anleihekaufprogramm zu verlängern, stimmt die Märkte für europäische Staatsanleihen pessimistisch. Die Renditen auf zehnjährige Staatstitel haben sich über die gesamte Eurozone ausgeweitet. Papiere aus Italien, Spanien und Deutschland waren dabei am stärksten betroffen. Die Entscheidung, die Anleihekäufe zu "tapern" - oder nach Mario Draghis Worten "zu reduzieren" - hat Märkte und Ökonomen überrascht. Viele hatten eine solche Verlautbarung nicht vor 2017 erwartet."
Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken: "Es ist zu begrüßen, dass die EZB bei ihrem monatlichen Kaufprogramm ein wenig vom Gaspedal gehen will. Wenig überzeugend ist jedoch die lange Frist, mit der die EZB das Kaufprogramm fortführen will."
Jan Holthusen, Leiter Zins- und Anleihenresearch der DZ Bank: "Die Reduktion der monatlichen Anleihekäufe sollte nicht als Ausstieg aus dem Programm der quantitativen Lockerung interpretiert werden. Sie ist vorerst lediglich eine Rücknahme der Erhöhung von 60 auf 80 Milliarden Euro per April 2016 und damit auch nicht der Beginn des vielzitierten "Tapering"."
Ulrike Kastens, stellvertretende Leiterin Volkswirtschaft bei Sal. Oppenheim: "Wieder einmal überrascht die EZB. Die monatliche Reduktion des Ankaufvolumens war so nicht erwartet. Doch insgesamt wird sie nochmals expansiver, denn das Programm wird bis Dezember 2017 laufen und ein zusätzliches Ankaufvolumen von 540 Milliarden Euro haben, also größer sein als gedacht. Dies sollte vor allem auch Peripherie-Staaten Sicherheit geben."
Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank: "Mit Blick auf die massiven wirtschafts- und finanzpolitischen Probleme der Eurozone kann sich die EZB den Stabilitätsluxus einer Deutschen Bundesbank schon lange nicht mehr leisten. Und angesichts von vier Nationalwahlen in Euro-Staaten 2017 wird sie jetzt auch noch die Aufgabe der politischen Flurbereinigung übernehmen. Denn Euro-kritische Wahlergebnisse, die den Zusammenhalt des Währungsraums gefährden, sollen mit einer weiterhin zinsgünstigen Refinanzierung von Wähler beruhigenden Konjunktur- und Sozialprogrammen vereitelt werden."
Daniel Hartmann, Senior Analyst Economics bei Bantleon: "Nach den neusten Plänen kann das Tapering frühestens Anfang 2018 beginnen. Mit einem Ende der Ankäufe ist daher nach wie vor bestenfalls im Herbst 2018 zu rechnen."
Wolfgang Kuhn, Head of Pan European Fixed Income bei Aberdeen Asset Management: "Die Falken im Rat der Europäischen Zentralbank scheinen auf dem Vormarsch. EZB-Präsident Draghi ließ sich auch in der Pressekonferenz ausreichend Raum, um seiner Weichwährungspolitik bis zum Ende seiner Präsidentschaft treu bleiben zu können."
Didier Saint-Georges, Managing Director und Mitglied des Investmentkomitees von Carmingnac: "Es ist wahrscheinlich, dass es jenen Kräften auf dem europäischen Kontinent Auftrieb gibt, die sich von der von Brüssel auferlegten orthodoxen Finanzpolitik befreien wollen." (09.12.2016/alc/a/a)
Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:
Mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.
Die EZB habe das Anleihenkaufprogramm um neun Monate bis Dezember 2017 verlängert. Gleichzeitig sei die monatlich zu investierende Summe aber von 80 auf 60 Milliarden Euro reduziert worden. Analysten und Investoren würden dieses rückläufige Engagement teils als "überraschend" werten, würden aber zwischen den Zeilen auf eine Art "Mogelpackung" hinweisen, werde hier doch nur auf das ursprüngliche Volumen zurückgefahren, das bis April 2016 erworben worden sei.
Bemerkenswert sei aber auch, dass "umstritten" nicht nur die Stimmung im Markt, sondern hinter den Kulissen auch innerhalb des Rates beschreiben dürfte. Insider würden davon berichten, dass Vertreter aus dem Süden der Eurozone das beschlossene Programm um drei Monate länger, also bis März 2018 hätten laufen lassen wollen. Das hätte den Empfehlungen von EZB-Chef-Volkswirt Peter Praet widersprochen, der in seinem Papier per 31.Dezember 2017 den Schlussstrich ziehe. Endgültig unterbunden haben dürfte eine Verlängerung dann das deutsche EZB-Ratsmitglied Jens Weidmann. Er solle dem Vernehmen nach eindringlich vor einer längeren Laufzeit gewarnt haben.
Wie prominente Experten den EZB-Kurs bewerten würden:
Anthony Doyle, Investment Director im Fixed-Interest-Team bei M&G Investments: "Die heutige Ankündigung der Europäischen Zentralbank, ihr Anleihekaufprogramm zu verlängern, stimmt die Märkte für europäische Staatsanleihen pessimistisch. Die Renditen auf zehnjährige Staatstitel haben sich über die gesamte Eurozone ausgeweitet. Papiere aus Italien, Spanien und Deutschland waren dabei am stärksten betroffen. Die Entscheidung, die Anleihekäufe zu "tapern" - oder nach Mario Draghis Worten "zu reduzieren" - hat Märkte und Ökonomen überrascht. Viele hatten eine solche Verlautbarung nicht vor 2017 erwartet."
Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken: "Es ist zu begrüßen, dass die EZB bei ihrem monatlichen Kaufprogramm ein wenig vom Gaspedal gehen will. Wenig überzeugend ist jedoch die lange Frist, mit der die EZB das Kaufprogramm fortführen will."
Ulrike Kastens, stellvertretende Leiterin Volkswirtschaft bei Sal. Oppenheim: "Wieder einmal überrascht die EZB. Die monatliche Reduktion des Ankaufvolumens war so nicht erwartet. Doch insgesamt wird sie nochmals expansiver, denn das Programm wird bis Dezember 2017 laufen und ein zusätzliches Ankaufvolumen von 540 Milliarden Euro haben, also größer sein als gedacht. Dies sollte vor allem auch Peripherie-Staaten Sicherheit geben."
Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank: "Mit Blick auf die massiven wirtschafts- und finanzpolitischen Probleme der Eurozone kann sich die EZB den Stabilitätsluxus einer Deutschen Bundesbank schon lange nicht mehr leisten. Und angesichts von vier Nationalwahlen in Euro-Staaten 2017 wird sie jetzt auch noch die Aufgabe der politischen Flurbereinigung übernehmen. Denn Euro-kritische Wahlergebnisse, die den Zusammenhalt des Währungsraums gefährden, sollen mit einer weiterhin zinsgünstigen Refinanzierung von Wähler beruhigenden Konjunktur- und Sozialprogrammen vereitelt werden."
Daniel Hartmann, Senior Analyst Economics bei Bantleon: "Nach den neusten Plänen kann das Tapering frühestens Anfang 2018 beginnen. Mit einem Ende der Ankäufe ist daher nach wie vor bestenfalls im Herbst 2018 zu rechnen."
Wolfgang Kuhn, Head of Pan European Fixed Income bei Aberdeen Asset Management: "Die Falken im Rat der Europäischen Zentralbank scheinen auf dem Vormarsch. EZB-Präsident Draghi ließ sich auch in der Pressekonferenz ausreichend Raum, um seiner Weichwährungspolitik bis zum Ende seiner Präsidentschaft treu bleiben zu können."
Didier Saint-Georges, Managing Director und Mitglied des Investmentkomitees von Carmingnac: "Es ist wahrscheinlich, dass es jenen Kräften auf dem europäischen Kontinent Auftrieb gibt, die sich von der von Brüssel auferlegten orthodoxen Finanzpolitik befreien wollen." (09.12.2016/alc/a/a)
Offenlegung von möglichen Interessenskonflikten:
Mögliche Interessenskonflikte können Sie auf der Site des Erstellers/ der Quelle der Analyse einsehen.


