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Whatever it takes 2.0


06.04.20 12:15
ETHENEA

Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die durch das Coronavirus ausgelöste Krise greift täglich weiter um sich, so Martin Dreier, Senior Portfolio Manager bei ETHENEA.

Der Kampf gegen die exponenzielle Verbreitung des Virus und die damit einhergehende mögliche Überforderung nationaler Gesundheitssysteme habe zu tief greifenden Veränderungen im öffentlichen Leben geführt.

In den meisten Ländern der Welt würden derzeit Ausgangsbeschränkungen und weiter gehende Maßnahmen gelten, die von Einschränkungen der Versammlungsfreiheit über die gänzliche Schließung aller nicht für das tägliche Leben notwendigen Geschäfte bis hin zur Einstellung des grenzüberschreitenden Personenverkehrs reichen würden. Darüber hinaus würden sich viele Menschen in die gewünschte Selbstisolation zurückziehen, um Schlimmeres zu verhindern.

Der Kampf gegen das Virus habe neben den Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch tief greifende Folgen für die Realwirtschaft. Es würden nicht nur Werksschließungen zu Produktionsausfällen führen, sondern es breche vor allem auch für weite Teile der Dienstleistungswirtschaft die Existenzgrundlage - der direkte Kontakt mit dem Kunden - komplett weg. Die Verunsicherung der Bürger, inwieweit die Krise auch ihre Arbeitsplatzsicherheit gefährde, trage ein Übriges dazu bei, noch vorhandene Konsummöglichkeiten einzuschränken.

Die in der letzten Märzwoche gemeldeten Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in den USA würden einen ersten Eindruck von den Folgen der Krise für den bis dato so soliden US-Arbeitsmarkt vermitteln. Beinahe 3,8 Mio. Anträge seien registriert worden. Im Vergleich zu den durchschnittlichen 311.000 Neuanträgen pro Woche über die letzten zehn Jahre sei dies ein sprunghafter Anstieg.

Die abrupt gestoppte Nachfrage habe Rückwirkungen auf alle Stufen der Wertschöpfungsketten. Gemäß einer am 27. März veröffentlichten Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages sähen sich 20% der befragten Unternehmen akut von Insolvenz bedroht. In Zeiten von selbstgewählter oder erzwungener Isolation komme kein Umsatz zustande, während laufende Kosten, wie Gehälter und Mieten, Liquidität aus den Unternehmen ziehen würden.

Solange keine Klarheit über die Dauer und das Ausmaß der Corona-Krise bestehe, würden Unternehmen versuchen, ihre Liquidität soweit wie möglich zu schützen. Sie würden zum einen keine weiteren Aufträge vergeben und sich zum anderen durch das Abziehen ihrer revolvierenden Kreditlinien kurz- bis mittelfristig Finanzierungsspielraum sichern. Der so entstehende Mittelabfluss stelle wiederum Kreditinstitute vor ernsthafte Refinanzierungsprobleme. Während große Unternehmen die Möglichkeit hätten, ihre Kreditlinien abzuziehen, könnten kleine Unternehmen Zinsen und Kupon schon nicht mehr zahlen. Zudem werde an den Märkten massiv versucht, Vermögensgegenstände zu verkaufen, um Liquidität zu schaffen. Der gleichzeitig einsetzende Verkauf ohne Käufer führe dann zu Preisen, die sogar noch unter fundamental gerechtfertigten Niveaus lägen. Panik breche aus, und die Krise beginne, sich aus sich selbst zu nähren.

Als Feuerlöscher hätten sich in den letzten Jahrzehnten Eingriffe der Zentralbanken bewährt. Als ultimativer Bereitsteller von Liquidität komme ihnen eine zentrale Rolle bei der Eindämmung systemischer Krisen zu. Wichtig ist, dass frühzeitige Signale der Unterstützung und beherztes Einschreiten zum richtigen Zeitpunkt erfolgen - das haben uns die vergangenen Krisen gelehrt, so die Experten von ETHENEA.

Die in den letzten Tagen des März eingeleiteten Notprogramme der EZB und der Federal Reserve Bank hätten das Potenzial, den unmittelbaren Stress aus dem System zu nehmen. Die Buchstabensuppe der Federal Reserve beispielsweise ziele auf verschiedenste Bereiche des Finanzsystems ab, um die unterschiedlichen Nachfragen nach Liquidität zu befriedigen. Am 23. März habe die FED folgende Programme zur Stützung der Bankenliquidität und der Kreditvergabe an private Haushalte und Unternehmen verkündet:

- Unlimitierte Mengen von US-Staatsanleihen und Mortgage Backed Securities der halbstaatlichen Agencies würden am Markt gekauft und so zur Bereitstellung von Liquidität am Markt für Staatsanleihen führen.

- Die "Money Market Mutual Funding Liquidity Facility (MMMFLF)" ermögliche Banken, Assets von Geldmarktfonds anzukaufen, die die Rückgaben von Anteilscheinen bedienen müssten.

- Die "Commercial Paper Funding Facility (CPFF)" ermögliche es US-Unternehmen, kurzfristige Schuldtitel zu refinanzieren, und stelle dem Unternehmenssektor unmittelbar Liquidität zur Verfügung.

- Die "Primary Dealer Credit Facility (PDCF)" erlaube es Banken, die mit der FED direkt handeln könnten, Unternehmenskredite, Commercial Paper, Kommunalanleihen und sogar Aktien als Sicherheiten für Kredite zu hinterlegen. Damit solle die Kreditvergabe an Haushalte sowie an den Unternehmenssektor wieder funktionsfähig gemacht werden.

- Die "Primary Market Corporate Credit Faciltity (PMCCF)" sei für den Ankauf von neu zu emittierenden US-Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating und bis zu 4 Jahren Restlaufzeit gedacht. Damit wolle die Federal Reserve die Refinanzierung großer Unternehmen sicherstellen.

- Die "Secondary Market Corporate Credit Facility (SMCCF)" ermögliche Banken, existierende Anleihen zu verkaufen. Damit stehe Brokern eine Möglichkeit offen, sich von am Markt unverkäuflichen Kreditrisiken zu entledigen. Dies entlaste die Bankbücher und werde dazu führen, dass Broker wiederum beginnen würden Kreditrisiken zu handeln. Im Falle der Unverkäuflichkeit gebe es einen Notausgang.

- Schließlich habe die Federal Reserve die aus der Finanzkrise bekannte "Term Asset Backed Security Loan Facility (TALF)" wieder aufleben lassen, mit der Konsumentenkredite ermöglicht werden sollten. Verbriefte Autokredite, Studentendarlehen, Kreditkartenforderungen und Ähnliches könnten von Banken als Sicherheiten für neue Kredite hinterlegt werden.

Diese Programme hätten ein Volumen von bis zu vier Billionen (englisch: Trillion) USD zusätzlich zu den unbegrenzten Ankaufprogrammen von US-Staatsanleihen und US-Agency Debt.

In der Eurozone habe sich die EZB schon am 18. März entschieden, ein neues, zeitlich befristetes Anleihenprogramm aufzulegen. Das "Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP)" ermögliche der EZB, bis zu 750 Mrd. EUR an Staatsanleihen, Asset Backed Securities, Pfandbriefe sowie Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating zu kaufen. Gleichzeitig habe die EZB angekündigt, innerhalb des PEPP vom Zentralbank-Kapitalschlüssel abweichen zu können, und sich damit die Möglichkeit eröffnet, vermehrt Anleihen von bereits jetzt hoch verschuldeten Peripherieländern wie Italien zu kaufen. Zudem gewähre sie für griechische Staatsanleihen eine Ausnahme, da das High-Yield-Rating Griechenlands nicht den Standards für Ankäufe entspreche. Auch hier folge das Ankaufprogramm der EZB der Intention, Liquidität für die Märkte bereitzustellen, Refinanzierungskosten zu senken und systemisch werdende Krisen der Finanzmärkte zu unterbinden.

Die derzeit verkündeten geldpolitischen Programme der Zentralbanken in den USA und Europa würden in ihrer Größenordnung alle historischen Rettungspakete übertreffen, die in der globalen Finanzkrise 2008 oder in der Eurokrise 2011/12 zur Anwendung gekommen seien.

Gleichwohl würden Liquiditätsprogramme nicht ausreichen, um die realwirtschaftlichen Probleme zu lösen. Hierzu bedürfe es koordinierter fiskalpolitischer Programme, die gezielt den vom hoffentlich nur temporären "Shutdown" betroffenen Arbeitnehmern und Arbeitgebern helfen würden. Dies scheint uns in den USA deutlich leichter umsetzbar als in der fragmentierten, von nationalstaatlichen Eigeninteressen geprägten Europäischen Union, so die Experten von ETHENEA.

Kein Programm, sei es fiskal- oder geldpolitischer Natur, könne einen dauerhaften Stillstand des öffentlichen und damit des wirtschaftlichen Lebens finanzieren. Daher sei es zunächst unbedingt notwendig, die Ausbreitung des Coronavirus in kontrollierte Bahnen zu bringen, um vor allem menschliche Opfer zu begrenzen, aber auch um Arbeitnehmern und Arbeitgebern wieder Planungssicherheit zu geben. Die Maßnahmen der Notenbanken und die Soforthilfepakete in Europa und den USA seien erste wichtige Schritte, um die Folgen der Corona-Krise abzufedern und gleichzeitig ein positives Signal für die Wirtschaft und die Kapitalmärkte. Sie würden aber sicherlich nicht die letzten sein. (Ausgabe 4 vom April 2020) (06.04.2020/alc/a/a)