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Werden Anleihen wieder etwas für Jedermann?
19.04.22 10:30
ETHENEA
Munsbach (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat das Ende ihrer Anleihekäufe eingeläutet, so die Experten von ETHENEA.
Da aber das Angebot an Anleihen nicht abnehmen werde, brauche es zukünftig neue Käufer. In den letzten Jahren hätten sich Anleihen allerdings immer mehr zum Spezialthema für ausgewählte professionelle Anleger und die EZB entwickelt. Ob Anleihen künftig dennoch auch für Privatanleger attraktiv sein könnten, analysiere Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager bei ETHENEA.
Institutionelle Anleger würden bereits seit einigen Jahren den Anleihenmarkt dominieren. "Mit negativrentierlichen Anleihen kann schließlich kein Privatanleger etwas anfangen", sage Volker Schmidt. "Auch die gängige Mindeststückelung von 100.000 Euro macht Anleihen für Privatanleger wenig interessant. Dagegen haben professionelle Investoren aus verschiedenen Gründen weiterhin Euro-denominierte Anleihen gekauft. Einige von ihnen haben keine andere Wahl, da ihre Statuten dies vorschreiben, so z.B. Versicherungen, Pensionskassen und reine Anleihenfonds oder Multi-Asset-Fonds mit einem Anleihenschwerpunkt. Andere Investoren nutzen Anleihen zur Diversifikation, aus Absicherungsgründen oder als Performancequelle."
Tatsächlich habe es allein in den letzten fünf Jahren zwei Phasen gegeben, in denen mit Euroanleihen hohe Kursgewinne hätten erzielt werden können, nämlich 2019 und nach dem Höhepunkt der Coronakrise im März 2020. Im Jahr 2019 hätten Anleihen auch ohne eine besonders starke zusätzliche Nachfrage durch die EZB Gewinne verzeichnet, während im Jahr 2020 Käufe unter dem PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) maßgeblich hierfür verantwortlich gewesen seien. 2021 aber hätten breit angelegte Anleihenportfolios ein Minus von knapp 3% verzeichnet, in den ersten Monaten des Jahres 2022 bereits mehr als 4%.
Schmidt schätze vor diesem Hintergrund die Renditechancen für Privatanleger eher gering ein. "Nachdem die EZB ein niedrigeres Tempo bei Anleihenkäufen signalisierte und auch Zinserhöhungen in diesem Jahr nicht mehr kategorisch ausschließt, stiegen die Renditen 10-jähriger deutscher Staatsanleihen deutlich an. Derzeit weisen diese rund 0,5% Rendite auf, beziehungsweise einen Kupon von 0% und einen Kaufpreis von circa 95%. Dies ist jedoch im historischen Vergleich sehr niedrig und nach Abzug von Kaufkosten und jährlichen Bestandsprovisionen durch die depotführende Bank wird daher für Privatanleger kaum etwas übrigbleiben."
Typischerweise habe ein geringeres Risiko für Käufer von Staatsanleihen höhere Priorität als die zu erzielende Rendite, sodass mögliche temporäre Kursverluste eher weniger beunruhigen würden. Allerdings würden die hohen Inflationsraten dafür sorgen, dass Staatsanleihenrenditen nahe 0% für Privatanleger zumeist uninteressant bleiben würden.
Unternehmensanleihen hingegen würden zwar üblicherweise deutlich höhere Renditen bieten, hätten für Privatanleger aber den entscheidenden Nachteil, dass viele Anleihen über eine Mindeststückelung von 100.000 Euro verfügen würden. Im Durchschnitt hätten Anleihen mit einem Qualitätsrating (Investment-Grade) und einer Laufzeit von ungefähr fünf Jahren immerhin wieder 1,5% Rendite gezahlt. Auch dies sei jedoch im historischen Vergleich weiterhin niedrig. Für höhere Renditen müssten laut Schmidt Qualitätsverluste hingenommen werden. "Wenn man bereit ist, bei der Qualität des Unternehmens kleine Abstriche zu machen, so zum Beispiel bei höheren Kapitalausgaben oder geringeren Margen, dann sind durchaus Renditen von 3% möglich."
Insgesamt würden sich für Privatanleger die Renditen für ein Investment in Euro-denominierte Anleihen weiterhin unattraktiv gestalten. Eine mögliche Chance liege im Tapering der EZB. Sollten die Anleihenkäufe bis zum Sommer gänzlich eingestellt sein, dürften sich die Emittenten wieder eher um andere Abnehmer bemühen. Eine Möglichkeit, Investoren zu gewinnen, sei beispielsweise die Verringerung der Stückelung.
Eine weitere Option wäre die Wiedereinführung der kostenlosen Verwaltung von deutschen Staatsanleihen, wie es die Bundesfinanzagentur bis 2013 angeboten habe. "Möglicherweise feiert in gar nicht so ferner Zukunft die freundliche Schildkröte Günther Schild ein Comeback und wirbt wieder für deutsche Staatsanleihen", sage Volker Schmidt. Das Potenzial hierfür sehe er bereits. "Nach Schätzungen der DZ BANK verfügten deutsche Privathaushalte Ende 2021 über ein Geldvermögen von 7,7 Milliarden Euro. Um dieses Geld werden die Anleihenemittenten buhlen und versuchen, es den noch mit Strafzinsen belegten Bankkonten abzuwerben. Möglicherweise werde dies den Druck auf die Banken erhöhen, die wahrscheinlich noch in diesem Jahr steigenden Zentralbankzinsen an ihre Kunden weiterzugeben."
Die russische Invasion der Ukraine habe nur kurzfristig für eine Flucht in sichere Häfen und Staatsanleihen gesorgt. Die Inflation, die durch den Krieg noch zusätzlich angeheizt worden sei, habe die Bereitschaft der EZB zu Zinsanhebungen und einem beschleunigten Ausstieg aus den Anleihenkaufprogrammen deutlich erhöht. "Da Renditeanstiege im Niedrigzinsumfeld gleichbedeutend mit Kursverlusten auf Anleihen sind, haben sich die Investoren schnell wieder von ihren Anleihen getrennt und sind zu Aktien zurückgekehrt, der aus Perspektive vieler Privatinvestoren nach wie vor am besten bewerteten Anlageklasse", wisse Schmidt, der auch glaube, dass zukünftige Zinsanhebungen und die derzeitigen Anleihenrenditen die Kleinanleger von Anleiheninvestments abhalten würden. "Hier gilt es, die Sorge vor weiteren Kursverlusten, die durchaus berechtigt sind, ins Verhältnis zu setzen. Von einem Ausgleich der Inflation durch Anleihenrenditen sind wir noch weit entfernt, die reale Rendite wird weiterhin negativ bleiben."
Auch Kredite würden die geldpolitische Normalisierung widerspiegeln. Hypothekenkredite mit einer Zinsbindung von zehn Jahren gebe es im Schnitt nur noch mit einem Zins von 2%. Die durch die BaFin erhöhten Eigenkapitalanforderungen an die Banken, die sogenannten antizyklischen Kapitalpuffer, und die im Jahr 2023 folgenden speziellen Eigenkapitalanforderungen für die Vergabe von Hypothekenkrediten würden die niedrigen Renditen zusätzlich festigen. (19.04.2022/alc/a/a)
Da aber das Angebot an Anleihen nicht abnehmen werde, brauche es zukünftig neue Käufer. In den letzten Jahren hätten sich Anleihen allerdings immer mehr zum Spezialthema für ausgewählte professionelle Anleger und die EZB entwickelt. Ob Anleihen künftig dennoch auch für Privatanleger attraktiv sein könnten, analysiere Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager bei ETHENEA.
Institutionelle Anleger würden bereits seit einigen Jahren den Anleihenmarkt dominieren. "Mit negativrentierlichen Anleihen kann schließlich kein Privatanleger etwas anfangen", sage Volker Schmidt. "Auch die gängige Mindeststückelung von 100.000 Euro macht Anleihen für Privatanleger wenig interessant. Dagegen haben professionelle Investoren aus verschiedenen Gründen weiterhin Euro-denominierte Anleihen gekauft. Einige von ihnen haben keine andere Wahl, da ihre Statuten dies vorschreiben, so z.B. Versicherungen, Pensionskassen und reine Anleihenfonds oder Multi-Asset-Fonds mit einem Anleihenschwerpunkt. Andere Investoren nutzen Anleihen zur Diversifikation, aus Absicherungsgründen oder als Performancequelle."
Tatsächlich habe es allein in den letzten fünf Jahren zwei Phasen gegeben, in denen mit Euroanleihen hohe Kursgewinne hätten erzielt werden können, nämlich 2019 und nach dem Höhepunkt der Coronakrise im März 2020. Im Jahr 2019 hätten Anleihen auch ohne eine besonders starke zusätzliche Nachfrage durch die EZB Gewinne verzeichnet, während im Jahr 2020 Käufe unter dem PEPP (Pandemic Emergency Purchase Programme) maßgeblich hierfür verantwortlich gewesen seien. 2021 aber hätten breit angelegte Anleihenportfolios ein Minus von knapp 3% verzeichnet, in den ersten Monaten des Jahres 2022 bereits mehr als 4%.
Schmidt schätze vor diesem Hintergrund die Renditechancen für Privatanleger eher gering ein. "Nachdem die EZB ein niedrigeres Tempo bei Anleihenkäufen signalisierte und auch Zinserhöhungen in diesem Jahr nicht mehr kategorisch ausschließt, stiegen die Renditen 10-jähriger deutscher Staatsanleihen deutlich an. Derzeit weisen diese rund 0,5% Rendite auf, beziehungsweise einen Kupon von 0% und einen Kaufpreis von circa 95%. Dies ist jedoch im historischen Vergleich sehr niedrig und nach Abzug von Kaufkosten und jährlichen Bestandsprovisionen durch die depotführende Bank wird daher für Privatanleger kaum etwas übrigbleiben."
Unternehmensanleihen hingegen würden zwar üblicherweise deutlich höhere Renditen bieten, hätten für Privatanleger aber den entscheidenden Nachteil, dass viele Anleihen über eine Mindeststückelung von 100.000 Euro verfügen würden. Im Durchschnitt hätten Anleihen mit einem Qualitätsrating (Investment-Grade) und einer Laufzeit von ungefähr fünf Jahren immerhin wieder 1,5% Rendite gezahlt. Auch dies sei jedoch im historischen Vergleich weiterhin niedrig. Für höhere Renditen müssten laut Schmidt Qualitätsverluste hingenommen werden. "Wenn man bereit ist, bei der Qualität des Unternehmens kleine Abstriche zu machen, so zum Beispiel bei höheren Kapitalausgaben oder geringeren Margen, dann sind durchaus Renditen von 3% möglich."
Insgesamt würden sich für Privatanleger die Renditen für ein Investment in Euro-denominierte Anleihen weiterhin unattraktiv gestalten. Eine mögliche Chance liege im Tapering der EZB. Sollten die Anleihenkäufe bis zum Sommer gänzlich eingestellt sein, dürften sich die Emittenten wieder eher um andere Abnehmer bemühen. Eine Möglichkeit, Investoren zu gewinnen, sei beispielsweise die Verringerung der Stückelung.
Eine weitere Option wäre die Wiedereinführung der kostenlosen Verwaltung von deutschen Staatsanleihen, wie es die Bundesfinanzagentur bis 2013 angeboten habe. "Möglicherweise feiert in gar nicht so ferner Zukunft die freundliche Schildkröte Günther Schild ein Comeback und wirbt wieder für deutsche Staatsanleihen", sage Volker Schmidt. Das Potenzial hierfür sehe er bereits. "Nach Schätzungen der DZ BANK verfügten deutsche Privathaushalte Ende 2021 über ein Geldvermögen von 7,7 Milliarden Euro. Um dieses Geld werden die Anleihenemittenten buhlen und versuchen, es den noch mit Strafzinsen belegten Bankkonten abzuwerben. Möglicherweise werde dies den Druck auf die Banken erhöhen, die wahrscheinlich noch in diesem Jahr steigenden Zentralbankzinsen an ihre Kunden weiterzugeben."
Die russische Invasion der Ukraine habe nur kurzfristig für eine Flucht in sichere Häfen und Staatsanleihen gesorgt. Die Inflation, die durch den Krieg noch zusätzlich angeheizt worden sei, habe die Bereitschaft der EZB zu Zinsanhebungen und einem beschleunigten Ausstieg aus den Anleihenkaufprogrammen deutlich erhöht. "Da Renditeanstiege im Niedrigzinsumfeld gleichbedeutend mit Kursverlusten auf Anleihen sind, haben sich die Investoren schnell wieder von ihren Anleihen getrennt und sind zu Aktien zurückgekehrt, der aus Perspektive vieler Privatinvestoren nach wie vor am besten bewerteten Anlageklasse", wisse Schmidt, der auch glaube, dass zukünftige Zinsanhebungen und die derzeitigen Anleihenrenditen die Kleinanleger von Anleiheninvestments abhalten würden. "Hier gilt es, die Sorge vor weiteren Kursverlusten, die durchaus berechtigt sind, ins Verhältnis zu setzen. Von einem Ausgleich der Inflation durch Anleihenrenditen sind wir noch weit entfernt, die reale Rendite wird weiterhin negativ bleiben."
Auch Kredite würden die geldpolitische Normalisierung widerspiegeln. Hypothekenkredite mit einer Zinsbindung von zehn Jahren gebe es im Schnitt nur noch mit einem Zins von 2%. Die durch die BaFin erhöhten Eigenkapitalanforderungen an die Banken, die sogenannten antizyklischen Kapitalpuffer, und die im Jahr 2023 folgenden speziellen Eigenkapitalanforderungen für die Vergabe von Hypothekenkrediten würden die niedrigen Renditen zusätzlich festigen. (19.04.2022/alc/a/a)


