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Waren die Erwartungen an den Rentenmärkten überzogen?


09.01.24 12:17
ALTE LEIPZIGER Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Ende 2023 hatten sich die Rentenmärkte auf das Szenario einer Fortsetzung des disinflationären Trends, also rückläufiger Inflationszahlen, und in der Folge zügiger Leitzinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) eingestellt, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.

Die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen hätten seit Mitte Oktober 2023 aufgrund dieser ausgeprägten Zinssenkungserwartungen einen signifikanten Rückgang erfahren. Die Anteilpreise der AL Trust-Rentenfonds hätten diese Entwicklung entsprechend abgebildet und seien deutlich angestiegen.

Das Tief habe die 10-jährige Bundrendite bei 1,95% erreicht. Die Jahresendstände hätten dann nur geringfügig oberhalb des erreichten, stark ermäßigten Renditeniveaus gelegen. Anfang 2024 seien die Karten nun neu gemischt. Die Frage laute, wie schnell die Währungshüter den Erwartungen der Marktakteure folgen und die Leitzinsen senken würden, oder ob die Marktakteure sich einmal mehr neu orientieren müssten.

Sofern die EZB eine baldige Lockerung der Geldpolitik signalisiere, sollte sich der Trend zu fallenden Renditen an den Rentenmärkten fortsetzen, weshalb Kursgewinne bei Festverzinslichen die Folge wären. Derzeit würden die Geldmärkte auf Leitzinssenkungen von insgesamt 160 Basispunkten bis zum Jahresende 2024 setzen, was mehr als sechs Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkten entspreche. Ein erster Schritt werde mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% bereits Für Anfang März erwartet. Selbst für die Januarsitzung der EZB werde eine Lockerung der geldpolitischen Zügel nicht gänzlich ausgeschlossen.

Sollte die EZB jedoch dem Druck der Finanzmärkte widerstehen und weiterhin die Risiken für die europäische Inflationsentwicklung betonen, dürfte an den Rentenmärkten Ernüchterung einkehren. In diesem Fall bestehe Korrekturpotenzial, und die Renditen könnten erneut steigen. Die derzeitige Unsicherheit über den weiteren geldpolitischen Kurs spiegele sich in den sehr heterogenen Prognosen der von Bloomberg befragten Marktteilnehmer wider, deren Erwartungen für das vierte Quartal 2024 eine Spannbreite von 2,50% bis 1,90% aufweisen würden.

Die Geldpolitik im Jahr 2024 werde maßgeblich von der Entwicklung der Inflationsraten beeinflusst sein, die mit erheblicher Unsicherheit behaftet sei. Im Euroraum sei die Inflationsrate 2023 spürbar gesunken und habe sich der Zielmarke der EZB angenähert. Insbesondere in den letzten Monaten habe sich zunächst der Abwärtstrend sowohl der Inflationsrate als auch der Kernrate beschleunigt. Der Disinflationstrend werde sich jedoch nicht in dem zuletzt gesehenen Ausmaß fortschreiben lassen, da verschiedene Basiseffekte ihre Wirkung verlieren würden. Die staatlichen Entlastungsmaßnahmen, die vor einem Jahr aufgrund der hohen Energiepreise ergriffen worden seien, würden nun auslaufen und preistreibend wirken. Hinzu würden kräftige Lohnzuwächse in vielen Branchen kommen, die die Kerninflation mittelfristig auf einem zu hohen Niveau halten könnten.

Die Inflation in Deutschland sei dann im Dezember wie erwartet wieder angestiegen, von 3,2% auf 3,7%. Dies sei auf einen deutlichen Anstieg der Vorjahresrate bei den Energiepreisen zurückzuführen, der jedoch auf einen Basiseffekt zurückgehe. Im Dezember 2022 habe der Staat einmalig die Abschlagszahlungen der Haushalte für Gas und Fernwärme übernommen, was nun im Dezember 2023 die Vorjahresrate deutlich erhöht habe. Im Gegensatz dazu habe sich der Preisanstieg bei Nahrungsmitteln merklich abgeschwächt. Auch die Kerninflation sei von 3,8% auf 3,5% gefallen. Die Märkte würden daher mit Argwohn auf die Januar-Inflation blicken, die ein wichtiger Gradmesser für die Inflation im Jahr 2024 sein werde.

Obwohl die Inflation im Januar aufgrund des Wegfalls des oben genannten Basiseffekts deutlich fallen müsste, dürften die Beschlüsse der Bundesregierung zum Haushalt 2024 die Verbraucherpreise insgesamt um rund 1,25 % erhöhen. Dies liege vor allem an der Anhebung der Mehrwertsteuer für Gaststätten, Gas und Fernwärme, der höheren CO2-Abgabe, an dem Wegfall des Zuschusses zu den Netzentgelten bei Strom und dem früheren Ende der Preisbremse bei Gas und Strom. Per saldo dürfte die Inflationsrate im Januar sogar höher ausfallen als im Dezember.

Kurzfristig sollte sich für die Renditen Aufwärtspotenzial ergeben, da die EZB den Einlagesatz vorerst bei 4,00% belassen dürfte, weshalb sich die Hoffnung auf eine rasche Lockerung der Geldpolitik vorerst zerschlagen könnte. Die Rentenmärkte könnten zu Jahresbeginn deshalb mit Gegenwind zu kämpfen haben, da die aggressiven Zinssenkungserwartungen in den letzten Tagen leicht revidiert worden seien und die Renditen leicht gestiegen seien.

Die Experten würden eine Korrektur des deutlichen Renditerückgangs vom Jahresende in den kommenden Wochen erwarten. Sofern die Inflationsraten ab dem Frühjahr erneut nachgeben sollten, sei Raum für EZB-Leitzinssenkungen gegeben. Solche Schritte würden jedoch nicht vor dem dritten Quartal 2024 erwartet. Schon im Frühjahr könnten die Renditen mit wieder aufkommender Leitzinssenkungsfantasie sinken und bis zum Jahresende auf einem moderaten Abwärtstrend bleiben. Einen starken Rückgang würden die Experten jedoch nicht erwarten.

Investoren würden sich immer auf dem schmalen Grat des Risikos bewegen. Sogenannte "Schwarze Schwäne", also plötzlich auftretende katastrophal wirkende Ereignisse antizipieren zu wollen, sei nahezu unmöglich. Deshalb sei es sinnvoller, die realistischen Marktrisiken zu antizipieren und sich auf sie vorzubereiten:

Nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober würden viele Beobachter eine Eskalation des Konflikts befürchten, in den auch andere Länder des Nahen Ostens verwickelt würden. Das könnte Auswirkungen auf die Energiemärkte haben und zu Ölpreisschocks führen, was wiederum das Rezessionsrisiko für eine anfällige Wirtschaft erhöhe. Die Entwicklung hänge davon ab, welche Rolle das Finanzzentrum Tel Aviv in einem eventuellen Boden- oder Luftkonflikt spiele. Die Situation sei noch im Entstehen begriffen.

Der anhaltende russische Angriffskrieg auf die Ukraine könnte sich nach wie vor auf die Energie- und Lebensmittelmärkte auswirken, was wiederum das Rezessionsrisiko für die europäische Union erhöhe. Die Wirtschaftstätigkeit der Eurozone habe im Jahr 2023 weitgehend stagniert. Im September habe die Europäische Zentralbank (EZB) die Wachstumsprognosen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP), insbesondere für dieses und das nächste Jahr, nach unten korrigiert. Sie rechne für die Eurozone jetzt mit einem Wirtschaftswachstum von 0,7% im Jahr 2023,1,0% im Jahr 2024 und 1,5% im Jahr 2025.

Die Inflation sei sowohl in Europa als auch in den USA deutlich von ihren Höchstständen im Jahr 2022 zurückgegangen, aber es bestünden weiterhin Aufwärtsrisiken. Die Energiepreise könnten stark schwanken, sodass sie in den nächsten Monaten leicht wieder ansteigen könnten. Wenn die Inflation erneut steige, könnten die Zentralbanken entgegen den bisherigen Erwartungen gezwungen sein, die Zinssätze zu erhöhen, obwohl der Markt eine Senkung im nächsten Jahr erwarte. Das könnte sich auch auf die Unternehmensgewinne auswirken und das Rezessionsrisiko erhöhen.

Angesichts der steigenden Verschuldung würden Anleger höhere Laufzeitprämien oder eine Entschädigung für das Risiko verlangen, das mit dem Halten von Anleihen in den entwickelten Märkten verbunden sei. Mit anderen Worten, sie würden höhere Laufzeitrenditen verlangen. Hinzu komme, dass die Zentralbanken die Erlöse aus fällig werdenden Anleihen nicht mehr reinvestieren würden und Anleger Mühe hätten, eine Flut neuer Anleihen zu verdauen. In diesem Szenario dürften die langfristigen Renditen tendenziell steigen, während die Kurse fallen würden.

Im Jahr 2024 würden wichtige Wahlen stattfinden: in Großbritannien und in den USA. Für Investoren würden sich die beiden wichtigsten Fragen um die fiskalische Verantwortung und die Auswirkungen möglicher politischer Veränderungen drehen. Die Richtung, aus der der Wind bei diesen Themen wehe, könnte den Kurs der Märkte bestimmen. Die Wahlen im Vereinigten Königreich müssten spätestens im Januar 2025 stattfinden und seien für Oktober angesetzt worden. Die US-Präsidentschaftswahlen würden am 5. November 2024 stattfinden. Auch das Europäische Parlament werde zwischen dem 6. und 9. Juni gewählt.

Frühere Erfahrungen mit dieser Art von "Ereignisrisiko" würden zeigen, dass große Veränderungen zu Ausverkäufen bei so genannten Risikoanlagen - Aktien und Unternehmensanleihen - führen könnten. In der Zwischenzeit würden Staatsanleihen eher als Wertaufbewahrungsmittel fungieren, da die langfristige finanzielle Stabilität der Regierungen selbst nicht unbedingt auf dem Spiel stehe. Es gebe jedoch einige bemerkenswerte Ausnahmen von dieser Regel, die Anleger stets im Auge behalten sollten.

Viele Beobachter hätten vorausgesagt, dass Chinas Wiederöffnung nach Covid 19 das Wachstum 2023 ankurbeln würde, aber das habe sich nicht bewahrheitet. Einer der Hauptgründe dafür sei die Immobilienkrise, denn je nach Definition mache der Immobiliensektor zwischen 15% und 30% des BIP des Landes aus. Die wirtschaftliche Schwäche könnte auch 2024 noch eine Herausforderung darstellen. Wenn Chinas Wirtschaft stagniere oder zusammenbreche, steige das Rezessionsrisiko auch für seine Handelspartner.

Die Experten würden erwarten, dass die genannten Risiken zu Volatilität führen, aber nicht notwendigerweise die zukünftigen Renditeerwartungen ändern würden. In vielen Fällen könnten aus diesem Grund die Preisverwerfungen, die aus diesen Ereignissen resultieren würden, eine breit angelegte Kaufgelegenheit sein.

Zur Absicherung geopolitischer Risiken könnten hochwertige Staatsanleihen herangezogen werden. Sie würden einen relativen Sicherheitsvorteil darstellen. Denn geopolitische Ereignisse würden nicht grundsätzlich zu Crashs an den Aktienmärkten führen, aber wenn sie es doch tun würden, hätten Staatsanleihen in der Vergangenheit oft einen sinnvollen Ausgleich geboten. (Ausgabe Januar 2024) (09.01.2024/alc/a/a)