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Und wieder blicken Anlegerinnen und Anleger auf ein erfreulich positives Anlagejahr


02.12.19 11:30
Alte Leipziger Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Wer hätte das zu Jahresbeginn gedacht? 2019 scheint offenbar eines der besten Anlagejahre seit Langem zu werden, so die Experten der Alte Leipziger Trust.

Das sei so zunächst sicher nicht zu erwarten gewesen, insbesondere aufgrund der berechtigten Skepsis wegen des Tauziehens um den Brexit, des Handelsstreits und der US-Unternehmensgewinne. Letztere seien sogar deutlich positiver ausgefallen als prognostiziert.

In den letzten Novembertagen lohne also ein Blick auf die Kurstafeln, um schon einmal eine erste, vorgezogene Bilanz zu ziehen (alle Angaben per 28. November). Der DAX stehe im Vergleich zum Beginn dieses Jahres mit 25% im Plus, der EURO STOXX 50 habe sich um 24% verbessert und der amerikanische Dow Jones könne knapp 21% Kursgewinne verbuchen. Noch besser stehe die technologielastige NASDAQ da. Die im NASDAQ 100-lndex enthaltenen Aktien hätten durchschnittlich 31% gegenüber dem Jahresbeginn an Wert gewonnen. Die US-Indices würden damit so hoch wie noch nie in ihrer langen Geschichte notieren, auch die europäischen Indizes würden an den Allzeithochs knabbern.

Nachdem die Rendite 10-jähriger Bunds zuletzt zeitweise auf -0,25% geklettert sei, habe es einen Rückschlag gegeben. Auch die Rendite-10-jähriger US-Treasuries bewege sich zwar in einem Aufwärtstrend, zuletzt sei es aber wieder spürbar abwärts gegangen.

Spätestens mit der Invertierung der Zinskurve (2- und 10-jähriger US-Staatsanleihen) im August hätten sich die Rezessionsängste bei den Anlegern rund um den Globus zunächst manifestiert, bevor sie sich im Spätherbst wieder gelegt hätten. Die Anleger glaubten, den Höhepunkt politischer Unsicherheit hinter sich gelassen zu haben, nachdem das Risiko eines ungeordneten Brexits sowie eine weitere Eskalation des amerikanisch-chinesischen Handelsstreits vom Tisch schienen, so die Experten der Alte Leipziger Trust.

Entscheidend für den aktuellen Schlussakkord dürfte jedoch die überraschend lockere US-amerikanische Zentralbank Federal Reserve (FED) gewesen sein, die nicht nur von weiteren Zinserhöhungen abgesehen, sondern die Zinsen wieder zurückgenommen habe. Zudem habe die FED im März angekündigt, ihre Bilanz ab September nicht weiter schrumpfen zu lassen. Und im Zuge der Unruhen am so genannten Repo-Markt habe sie dem Markt sogar frische Milliardenbeträge zugeführt. Flankiert worden sei dies von anderen ebenfalls expansiver agierenden Zentralbanken.

Die Experten würden davon ausgehen, dass die im Jahr 2019 marktbeeinflussenden Themen tendenziell auch im kommenden Jahr auf der Tagesordnung stünden. Die Experten würden erwarten, dass das Gros der Anleger mit Blick auf die expansiv agierenden Zentralbanken deshalb zunächst nach der Devise "the trend is your friend" im Markt agieren sollten. Der Aufwärtstrend an den Kapitalmärkten könnte leicht moderater verlaufen. Das globale Wirtschaftswachstum werde 2020 auf gleicher Höhe wie 2019 prognostiziert.

Inwieweit es für die Zentralbanken noch weiteres positives Überraschungspotenzial aus der Instrumentenkiste und damit eine Dynamisierung der Kurse an den Aktienmärkten geben könnte, bleibe abzuwarten. Fiskalpolitische Impulse könnten positiv überraschen. Auch würden zurückgehaltene Unternehmensinvestitionen bei überschaubaren geopolitischen Herausforderungen darauf warten, angelegt zu werden. Prozentual zweistellige Kursanstiege bei bestätigtem Gewinnwachstum der Unternehmen seien angesichts der noch fairen Kurs-Gewinn-Verhältnisse möglich.

Deshalb würden sich aus klassisch fundamentaler Betrachtungsweise heraus - gemessen an den aktuellen fairen Kursniveaus - höhere Bewertungen nur bei einer entsprechenden Verbesserung der Gewinnperspektiven ableiten lassen. Dies bedinge jedoch wiederum, dass der globale Konjunkturzyklus, gemessen an den Frühindikatoren, die Talsohle schon hinter sich gelassen habe. Davon würden die Experten in Europa ausgehen, nicht jedoch in den USA.

ln der Summe würden die Experten ein weiter deutlich unter Potenzial liegendes, aber stabiles Wachstum bei einer verhalten inflationären Entwicklung mit Spielraum für eine weiterhin expansive Geldpolitik erwarten.

Auch auf politischer Seite hätten sich Änderungen ergeben, allerdings würden diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der Summe noch nicht positiv wirken. Im US-chinesischen Handelsstreit sei man de facto 2019 zuletzt zumindest noch nicht vorangekommen, eine Lösung des Handelsstreits sei für eine fortgesetzt positive Entwicklung an den Märkten jedoch unabdingbar. Mit der Eskalation der Proteste in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong habe der Umgang mit China eine zusätzliche Komplexität erhalten. Dennoch: Der sich anbahnende "phase one trade deal" zwischen den USA und China könnte inklusive der damit verbundenen Rücknahme von Zöllen die Bremsen der Weltwirtschaft lösen. Auch die Brexit-Thematik werde 2020 im Fokus stehen. Die anstehenden Wahlen in Großbritannien würden die Situation in Europa nicht vereinfachen.

Ein Resultat der politischen Unsicherheit sei eine angesichts der Ist-Situation erstaunlich hohe Skepsis der Untemehmensführer auf beiden Seiten des Atlantiks. Sie äußere sich unter anderem in einer zunehmenden Investitionszurückhaltung. Dass die Staaten, vor allem Deutschland, diese Investitionsmüdigkeit mittels eigener Fiskalpakete kompensieren würden, bleibe abzuwarten. Offen sei auch, ob China sich anschicken werde, diese Lücke zu füllen. Für das Reich der Mitte würden die Experten mit einem Wachstum leicht unterhalb von 6% rechnen.

Asien bleibe aber immer noch die Wachstumslokomotive und eine bevorzugte Anlageregion auch im Jahr 2020. Bei Anleihen werde erneut die schwierige Suche nach positiven Renditen im Vordergrund stehen, sodass Emerging Market Bonds und Anleihen von Unternehmen aus diesen Regionen im Fokus des Interesses stehen sollten. Hier stelle die Europäische Zentralbank im Euroraum weiterhin einen verlässlichen und preissensiblen Käufer, der die Nachfrage konstant hochhalte.

Aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) habe sich das fundamentale Umfeld trotz der sich zuletzt leicht verbessernden Konjunkturdaten noch nicht signifikant geändert. Einige Mitglieder des EZB-Rats hätten betont, weiterhin geldpolitischen Spielraum zu besitzen. Nicht außen vor lassen sollte man jedoch auch die durchaus bestehenden Risiken, die eine Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik mit sich bringe.

Unisono hätten der Internationale Währungsfonds, die Deutsche Bundesbank und zuletzt sogar die EZB selbst vor potenziellen Gefahren für das Finanzsystem gewarnt. Sorgen würden insbesondere die Zunahme der Risikobereitschaft von Investoren, möglicherweise sich aufbauende Fehlbewertungen einzelner Assetklassen - wie bei Immobilien - und die trotz historischer Niedrigzinsphase weiter zunehmende Verschuldung der Staaten bereiten. (Ausgabe Dezember 2019) (02.12.2019/alc/a/a)