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US-Schuldentopf auf der Suche nach neuem Deckel
06.02.23 10:00
ETHENEA
Munsbach (www.anleihencheck.de) - Am 19. Januar traf im US-Kongress ein nicht alltäglicher Brief ein, so Dr. Volker Schmidt, Senior Portfolio Manager von ETHENEA Independent Investors S.A.,
Die Absenderin, US-Finanzministerin Janet L. Yellen, habe die Parteispitzen der beiden Kammern des Parlaments gewarnt, dass der geltende Schuldendeckel von rund 31,4 Billionen Dollar bereits am selben Tag erreicht werde. Yellen habe zudem angekündigt, dass sie im Rahmen "außerordentlicher Maßnahmen" Investitionen in Rentenfonds für Postangestellte und Staatsbedienstete vorübergehend stoppen müsse. Sollten die Parlamentarier nicht rasch handeln, um die Schuldenobergrenze erneut anzuheben, drohe dem größten Anleihenemittenten der Welt im Sommer die Zahlungsunfähigkeit.
Obwohl das Schuldenlimit in der US-Geschichte bereits 79 Mal und seit 2010 mehr als zehn Mal mit parteiübergreifenden Mehrheiten angehoben worden sei, sei den Marktteilnehmern vor allem das Jahr 2011 als Beispiel für ein zähes Ringen um den Schuldendeckel in schmerzlicher Erinnerung geblieben. Die Ähnlichkeiten zwischen heute und 2011 seien frappierend. Auch 2011 habe es einen Brief des damaligen Finanzministers der Demokraten an den Vorsitzenden des von den Republikanern kontrollierten Kongresses gegeben. Im Senat hingegen hätten die Demokraten die Mehrheit gehabt, und vor zwölf Jahren habe sich der demokratische Präsident ebenfalls in seinem dritten Amtsjahr befunden, nachdem er seinen republikanischen Vorgänger abgelöst habe. Im Sommer 2011 hätten die Abgeordneten des Repräsentantenhauses nur knapp an einem Staatsbankrott vorbeigeschrammt. Glaube man diesen düsteren Parallelen, sei damit zu rechnen, dass das Problem der Schuldenobergrenze noch lange ungelöst bleiben werde. Tatsächlich hätten sich die Abgeordneten 2011 erst zwei Tage vor Ablauf der Frist am 2. August geeinigt.
Was das wirtschaftliche Umfeld anbelange, so seien die Auswirkungen auf Verbraucher und Anleger im Jahr 2011 deutlich spürbar gewesen. Das Vertrauen der Verbraucher und Unternehmen sei drastisch zurückgegangen, der Aktienindex S&P 500 habe in den zwei Wochen um den Stichtag 17% verloren, während die Volatilität der Aktienkurse und die Credit Spreads stark angestiegen seien und lange Zeit auf hohem Niveau verharrt hätten. Besonders stark gefallen seien vorübergehend die Renditen der um den Stichtag fälligen Treasury-Papiere sowie anderer Geldmarktinstrumente, während einige Treasury Securities als Sicherheiten für Derivategeschäfte nicht mehr akzeptiert worden seien. Die gestiegenen Ausfallrisiken hätten die Nachfrage ausländischer Investoren nach kurzfristigen US-Staatsanleihen gedämpft und der Dollar habe gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn 2011 bis zur Lösung des Problems 9,2% an Wert verloren.
Niemand wisse, ob sich die Geschichte in diesem Jahr wiederholen werde. Aber vor dem Hintergrund einer sich abschwächenden US-Konjunktur könnte ein weiterer negativer Faktor, wie die langwierigen Verhandlungen über die Schuldenobergrenze, das Pendel in Richtung Rezession ausschlagen lassen. Die US-Wirtschaft befinde sich auf einem flachen Wachstumspfad, nicht zuletzt wegen des starken Konsumverhaltens der Amerikaner. Sollte hier etwas schiefgehen und sich der amerikanische Verbraucher mit Ausgaben zurückhalten, sei eine tiefe Rezession zu befürchten.
Im Jahr 2011 habe es jedoch einen unwahrscheinlichen Gewinner gegeben, nämlich die langfristigen US-Staatsanleihen, die von Anlegern in den zwei Wochen vor der Deadline en masse gekauft worden seien. So sei die 10-jährige Rendite von 3% auf 2% gefallen. Obwohl das Risiko eines Staatsbankrotts größer gewesen sei als je zuvor, hätten die Anleger in den langfristigen Schuldtiteln der US-Regierung paradoxerweise einen sicheren Hafen gesehen, da der Dollar nach wie vor die Weltleitwährung gewesen sei und die US-Regierung über eine theoretisch unbegrenzte Geldemissionskapazität verfügt habe, von der sie letztlich auch Gebrauch gemacht hätte. Sollte es in diesem Jahr zu einem Showdown wie im Jahr 2011 kommen, würden die Anleger aus den gleichen Gründen sichere Staatsanleihen bevorzugen und die Renditen wieder nach unten drücken.
Am Markt für Credit-Default-Swaps (Kreditausfallsicherungen/CDS) werde das Risiko einer Wiederholung von 2011 bereits als sehr hoch eingeschätzt. Die CDS-Spreads, die die Versicherungskosten für US-Schulden widerspiegeln würden, seien auf ähnliche Niveaus wie 2011 gestiegen. Der US-Aktienmarkt hingegen erhole sich weiter von den Verlusten des Vorjahres - von Panik keine Spur. Auch die Verbraucher seien trotz der anstehenden politischen Auseinandersetzungen entspannt und weiterhin ausgabefreudig. Der Einigung auf eine neue, höhere Obergrenze sähen sie mit Verweis auf die Historie gelassen entgegen. Der Fokus der Medien liege derzeit woanders und die Amerikaner hätten andere Sorgen. Das könnte sich aber ändern, wenn die Deadline näher rücke, insbesondere dann, wenn die Schuldenthematik immer öfter in den Medien auftauchen werde.
Laut Finanzministerin Yellen würden die Cash-Bestände der US-Staatskasse (aktuell rund 400 Mrd. Dollar) und die laufenden Steuereinnahmen bis etwa Anfang Juni ausreichen, um bis dahin alle notwendigen Zahlungen zu leisten. Bis dahin müsse ein Kompromiss im Parlament gefunden werden, um einen Zahlungsausfall zu vermeiden. Der Kongress habe noch Zeit, die politischen Meinungsverschiedenheiten zu lösen, und wie die Geschichte zeige, seien die amerikanischen Politiker eher geneigt, früher oder später das Kriegsbeil zu begraben und das oben benannte Doomsday-Szenario zu vermeiden, wenn die Zahlungsunfähigkeit des ganzen Landes drohe. Die Finanzmärkte könnten mit Ungewissheit normalerweise schlecht umgehen. Bisher sei jedoch nur am CDS-Markt eine nervöse Reaktion zu beobachten. Vor dem Hintergrund des schlechten Rufes der Zocker dort reagiere die Öffentlichkeit ansonsten gelassen. Je schneller sich die Politik einige, desto mehr würden die Wirtschaft und die Nerven der Anleger geschont. Einen ähnlichen Nervenkitzel wie 2011 könne außer den Spekulanten am CDS-Markt niemand gebrauchen. Je schneller der neue Deckel für den Schuldentopf gefunden werde, desto besser. (Ausgabe 2 vom Februar 2023) (06.02.2023/alc/a/a)
Die Absenderin, US-Finanzministerin Janet L. Yellen, habe die Parteispitzen der beiden Kammern des Parlaments gewarnt, dass der geltende Schuldendeckel von rund 31,4 Billionen Dollar bereits am selben Tag erreicht werde. Yellen habe zudem angekündigt, dass sie im Rahmen "außerordentlicher Maßnahmen" Investitionen in Rentenfonds für Postangestellte und Staatsbedienstete vorübergehend stoppen müsse. Sollten die Parlamentarier nicht rasch handeln, um die Schuldenobergrenze erneut anzuheben, drohe dem größten Anleihenemittenten der Welt im Sommer die Zahlungsunfähigkeit.
Obwohl das Schuldenlimit in der US-Geschichte bereits 79 Mal und seit 2010 mehr als zehn Mal mit parteiübergreifenden Mehrheiten angehoben worden sei, sei den Marktteilnehmern vor allem das Jahr 2011 als Beispiel für ein zähes Ringen um den Schuldendeckel in schmerzlicher Erinnerung geblieben. Die Ähnlichkeiten zwischen heute und 2011 seien frappierend. Auch 2011 habe es einen Brief des damaligen Finanzministers der Demokraten an den Vorsitzenden des von den Republikanern kontrollierten Kongresses gegeben. Im Senat hingegen hätten die Demokraten die Mehrheit gehabt, und vor zwölf Jahren habe sich der demokratische Präsident ebenfalls in seinem dritten Amtsjahr befunden, nachdem er seinen republikanischen Vorgänger abgelöst habe. Im Sommer 2011 hätten die Abgeordneten des Repräsentantenhauses nur knapp an einem Staatsbankrott vorbeigeschrammt. Glaube man diesen düsteren Parallelen, sei damit zu rechnen, dass das Problem der Schuldenobergrenze noch lange ungelöst bleiben werde. Tatsächlich hätten sich die Abgeordneten 2011 erst zwei Tage vor Ablauf der Frist am 2. August geeinigt.
Niemand wisse, ob sich die Geschichte in diesem Jahr wiederholen werde. Aber vor dem Hintergrund einer sich abschwächenden US-Konjunktur könnte ein weiterer negativer Faktor, wie die langwierigen Verhandlungen über die Schuldenobergrenze, das Pendel in Richtung Rezession ausschlagen lassen. Die US-Wirtschaft befinde sich auf einem flachen Wachstumspfad, nicht zuletzt wegen des starken Konsumverhaltens der Amerikaner. Sollte hier etwas schiefgehen und sich der amerikanische Verbraucher mit Ausgaben zurückhalten, sei eine tiefe Rezession zu befürchten.
Im Jahr 2011 habe es jedoch einen unwahrscheinlichen Gewinner gegeben, nämlich die langfristigen US-Staatsanleihen, die von Anlegern in den zwei Wochen vor der Deadline en masse gekauft worden seien. So sei die 10-jährige Rendite von 3% auf 2% gefallen. Obwohl das Risiko eines Staatsbankrotts größer gewesen sei als je zuvor, hätten die Anleger in den langfristigen Schuldtiteln der US-Regierung paradoxerweise einen sicheren Hafen gesehen, da der Dollar nach wie vor die Weltleitwährung gewesen sei und die US-Regierung über eine theoretisch unbegrenzte Geldemissionskapazität verfügt habe, von der sie letztlich auch Gebrauch gemacht hätte. Sollte es in diesem Jahr zu einem Showdown wie im Jahr 2011 kommen, würden die Anleger aus den gleichen Gründen sichere Staatsanleihen bevorzugen und die Renditen wieder nach unten drücken.
Am Markt für Credit-Default-Swaps (Kreditausfallsicherungen/CDS) werde das Risiko einer Wiederholung von 2011 bereits als sehr hoch eingeschätzt. Die CDS-Spreads, die die Versicherungskosten für US-Schulden widerspiegeln würden, seien auf ähnliche Niveaus wie 2011 gestiegen. Der US-Aktienmarkt hingegen erhole sich weiter von den Verlusten des Vorjahres - von Panik keine Spur. Auch die Verbraucher seien trotz der anstehenden politischen Auseinandersetzungen entspannt und weiterhin ausgabefreudig. Der Einigung auf eine neue, höhere Obergrenze sähen sie mit Verweis auf die Historie gelassen entgegen. Der Fokus der Medien liege derzeit woanders und die Amerikaner hätten andere Sorgen. Das könnte sich aber ändern, wenn die Deadline näher rücke, insbesondere dann, wenn die Schuldenthematik immer öfter in den Medien auftauchen werde.
Laut Finanzministerin Yellen würden die Cash-Bestände der US-Staatskasse (aktuell rund 400 Mrd. Dollar) und die laufenden Steuereinnahmen bis etwa Anfang Juni ausreichen, um bis dahin alle notwendigen Zahlungen zu leisten. Bis dahin müsse ein Kompromiss im Parlament gefunden werden, um einen Zahlungsausfall zu vermeiden. Der Kongress habe noch Zeit, die politischen Meinungsverschiedenheiten zu lösen, und wie die Geschichte zeige, seien die amerikanischen Politiker eher geneigt, früher oder später das Kriegsbeil zu begraben und das oben benannte Doomsday-Szenario zu vermeiden, wenn die Zahlungsunfähigkeit des ganzen Landes drohe. Die Finanzmärkte könnten mit Ungewissheit normalerweise schlecht umgehen. Bisher sei jedoch nur am CDS-Markt eine nervöse Reaktion zu beobachten. Vor dem Hintergrund des schlechten Rufes der Zocker dort reagiere die Öffentlichkeit ansonsten gelassen. Je schneller sich die Politik einige, desto mehr würden die Wirtschaft und die Nerven der Anleger geschont. Einen ähnlichen Nervenkitzel wie 2011 könne außer den Spekulanten am CDS-Markt niemand gebrauchen. Je schneller der neue Deckel für den Schuldentopf gefunden werde, desto besser. (Ausgabe 2 vom Februar 2023) (06.02.2023/alc/a/a)


