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Spannungen um Taiwan - Taubenhafter Kurswechsel ist unwahrscheinlich


15.08.22 10:54
NN Investment Partners

Den Haag (www.anleihencheck.de) - Bis sich die Inflation abschwächt, dürfte sich die derzeitige Rally bei Risikoanlagen als nicht nachhaltig erweisen, so Maarten-Jan Bakkum, Senior Strategist bei NN Investment Partners.

Dabei seien es der erwartete Höchststand der Inflation und eine gemäßigte Interpretation der letzten FOMC-Sitzung, die erklären würden, warum sich die Aktien- und Kreditmärkte im Juli erholt hätten. Nach mehreren Reden der FED-Gouverneure, die versucht hätten, den "Tauben-Eindruck" zu korrigieren, den der FED-Vorsitzende Jerome Powell offenbar erweckt habe, und den Arbeitsmarktdaten für Juli, die deutlich die Erwartungen übertroffen hätten, hätten die Anleger jedoch bereits begonnen, sich von der Vorstellung zu lösen, dass die FED den Höhepunkt ihrer "Falkenhaftigkeit" erreicht habe. Dies spiegle sich in moderat steigenden Renditen von Staatsanleihen und den sich bestenfalls seitwärts entwickelnden Aktienmärkten wider.

Der Hauptgrund für die jüngste Risiko-Rally sei die Erwartung einer weniger expansiven FED gewesen. Die Experten würden allerdings einen solchen Schwenk in nächster Zeit für unwahrscheinlich halten. Mit rund 9% sei der Verbraucherpreisindex nach wie vor zu hoch, und die FED werde wahrscheinlich auf eindeutige Anzeichen für einen nachlassenden Inflationsdruck warten wollen, bevor sie ihre restriktive Haltung aufgebe. Mehrere FED-Gouverneure hätten sich in diesem Sinne geäußert, nachdem die Äußerungen des Vorsitzenden Powell auf der FOMC-Sitzung im Juli als Signale für einen gemäßigten Kurs interpretiert worden seien.

Die jüngsten Wirtschaftsdaten würden neue Anzeichen dafür liefern, dass es wahrscheinlich zu früh sei, eine breit angelegte Mäßigung der Inflation zu erwarten. Der Lohnanstieg sei im Juli mehr als doppelt so hoch wie erwartet gewesen, und sowohl der Arbeitskostenindex als auch die durchschnittlichen Stundenlöhne seien stark angestiegen. Angesichts all dessen sei es unwahrscheinlich, dass die Kerninflation bald ihren Höhepunkt erreichen werde. Gleichzeitig könnte sich jedoch der Preisdruck durch Lebensmittel und Energie abschwächen.

Der globale Lebensmittelpreisindex der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO sei von 23% im Juni auf 13% im Juli gesunken, und auch die Energiepreise lägen mittlerweile unter ihrem Höchststand. Aufgrund der großen Unsicherheit bei der Versorgung mit Energie und landwirtschaftlichen Gütern sei ein weiterer Preisrückgang fraglich, auch wenn die allmähliche Freigabe von Getreideschiffen aus ukrainischen Häfen eine ermutigende Entwicklung darstelle. Die Ölpreise könnten weiter sinken, da die Benzinnachfrage in den USA stark rückläufig sei und die europäischen Energiesparpläne noch ehrgeiziger würden.

Die zunehmenden Spannungen zwischen den USA und China nach dem Taiwan-Besuch von Nancy Pelosi, der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, und die beispiellosen Vergeltungsmaßnahmen der chinesischen Führung gegen Taiwan hätten sich nur mäßig auf die Risikobereitschaft der Anleger ausgewirkt. Die allgemeine Erwartung sei nach wie vor, dass eine weitere Eskalation des Konflikts vermieden werde, obwohl es Anzeichen dafür gebe, dass die chinesische Armee die Militärübungen der vergangenen Woche - die größten, die es jemals um Taiwan gegeben habe - dazu genutzt habe, eine vollständige Blockade der Insel zu üben.

Während sich die Finanzmärkte auf Inflation und Geldpolitik konzentrieren würden, hätten die eskalierenden Spannungen um Taiwan die Risikobereitschaft der Anleger kaum beeinträchtigt. Obwohl Chinas längerfristige Absichten eindeutig seien, seien sie kurz- bis mittelfristig alles andere als klar. Beijing sehe die Integration Taiwans in die Volksrepublik als unvermeidlich an, sie sei aber in naher Zukunft unwahrscheinlich. Die chinesische Führung werde sich wahrscheinlich Zeit lassen und den militärischen und wirtschaftlichen Druck auf Taiwan schrittweise erhöhen, während sie das Engagement der internationalen Gemeinschaft zur Unterstützung der Regierung in Taipeh auf die Probe stelle.

In diesem Zusammenhang seien die Militärübungen der vergangenen Woche, die ohne jegliche Gegenmaßnahmen der USA, EU, Japans oder Südkoreas verlaufen seien, von Bedeutung. Dabei könne die Entscheidung des südkoreanischen Präsidenten Yoon, sich nicht mit Nancy Pelosi zu treffen, als sie nach Taiwan Seoul besucht habe, als erster Hinweis darauf gewertet werden, dass die asiatischen Nachbarn wahrscheinlich keine starken Befürworter etwaiger gemeinsamer Sanktionen gegen China sein würden. Die wirtschaftlichen Kosten für Südkorea, für das China der bei weitem größte Handelspartner sei, wären jedoch zu hoch.

Gleichzeitig dürfte die anhaltende Schwäche der chinesischen Wirtschaft - die Krise auf dem Immobilienmarkt und die Corona-Krise seien noch lange nicht vorbei - die Führung in Beijing davon abhalten, die Situation in Taiwan weiter zu eskalieren. Chinas inländischer Wachstumsmotor stottere, und nur dank des immer noch sehr starken Exportsektors wachse die Wirtschaft weiterhin in einem angemessenen Tempo. Eine erneute Verschlechterung des Verhältnisses zum Westen in der Taiwan-Frage würde wahrscheinlich zu einem schmerzhaften Einbruch der Exporte führen, mit großen Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum und möglicherweise die soziale Stabilität.

Trotz der zunehmenden Spannungen um Taiwan und der geringeren Wahrscheinlichkeit eines Kurswechsels der US-Notenbank hätten sich globale Aktien recht gut gehalten. In der vergangenen Woche hätten sich die Aktien sowohl in den USA als auch in der Eurozone seitwärts bewegt, nachdem sie in den vorigen Wochen stark gestiegen seien. Die Anleger hätten sich wahrscheinlich noch nicht von der Vorstellung verabschiedet, dass die Inflation kurz vor dem Höhepunkt stehe und die FED eine restriktivere Haltung einnehmen werde. Die Experten würden aber bei ihrem vorsichtigen Ausblick für Aktien bleiben. Wie erwähnt, würden sie nicht glauben, dass eine Lockerung der Geldpolitik bevorstehe, da die Inflation nach wie vor zu hoch sei, um sich zu beruhigen.

Die Gewinnindikatoren würden sich ebenfalls verschlechtern: Die Gewinnerwartungen für die nächsten zwölf Monate würden weiter zurückgehen, ebenso das Verhältnis der Herauf- und Herabstufungen von Analysten, das nun für alle Regionen außer Japan negativ sei. Bislang seien die Gewinnspannen stabil gewesen, aber der Gegenwind durch Inflation und Konjunkturabschwächung nehme weiter zu.

Die Unternehmen würden die Auswirkungen der Inflation durch steigende Inputkosten und Löhne zu spüren bekommen, während das Umsatzwachstum zurückgehen werde, da die Kaufkraft der Haushalte weiter durch niedrigere Reallöhne beeinträchtigt werde. Da die Konsenserwartungen für das weltweite Gewinnwachstum in den kommenden zwölf Monaten immer noch bei 8% lägen, würden die Experten reichlich Spielraum für Enttäuschungen sehen, insbesondere wenn sich eine Rezession nähere. In den letzten Rezessionen seien die Gewinne um mehr als 20% zurückgegangen.

Die sinkenden Renditen von Staatsanleihen und die Verengung der Kreditspreads in den letzten Wochen seien in erster Linie auf die vermeintliche Lockerung der FED zurückzuführen. Nach Erachten der Experten seien die US-Politiker jedoch weiterhin fest entschlossen, die Inflation zu bekämpfen. Dies schränke den Spielraum der FED für einen überraschenden Kurswechsel ein und werde wahrscheinlich zu einem weiteren Anstieg der Renditen zehnjähriger Staatsanleihen führen.

Die anhaltende Inflation werde wahrscheinlich auch weiterhin Aufwärtsdruck auf die Bundrenditen ausüben. Obwohl mehrere EZB-Sprecher die Abwärtsrisiken für das Wachstum in der Eurozone hervorgehoben hätten, würden die Experten nach wie vor davon ausgehen, dass die anhaltende Inflation in der Eurozone und die hohe Korrelation von Bundesanleihen mit US-Treasuries in den kommenden Monaten zu einem Wiederanstieg der Bundrenditen führen würden. (15.08.2022/alc/a/a)