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Schwellenländeranleihen: Lockerungen nach Corona


09.07.20 12:30
M&G Investments

London (www.anleihencheck.de) - In der Vergangenheit funktionierten geldpolitische Lockerungen nach dem Vorbild der Industrieländer als Stimulus für die Wirtschaft in Schwellenländern nicht, so die Experten von M&G Investments.

Die Krise scheine das geändert zu haben. Das EM-Bond-Team von M&G Investments sehe eine neue Entwicklung auf Anleger zukommen.

Um Kapitalabflüsse zu begrenzen und ihre Währungen zu schützen, hätten Schwellenländer bisher das Instrument der Zinserhöhung genutzt - was der wirtschaftlichen Erholung eher geschadet habe. Daher sei es besonders interessant gewesen, zu sehen, wie einige dieser Länder während der Covid-19-Krise die Zinsen zum Teil deutlich gesenkt hätten. Das habe den Volkswirtschaften spürbar durch die schwierigen Zeiten geholfen und die Experten von M&G Investments würden glauben, dass in diese Richtung noch mehr Aktivität zu erwarten sei.

Wie beispielsweise Brasilien würden sich mittlerweile etliche Länder in ihren lokalen Währungen finanzieren, die früher überwiegend in Fremdwährungen verschuldet gewesen seien. Nach starken Kursrückgängen in der ersten Phase der Krise hätten sich die meisten Schwellenländerwährungen wieder deutlich erholt. Grund dafür sei auch die niedrige Inflation in den meisten EM-Ländern und die Einschätzung, dass dies als Reaktion auf den Nachfragerückgang durch die Pandemie in naher Zukunft so bleiben dürfte.

Für Schwellenländer sei es außerdem hilfreich gewesen, dass die FED die Zinsen auf nahezu null Prozent gesenkt habe. Zwar habe diese Aktion zu einem Absinken der Zinssätze von Schwellenländeranleihen auf historische Tiefststände geführt, aber trotzdem sei die Differenz zu den Zinssätzen der Industrieländer nach wie vor hoch: Die Effektivzinsen von EM-Bonds lägen noch überwiegend im positiven Bereich. Darum könnten renditebewusste Anleger auch weiterhin bei Schwellenländeranleihen fündig werden.

Einige Zentralbanken in Schwellenländern würden jetzt Staatsanleihen kaufen und so das als Quantitative Easing (QE) bekannte Instrument nutzen, das bisher nur von den großen Zentralbanken der Industrieländer eingesetzt worden sei. Diese Käufe seien vom Umfang her deutlich geringer als in Europa oder den USA - in den meisten Fällen lägen sie unter 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das liege an den im Vergleich kleineren Volumina vieler EM-Zentralbankbilanzen. Schwellenländer mit großen Bilanzen hingegen würden in der Regel eher über große Devisenreserven als über staatliche Vermögenswerte verfügen.

Außerdem würden die Zentralbanken der Schwellenländer mit ihren Zinssätzen in der Regel nicht an die Nullgrenze gehen und die wenigsten von ihnen würden überhaupt dazu in der Lage sein. Es stelle sich daher die Frage, ob QE in einem solchen Szenario überhaupt wirksam sein könne - besonders, solange die konventionelle Geldpolitik noch nicht ausgereizt sei.

Lockerungsprogramme würden überwiegend von Ländern mit vergleichsweise hoher Kreditqualität genutzt - die meisten von ihnen hätten Investment-Grade-Ratings. Außerdem hätten sie ihre lokalen Märkte gut entwickelt, ihre Fähigkeit zur Umsetzung einer Finanz- und Geldpolitik bewiesen und dadurch an Glaubwürdigkeit bei den Investoren gewonnen. Einige Länder allerdings würden das Instrument anwenden, obwohl sie gewisse Mängel hinsichtlich der Glaubwürdigkeit oder der Unabhängigkeit ihrer Zentralbanken aufweisen würden - dazu würden Südafrika und die Türkei gehören. Das könnte längerfristig zu einigen Fragen von Investoren führen.

Bei der beispiellosen Wucht der aktuellen Krise würden die lokalen Märkte Impulse zur Unterstützung brauchen und QE könnte auf kurze Sicht ein wichtiges Instrument sein, um zur Finanzierung der nun steigenden Haushaltsdefizite beizutragen. Es müsse aber bedacht werden, dass QE auch als eine Form des Gelddruckens gesehen werden könne. Wenn Investoren glauben würden, dass ein Land die Lockerung als Alternative zu einer disziplinierten Haushaltsführung einsetze, könnte das problematisch werden. Schwindendes Vertrauen würde zu erheblichen Abflüssen aus den lokalen Märkten führen und so wiederum eine potenzielle Währungsabwertung und importierte Inflation anfachen.

Seit März hätten sich die Anleihekäufe in den meisten Ländern verlangsamt - ein Zeichen für sich stabilisierende Märkte sowie erholte Vermögenspreise. Auch die Tatsache, dass die Schwellenländer in den letzten zwei Monaten erhebliche lokale Anleihevolumina hätten emittieren können, stimme hoffnungsvoll. Offen bleibe allerdings die Frage, wie einfach der einmal eingeschlagene Kurs wieder umgekehrt werden könne. Die Industrieländer seien jedenfalls nicht besonders vorbildlich, wenn es darum gehe, Lockerungen wieder zurückzufahren. (09.07.2020/alc/a/a)