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Rentenmarkt: Renditen im Sinkflug


08.07.16 12:28
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - "Alea iacta est", der Würfel ist gefallen. Die Briten haben sich für einen Austritt aus der Europäischen Union (EU) entschieden, so die Analysten der Weberbank.

Europa sei darüber "not amused". Jetzt gelte es für alle Beteiligten mit dieser Entscheidung umzugehen und eine klare Strategie für die bevorstehenden Verhandlungen zu entwerfen. Jede Verzögerungstaktik führe zu anhaltender Ungewissheit, die die Finanzmärkte belaste. Welche Auswirkungen der "Brexit" auf die europäische und insbesondere die britische Konjunktur sowie für den politischen Zusammenhalt innerhalb der EU habe, sei momentan schwer abzuschätzen und lasse sich erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung besser eingrenzen.

Für die nächsten Monate sollte man stärker auf die konjunkturellen Vorlaufindikatoren wie z.B. die Stimmungsindikatoren schauen. Eine starke Eintrübung dieser Indikatoren könnte sich auf die Realwirtschaft negativ auswirken. Vor allem in Großbritannien sollte es zu einer wirtschaftlichen Eintrübung kommen. Hier sei sogar eine Rezession, also mindestens zwei aufeinanderfolgende negative Quartalswachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP), nicht auszuschließen.

Aber auch für die Eurozone seien negative Konsequenzen zu erwarten. Nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) werde der Brexit das Wachstum in der gesamten Eurozone in den kommenden drei Jahren um 0,3 bis 0,5% geringer ausfallen lassen als bei einem Verbleib. Für die amerikanische Wirtschaft und die Weltwirtschaft sollten sich aus Sicht der Analysten die realwirtschaftlichen Auswirkungen des Brexits in engen Grenzen halten.

Betrachte man abseits des Brexits die Konjunkturdaten aus Europa, so seien diese ganz erfreulich ausgefallen. Zwar habe sich die Stimmung bei den Unternehmen und Konsumenten im Juni leicht eingetrübt, sie sei aber nach wie vor als gut zu bezeichnen. Der starke Anstieg des Einkaufsmanagerindex aus dem Verarbeitenden Gewerbe habe die Marktteilnehmer überrascht. In Deutschland sei die Zahl der Arbeitslosen aufgrund der guten Konjunkturlage auf den tiefsten Stand seit 25 Jahren gefallen. Auch die Einzelhandelsumsätze seien kräftiger als von den Volkswirten erwartet gestiegen.

Aus Amerika seien ebenfalls positive Zahlen gekommen. So habe sich das Konsumentenvertrauen deutlich erholen können und der vom Forschungsinstitut Conference Board erhobene Stimmungsindex sei auf den höchsten Stand seit Oktober 2015 gestiegen. Auch die Konsumausgaben seien das zweite Mal in Folge gestiegen.

Die Rentenmärkte aus den Kernländern würden von der Flucht in Sicherheit profitieren. Sowohl die Renditen der 10-jährigen deutschen Bundesanleihe als auch der amerikanischen 10-jährigen Staastanleihe seien auf historische Tiefstände gefallen. In Japan sei die 20-jährige und in der Schweiz sogar die 50-jährige Rendite in den negativen Bereich gerutscht. Mit dem Brexit seien auch die Erwartungen an die weitere Geldpolitik der USA nochmals nach unten angepasst worden.

Mittlerweile würden die Marktakteure davon ausgehen, dass eine Leitzinserhöhung in diesem Jahr höchst unwahrscheinlich sei. Insgesamt bleibe der deutsche Rentenmarkt aufgrund der geldpolitischen Maßnahmen der EZB, der Hoffnung auf eine Ausweitung der EZB-Aktionen sowie der Suche nach Sicherheit gut unterstützt. Aus Chancen- und Risikogesichtspunkten würden die Analysten weiterhin Unternehmens- und Schwellenländernanleihen befürworten.

Seit der Brexit-Entscheidung der Briten herrsche an den europäischen Aktienmärkten hohe Verunsicherung. Während sich die Aktienindices in Europa nach einer kurzen Erholungsphase wieder auf Tauchstation begeben würden, könnten sich andere Indices wie z.B. der britische Aktienmarkt (FTSE 100) besser halten. Hier wirke sich der starke Rückgang des englischen Pfunds gegenüber anderen Währungen positiv aus. Die Unternehmen des FTSE 100 würden über 70% ihrer Umsätze außerhalb von Großbritannien generieren und könnten somit überproportional von einem schwächeren Pfund-Kurs profitieren.

Insgesamt seien die Risiken durch den Brexit gestiegen. Negative Gewinn-Auswirkungen - insbesondere für europäische Unternehmen - seien zu befürchten. Auch die Gewinnprognosen der Analysten, die noch von einem 10%igen Gewinnwachstum der europäischen Unternehmen im nächsten Jahr ausgehen würden, stünden nach Meinung der Analysten auf der Kippe. Die Analysten würden für die nächsten Monate von hohen Schwankungen der Aktienmärkte ausgehen.

Auf der einen Seite stünden politische und ökonomische Unsicherheiten, auf der anderen Seite die Notenbanken, die bereit seien geldpolitisch noch expansiver zu werden oder ihren begonnenen Zinserhöhungszyklus ggf. auszusetzen (FED). In diesem schwierigen Umfeld würden die Analysten vorerst eine defensive Aktienpositionierung für gerechtfertigt halten. Dies beinhalte einen höheren Anteil an amerikanischen Aktien, eine kurzfristig höhere Kassehaltung sowie eine Beimischung von Gold. (Ausgabe vom 07.07.2016) (08.07.2016/alc/a/a)