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Rentenmarkt: Draghi stellt Mini-Zinsen für lange Zeit in Aussicht


03.07.14 14:12
Alte Leipziger Trust

Oberursel (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hat signalisiert, dass die historisch niedrigen Leitzinsen in Euroland noch auf sehr lange Zeit und womöglich nicht vor Ende 2016 angehoben werden, so die Experten der Alte Leipziger Trust.

Notenbankchef Draghi habe auf Fragen nach steigenden Leitzinsen in der Zukunft auf den jüngsten Beschluss des EZB-Rats verwiesen, den Zeitraum, in dem Banken unbegrenzt Liquidität der Notenbank bekommen könnten, bis Ende 2016 zu verlängern. Ähnlich habe sich auch der österreichische Notenbankchef Nowotny geäußert. Er habe darauf verwiesen, wenn es ein Wachstum von mehr als 2% gäbe, träte die Zinswende ein. Und vor 2016 werde dies voraussichtlich nicht der Fall sein.

Im Kampf gegen die Niedriginflation habe die EZB Anfang Juni im Zuge eines Maßnahmenpakets den Leitzins auf 0,15% gesenkt und erstmals den Einlagensatz unter null auf -0,15% gedrückt. Sie habe zugleich an ihrer Einschätzung festgehalten, dass die Zinsen "für längere Zeit" niedrig bleiben würden. Wie lange dies sein werde, habe sie nicht gesagt. Die Währungshüter würden aktuell keine Deflationsgefahr sehen. Sie wollten aber vermeiden, dass die Inflationserwartungen nachgeben würden und eine Abwärtsspirale in Gang komme, weil Konsumenten in der Hoffnung auf sinkende Preise Käufe aufschieben und Unternehmen weniger investieren würden.

Mit solchen Aussagen wolle die EZB vor allem verhindern, dass auch in Euroland die Marktzinsen steigen würden, wenn in den USA oder Großbritannien der Kurswechsel der Notenbanken voranschreite und es zur Zinswende komme. Das Beispiel der Bank of England zeige aber auch, dass solche Zinsprognosen sehr schnell überholt sein könnten und Zinserhöhungen früher oder später auf der Agenda stehen könnten als ursprünglich signalisiert.

Draghi habe weiterhin deutlich gemacht, dass es für breit angelegte Wertpapierkäufe durch die EZB, ein "quantitative Easing" (QE), eines Absackens der Inflationserwartungen auf mittlere Sicht bedürfe. Ein QE könne dann nicht nur Staatsanleihen sondern auch private Assets umfassen. Derzeit konzentriere sich die EZB jedoch auf das zuletzt beschlossene Maßnahmenpaket. Der Internationale Währungsfonds (IWF) habe die EZB unlängst zum Kauf von Staatsanleihen aufgefordert.

Die Konjunkturerholung in der Eurozone habe im Juni den zweiten Monat in Folge an Schwung verloren. Im gesamten zweiten Quartal zeichne sich aber ein kräftiges Wirtschaftswachstum ab. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft des Euroraums habe im Juni gegenüber Mai saisonbereinigt um 0,7 auf 52,8 Punkte nachgegeben. Mit diesem vorläufigen Ergebnis liege der Index auf dem niedrigsten Stand seit einem halben Jahr.

Gleichwohl sei das wichtige Konjunkturbarometer oberhalb der Wachstumsschwelle von 50 Zählern geblieben. Damit sei die Eurozone im zweiten Quartal 2014 so stark gewachsen wie seit drei Jahren nicht mehr. Der Aufschwung könne sich Experten zufolge aber abschwächen. In diesem Kontext problematisch sei das sehr heterogene Wachstum innerhalb der EU-Währungsunion.

So habe die Wirtschaft in Deutschland trotz leicht nachlassender Dynamik erneut kräftig expandiert. In Frankreich jedoch habe sich die Talfahrt beschleunigt. Die übrigen Länder würden im Durchschnitt das stärkste Wachstum seit August 2007 vermelden. Auch die Arbeitsmärkte in der Europeripherie würden sich vergleichsweise gut entwickeln.

Die Renditen langfristiger Staatsanleihen seien historisch betrachtet extrem niedrig, sowohl in den USA als auch in Europa. Auf absehbare Zeit würden sie wohl auch weiter auf niedrigem Niveau verharren. Die Rendite für 10-jährige Bundesanleihen sei mit 1,27% nahe an ihrem bislang erreichten niedrigsten Niveau. Anfang 2008 seien es noch 4,7% gewesen. Die USA müssten derzeit doppelt so hohe Zinsen zahlen wie Deutschland.

In Europa seien die Renditen von Staatsanleihen der Peripherieländer der Eurozone weiter konvergiert. Neue italienische Staatstitel mit zwei Jahren Laufzeit hätten zuletzt mit einer Verzinsung von weniger als 0,6 Prozent den Besitzer gewechselt. Die Finanzierung von Staatsschulden sei in der Eurozone derzeit so günstig wie nie zuvor.

Bedingt durch die im Jahresverlauf rückläufigen Renditen an den Rentenmärkten hätten Fonds, die in erstklassige Staatsanleihen investieren würden, neben laufenden Erträgen zusätzliche Kursgewinne einfahren können. Dies treffe ebenfalls auf die Renditen von Unternehmensanleihen zu. Deren Renditen seien inzwischen ebenfalls auf sehr niedrigem Niveau, d.h. die Risikoaufschläge gegenüber Staatsanleihen extrem niedrig. Könne das so weiter gehen oder sei der Rentenmarkt extrem aufgebläht? Die Experten würden meinen, dass die Politik der Zentralbanken die ansonsten übliche höhere Volatilität an den Anleihemärkten unterdrücke.

Zudem sei die Inflation niedrig und eine Rezession nicht in Sichtweite. Weiterhin seien die Immobilienmärkte in einer wesentlich besseren Verfassung als vor dem Beginn der Finanzkrise. Sowohl das ifo-Geschäftsklima als auch der ZEW-Index hätten im Mai einen Rückwärtsgang eingelegt. Bei beiden Indices hätten die gestiegenen Unsicherheiten bezüglich der weltweiten Wirtschaftsentwicklung zu einer Verschlechterung der Konjunkturerwartungen geführt.

Die aktuelle Lage werde von den Umfrageteilnehmern aber nach wie vor als sehr gut eingeschätzt. Die Wirtschaft dürfte sich im 2. Quartal 2014 solide entwickeln, das hohe Wachstumstempo des 1. Quartals 2014 werde allerdings nicht zu halten sein. (Ausgabe Juli 2014) (03.07.2014/alc/a/a)