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Rentenmarkt: Credit ist das neue Core


16.04.13 15:39
ING Investment Management

Den Haag (www.anleihencheck.de) - Welchen Verlauf die EWU-Krise nehmen wird? Wäre das "Durchhangel-Szenario" das beste Szenario für Credit oder gibt es ein besseres? Ich bin der Meinung, dass kurzfristig ein weiteres Durchkämpfen am wahrscheinlichsten ist, so Hans Stoter, Chief Investment Officer bei ING Investment Management in Den Haag.

Aber man könne Probleme nicht ewig aussitzen. Also müsse eine dauerhaftere Lösung her. Was man seiner Meinung nach in der Eurozone brauche, sei ein Euro, der nur funktioniere, wenn die Einzelstaaten sich nur marginal in ihren Volkswirtschaften unterscheiden würden.

Nach Einführung des Euro sei das so gewesen, aber dann habe die Kluft zwischen den Peripheriestaaten einerseits und Deutschland andererseits zugenommen. Jetzt würden aber auch die Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden und auch Frankreich immer größer. Langfristig sei nach Überzeugung von Stoter Konvergenz erforderlich, d.h. man müsse erst eine geringere Divergenz zwischen den Ländern erreichen.

Er glaube auch, dass ein Auseinanderbrechen der Eurozone recht unwahrscheinlich sei. Die Vorteile des Euro wögen dessen Nachteile klar auf. Die Märkte würden sich also darauf einstellen müssen, dass die Länder irgendwann konvergieren würden. Dies gelte auch für ihre Zinssätze. Aber das werde ein volatiler Prozess werden.

Für Unternehmensanleihen der Peripherie sei das der beste Ansatz, für deutsche Unternehmensanleihen allerdings etwas weniger. Nach Meinung von Stoter schneide Credit in Märkten mit niedrigem, aber positivem Wachstum generell gut ab, also dann, wenn Unternehmen nicht allzu zuversichtlich in die Zukunft schauen und nicht zu selbstverständlich davon ausgehen würden, Shareholder Value schaffen zu können. Langfristig halte ING Investment Management nach Unternehmen Ausschau, die positive Cashflows aufweisen würden, um diese zur Tilgung von Schulden zu nutzen. Und die damit Wert für Anleiheinhaber anstatt für Aktionäre schaffen würden.

Eine Fiskalunion, die das Risiko eliminiere, sei nicht notwendigerweise die beste Lösung. Der teuerste Markt für Credit sei zurzeit Japan, wo die Spreads am engsten seien. Und Japan sei sicherlich nicht die beste Volkswirtschaft. Insofern denke Stoter, dass man, solange das "Durchhangel-Szenario" anhalte, auf Credit setzen sollte. Wenn erst einmal die Fiskalunion da sei und man nach weiterem Wachstum Ausschau halte, werde sich bereits die nächste Kreditblase aufbauen. Bis dahin werde es jedoch wegen der systemischen Ungleichgewichte und der niedrigen Arbeitslosenrate noch eine Weile dauern.

Es lasse sich jetzt kaum voraussagen, welche Politiker in der Lage sein würden, ihre eigenen Wähler davon zu überzeugen, dass es besser sei, zusammenzuarbeiten als allein da zu stehen. Und von den Politikern höre man ständig widersprüchliche Aussagen: Einem europäischen Publikum würden sie das eine und ihren lokalen Wählern das andere erzählen, nämlich etwas, das in der Regel deutlich europakritischer sei. Letztendlich würden sie sicherlich das Richtige tun. Europa-Optimismus und der Zwang, den Ländern an der Peripherie auszuhelfen, würden zu Wahlschlappen im Norden führen. Doch die strikte Sparpolitik im Süden habe die gleichen Konsequenzen, nämlich Wahlverluste. Insofern werde es noch eine Weile dauern, bis man dort angelangt sei.

2012 sei ein sehr gutes Jahr für Credit gewesen. Stoter glaube, dass die Investoren weiterhin so viel Kapital in Credit investieren würden. Er erlebe das jeden Tag mit den ING-Fonds. ING habe jeden Tag positive Kapitalflüsse. Und zwar sowohl von Privatanlegern als auch institutionellen Investoren. Stoter glaube, dass der Wandel in der Gewichtung eher strukturell sei. Vor allem auf der institutionellen Seite. Retail sei in der Regel etwas opportunistischer und werde sich, meine er, auch von Credit als Anlageform wieder zu Aktien verlagern, sobald mehr Sicherheit im Hinblick auf die Aussichten der Weltkonjunktur und die Stabilität in der Eurozone bestehe.

Doch auf der institutionellen Seite würden die Portfolios seit jeher auf - sicheren - Staatsanleihen als Ausgangspunkt basieren. Doch für Rentenfonds oder Versicherungen sei es nicht besonders attraktiv, Kapital in Anleihen anzulegen, die nur 1,5 Prozent abwerfen würden, und zwar aus dem einfachen Grund, dass man das Geschäftsmodell einer Versicherungsgesellschaft nicht mit Renditen von 1,5 Prozent finanzieren könne. Man benötige also Renditen von 3, 4, 5 Prozent. Außerdem gehe es Versicherungen um niedrig volatile Anlageziele. Stoter treffe daher viele institutionelle Anleger, die ihm sagen würden, dass sie die Investition in High Yield erwägen würden oder dass sie ihr bestehendes Engagement in diesem Bereich würden ausbauen wollen.

Es sei schwer, Investoren zu finden, die momentan nicht bei Credits übergewichtet seien. Aber Stoter denke, dass diese Übergewichtungen strukturell würden. Die Umschichtung in Aktien, die man erleben werde, beginne mit Cash und fänge jetzt bereits an. Und diese Verlagerung werde zulasten von Staatsanleihen und nicht von Unternehmensanleihen stattfinden. Was er also glaube sei, dass bei den aktuellen Zinssätzen - und ihrer seiner Ansicht nach wahrscheinlichen mittelfristigen Entwicklung - Credits statt Staatsanleihen für viele institutionelle Investoren oder wohlhabende Privatleute den Kern ihrer Portfolios darstellen würden. Schon allein deswegen, weil man mit Staatsanleihen kein Geld machen könne.

Stoter glaube nicht daran, dass die Zinsen in Europa sehr schnell steigen würden. Die längerfristigen Zinssätze würden von Inflationsrate, Wachstum und auch vom Niveau der Kurzfristsätze abhängen. Und alle drei seien derzeit niedrig in Europa. Daher meine er, dass die Wahrscheinlichkeit eines deutlichen Anstiegs der Zinsen in Europa eher begrenzt sei. In den USA möge das etwas anders sein. Daher gehe er für das Gesamtjahr von einer Rendite von insgesamt 5,6 Prozent aus. (16.04.2013/alc/a/a)