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Rentenmärkte überraschten am stärksten negativ


28.06.13 10:30
GECAM

Wangen (www.anleihencheck.de) - Betrachten wir zunächst die Konjunkturzahlen der letzten vier Wochen: In den USA stiegen die Einzelhandelsumsätze stärker als erwartet, so die Experten von GECAM.

Dies habe mit einem Verbrauchervertrauen korreliert, das auf den höchsten Stand seit Januar 2008 geklettert sei. Der Beschäftigungsaufbau sei stabil bei rd. 175.000 neuen Stellen pro Monat gelaufen und der Immobilienmarkt habe nahezu wie vor der Finanzkrise 2008 geboomt.

Auch in Deutschland und Europa sei es tendenziell aufwärts gegangen. Der ifo-Geschäftsklima-Index sei weiter gestiegen, die Produktion im Produzierenden Gewerbe habe knapp zwei Prozent angezogen und der Konsum der traditionell eher sparenden Deutschen sei auf Mehrjahreshoch gestiegen (GfK-Konsumklimaindex von 6,5 auf 6,8). Selbst im sozialistisch geführten Frankreich würden die Einkaufsmanager der Unternehmen optimistischer und in Italien explodiere das Verbrauchervertrauen geradezu von 86 Punkten im Mai auf 95,7 im Juni.

Doch was würden die Märkte daraus machen? Sie würden fallen, und zwar in einer selten gesehenen Eintracht. Vor allem werde das Geld aus den Emerging Markets abgezogen und zurück in den Dollar- und Euroraum geleitet, aus dem es in den letzten zehn Jahren abgeflossen sei. Ebenso würden westliche Renten- und Aktienmärkte teils heftige Verluste verzeichnen. Zur Krönung würden auch Rohstoffe und insbesondere Gold nochmals rund 10 Prozent von einem ohnehin schon niedrigem Niveau verlieren.

Im Verhältnis hätten die Rentenmärkte am stärksten negativ überrascht. Die Renditen für 10-jährige US-Staatsanleihen seien um rd. 100 Basispunkte in acht Wochen angestiegen. Zum Vergleich: Im schlechtesten Rentenjahr der jüngeren Geschichte - 1994 - habe es einen Renditeanstieg um knapp 300 Basispunkte innerhalb eines Jahres gegeben. Aktienmärkte dagegen hätten "nur" innerhalb normaler Parameter für eine Korrektur nach so starken Anstiegen verloren.

Echte Gründe hierfür gebe es keine. Marktteilnehmer würden die Andeutungen des US-Zentralbank-Chef's Ben Bernanke anführen, dass, sollte sich die Konjunktur gut entwickeln, man irgendwann die als Notmaßnahmen gedachten monatlichen Anleihekäufe in Höhe von 85 Mrd. Dollar nicht mehr in dieser Höhe oder gar nicht mehr brauche. Sollte sich die Konjunktur jedoch nicht so gut entwickeln, werde weiter Geld in dieser Höhe gedruckt bzw. könne das Programm sogar noch erhöht werden!

Da bleibe dem geneigten Betrachter nicht anderes, als sich zu wundern; so würden also schlechte Nachrichten aussehen?! Wenn es konjunkturell gut laufe, würden Unternehmensgewinne und somit die Aktienkurse steigen, wenn es schlecht laufe, drucke die Notenbank weiter Liquidität, was auch den Aktienkursen und allen anderen Anlageklassen helfe. Eigentlich würden die Aussagen wie eine Versicherung für Aktienanleger wirken.

Jedoch habe allein der Gedanke, dass weniger neues Geld gedruckt werde - von restriktiven Maßnahmen sei gar keine Rede gewesen - die Märkte erschreckt. Gewinne an den Rentenmärkten seien mitgenommen worden, Carry Trades (gehebelte Finanzierungen zu Niedrigstzinsen und Anlage in risikoträchtigeren Anlagen) seien glattgestellt worden.

Die Aussicht auf höhere Zinsen zu Hause, lasse Geld aus den Schwellenländern in den Dollar- und Euroraum zurückfließen. Daraus resultierende Kursverluste und Währungsverluste würden zu weiteren Verkäufen führen. Verluste in einem bestimmten Marktsegment würden das Risikokapital von institutionellen Anlegern belasten, also würden Gewinne dort mitgenommen, wo noch keine großen Verluste entstanden seien (z. B. Aktienmärkte) und es gebe Ansteckungseffekte quer durch alle Marktsegmente.

Die größte Gefahr liege darin, dass viele gemischte Portfolios institutioneller Anleger nun seit Jahresanfang rote Zahlen schreiben würden, da Diversifikation - wenn alle Märkte fallen würden - nicht funktioniere. Belastete Risikobudgets jedoch würden nicht viel Spielraum für weitere Kursverluste lassen und somit steige die Verkaufsbereitschaft - losgelöst von fundamentalen und strategischen Erwartungen an die jeweilige Vermögensklasse. Es werde verkauft, weil man müsse.

Irrationale Verhaltensweisen würden jedoch immer auch historische Chancen für diejenigen Anleger ergeben, die ein Stück über den Tag hinaus denken und rational handeln könnten. In der nun laufenden Erholungsbewegung werde man erkennen, welche Anlageklasse nur aufgrund der schlechten Stimmung gefallen sei und welche Märkte aber fundamentale Probleme haben und keine Renditeperspektiven für die Zukunft bieten würden. Hier trenne sich die Spreu vom Weizen.

Aus Sicht der Experten seien westliche Aktienmärkte in einer weiter wachsenden Welt sehr günstig bewertet und ein Kursrückgang von zehn Prozent sei wie ein Schnäppchenpreis für hochwertigste Qualitätsprodukte im Sommerschlussverkauf zu betrachten. Vor allem deutsche und europäische Titel würden günstig erscheinen, während US-Titel bereits ambitionierter bewertet, jedoch weniger volatil seien. Im Hinblick auf Emerging Markets, Japan-Investments und Staatsanleihen aller Art würden sich die Experten vorerst abstinent verhalten. Auch eine Diversifizierung in alle möglichen Währungen dieser Welt würden sie schon seit Beginn dieses Jahres für nicht erforderlich erachten.

Im Grundsatz gelte, dass alles was seit über zehn Jahren stark gestiegen sei und zum Teil irrationale Bewertungen erreicht habe, wie Emerging Markets Anlagen, Staatsanleihen und Unternehmensanleihen guter Bonität, aber auch Rohstoffinvestments über Investmentvehikel - also auch Gold - noch längere Zeit brauchen werde, um diese jahrelangen Kapitalzuflüsse abzubauen und zu konsolidieren. (28.06.2013/alc/a/a)