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Rentenmärkte: Zu früh für Zinssenkungen?


01.03.24 11:17
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der zehnjährigen Staatsanleihen in den USA und Deutschland zeigen vor den anstehenden Zentralbankentscheidungen eine Seitwärtsbewegung, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die T-Notes stünden aktuell bei 4,23% und würden damit unter dem dreimonatigen Hoch von 4,33% bleiben. Die zehnjährigen Bundesstaatsanleihen stünden bei 2,46% und würden damit nur knapp unter ihrem Dreimonatshoch von 2,51% bleiben. In Bezug auf die US-Wirtschaft gebe es zwar keine akuten Rezessionssorgen mehr, aber die Anzeichen einer konjunkturellen Verlangsamung würden sich mehren, insbesondere nach den schwachen Auftragseingängen für langlebige Industriegüter.

Der Aktienmarkt zeige sich trotzdem robust, wobei der S&P 500 dank der Big-Tech-Titel einen neuen Rekordwert erreicht habe. In Europa bleibe die wirtschaftliche Lage weiterhin angespannt, wie der GfK-Konsumindikator für Deutschland und die Zahlen zur Vergabe von Bankkrediten in der Eurozone zeigen würden. Die Kommunikation der Zentralbanker bleibe im Vorfeld der Notenbanksitzungen vorsichtig, ohne sich auf einen konkreten Zeitpunkt für die erste Zinssenkung festzulegen. Die Analysten würden für die EZB und die FED von Zinssenkungen nicht vor Juni ausgehen.

Die US-Wirtschaft zeige Anzeichen von Schwäche, wie die jüngsten Daten zu den Auftragseingängen für langlebige Industriegüter im Januar 2024 zeigen würden. Diese seien im Vergleich zum Vormonat um 6,1% gefallen, was über den Markterwartungen von 4,5% und dem Rückgang von 0,3% im Dezember gelegen habe. Dies sei der stärkste monatliche Rückgang seit April 2020 gewesen.

Trotz dieser Delle hätten sich die Aktienmärkte robust gezeigt, wobei der S&P 500 erstmals die Marke von 5.000 Punkten erreicht habe. Dies sei vor allem von Big-Tech-Titeln wie Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft und NVIDIA getragen worden, die von der Euphorie rund um das Thema künstliche Intelligenz angetrieben worden seien. Nach den besser als erwarteten Zahlen sei der Aktienkurs von NVIDIA rapide gestiegen, und die Marktkapitalisierung des Unternehmens habe am Freitagnachmittag erstmals die Marke von zwei Billionen US-Dollar überstiegen.

Die Eurozone bleibe konjunkturell weiterhin schwach, was besonders durch die Verbraucherstimmung in Deutschland deutlich werde. Der GfK-Konsumklimaindikator für Deutschland sei in der Prognose für März 2024 auf -29,0 gegenüber dem 11-Monats-Tief vom Februar (29,6) gestiegen, was den Marktprognosen entspreche.

Auch die Eurozone insgesamt habe keine aufmunternden Datenpunkte diese Woche verzeichnet. Die Kreditbestand der Banken an private Haushalte in der Eurozone sei im Januar 2024 im Jahresvergleich um 0,3% auf 6,870 Billionen EUR gestiegen, jedoch unter den Markterwartungen von 0,4% geblieben. Dies sei die niedrigste Wachstumsrate seit März 2015 und unterstreiche die deutliche Verlangsamung der Wirtschaft des Euroraums aufgrund der beispiellosen Straffungsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank von Juli 2022 bis September 2023.

Alle Augen würden sich kommende Woche nach Frankfurt am Main richten, wo am 7. März das März-Meeting der EZB stattfinden werde. Es werde erwartet, dass dort keine Zinssenkung verkündet werde. Der als äußerst hawkish eingeschätzte Präsident der Bundesbank, Joachim Nagel, halte den Zeitpunkt für eine Zinssenkung "zu früh", da seiner Meinung nach die Inflationsaussichten nicht eindeutig seien. EZB-Präsidentin Lagarde habe die Sorge geäußert, dass ein straffer Arbeitsmarkt durch zu hohe Lohnabschlüsse die Inflation außer Kontrolle bringen könnte. Sie habe gesagt: "Es wird erwartet, dass das Lohnwachstum in den kommenden Quartalen zu einem zunehmend wichtigen Treiber der Inflationsdynamik wird."

Auf der dovishen Seite befinde sich unter anderem der portugiesische Zentralbankchef Mário Centeno, der die kommende EZB-Sitzung für einen Zeitpunkt halte, in der man durchaus eine erste Zinssenkung diskutieren könne. Anders als viele EZB-Mitglieder sei er der Meinung, dass man nicht bis zur Jahresmitte auf weitere Lohndaten warten müsse, um über Zinssenkungen zu sprechen. Für die EZB würden die Finanzmärkte von der ersten Zinssenkung schon im Juni ausgehen. Auch die HCOB Economics Abteilung erwarte die erste EZB-Zinssenkung im Juni.

In den kommenden Tagen stünden eine Reihe von wichtigen Datenveröffentlichungen bevor, kurz vor den März-Meetings der Zentralbanken. Die Zahlen zum ISM-Einkaufsmanagerindex für Februar (1.3. & 5.3.) würden Einblicke geben, ob die jüngste konjunkturelle Schwäche in der US-Wirtschaft anhalte. Arbeitsmarktdaten in den USA (JOLTS am 6.3. & Non-Farm Payrolls am 8.3.) würden zeigen, wann erste Zinssenkungen möglich sein könnten.

In der Eurozone würden die Inflationszahlen für Februar veröffentlicht. Der Nowcast der Analysten deute lediglich auf einen leichten Rückgang der Gesamtinflation und der Kerninflation hin. Besonders spannend werde auch die Industrieproduktion (am 8.3.) sein, da der damit gut korrelierende LKW-Mautindex auf Wachstum hinweise. (Ausgabe vom 29.02.2024) (01.03.2024/alc/a/a)