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Rentenmärkte bereits in sehr reifem Bullenmarkt


04.06.14 10:35
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Nach den Wahlen zum europäischen Parlament werden die alten Forderungen wieder laut: "Schluss mit Austerität! Mehr Wachstum und Beschäftigung!", so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Die Rufe würden vom Trafalgar Square bis zu den Champs Elysées, vom Forum Romanum bis zum Fuß der Akropolis schallen. Sie hätten der EZB auf ihrer Sitzung in Sintra, Portugal, Rückenwind verliehen bei der Ausrichtung ihrer bereits ultra-expansiven Geldpolitik zu noch stärkeren Lockerungen. Die Geldpolitik solle die Mängel der Fiskalpolitik ausgleichen.

Jetzt solle auch noch eine aktive Wechselkurspolitik Impulse bringen. Die Bildung neuer Blasen werde geschürt und führe zu neuen Krisen. Eine Analyse der möglichen Auswirkungen dieser Strömungen und Maßnahmen komme zu ernüchternden Ergebnissen. Sonderlich positive Effekte auf die Konjunkturentwicklung in der Europäischen Union und der Eurozone seien kaum zu erwarten. Reformen würden auf der Strecke bleiben, statt vorwärts gehe es aufs Abstellgleis.

Die Regierungen der meisten Industrieländer würden den Eindruck vermitteln, von fiskalpolitischer Disziplin ("Austerität") nicht viel zu halten. Ein ausgeglichener Haushalt und eine Rückführung der Staatsverschuldung auf die Maastrichter Stabilitätskriterien würden verpönt. Das Renteneintrittsalter werde gesenkt, obwohl der staatlichen Rentenversicherung die Insolvenz drohe.

Die Staatsquote in % des BIP steige statt zu fallen. Als Allheilmittel würden mehr quantitative Lockerungen gewünscht. Sie würden sich nicht mehr zu Milliarden, sondern zu Billionen summieren. Kreditfinanzierte Maßnahmen zur Konjunkturförderung ("deficit spending") sollten die Wende bringen, obwohl der Schuldendienst bereits astronomische Höhen erreicht habe.

In Japan habe die Staatsverschuldung von jetzt 250% des BIP nach 25 Jahren Deficit Spending und unzähligen Förderungsprogrammen keine Wende erzielt. Am erstaunlichsten sei, dass nur wenige Wissenschaftler auf die Gefahren der Finanzierung von Staatsausgaben mithilfe der Notenpresse hinweisen würden. Politiker würden mit höherer Staatsverschuldung den Weg des geringsten Widerstandes gehen, obwohl eine derartig hohe Belastung kommender Generationen unverantwortlich und unmoralisch sei (Motiv: nach mir die Sintflut).

Der Kurs der EZB stehe ganz im Dienst der Fiskalpolitik. Impulse auf die Konjunktur würden hiervon nicht ausgehen. Wer bei 0,25% nicht investiere, der tue es auch nicht bei 0,10%. Als einziger Vorteil werde für die Fiskalpolitik die Neuverschuldung erleichtert, wodurch der Reformwille aber noch weiter sinke. Solange die Kreditvergabe in der Eurozone schwach bleibe, werde die EZB ihre aktive Rolle fortsetzen.

Auswirkungen würden sich am Devisenmarkt im Rückgang des Wechselkurses EUR/USD von 1,40 auf 1,36 zeigen. Hoffentlich führe das nicht zu einem Abwertungswettlauf und einer Zunahme protektionistischer Tendenzen. Anleihenkäufe werde die EZB wohl erst dann wieder aufnehmen, wenn der EUR kräftig aufwerte. Doch das sei zumindest gegenwärtig nicht der Fall.

An den Finanzmärkten habe die Liquidität gegenüber den fundamentalen Einflussfaktoren gegenwärtig die Oberhand. Deshalb seien alle Kurse künstlich aufgebläht. Die sehr expansive Geldpolitik erhöhe in nächster Zeit die Volatilität. Aktien- und Rentenmärkte würden sich fundamental betrachtet bereits in einem sehr reifen Bullenmarkt befinden. Ob die erhoffte Dynamik bei der Entwicklung von Konjunktur und Unternehmensgewinnen eintrete, sei schon recht fraglich geworden. Das steigere die mittel- bis längerfristigen Risiken, an die in der gegenwärtigen Euphorie niemand denke. (Ausgabe vom 03.06.2014) (04.06.2014/alc/a/a)