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Rentenmärkte: Stürmische Zeiten stehen bevor


05.05.17 13:00
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - Tief durchgeatmet haben die Finanzmärkte nach der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen, so die Analysten der Weberbank.

Das Schreckensszenario für die Stichwahl, ein Duell zwischen dem rechten und dem linken politischen Extrem, konnte abgewendet werden. Entsprechend habe etwa der französische Leitindex CAC 40 gut 4,5 Prozent zugelegt, und auch der Euro habe gegenüber dem US-Dollar um rund 2 Prozent aufgewertet. Zudem sei der deutsche Leitindex DAX auf ein neues Allzeithoch geklettert. Statt des "Duells der Extreme" komme es nun am Sonntag zum Aufeinandertreffen von Marine Le Pen und dem unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron, der mit einem linksliberalen und europafreundlichen Programm ins Rennen gehe. Die Umfragen würden letzteren deutlich vorne sehen, die US-Wahl und der Brexit würden einen aber lehren, dass gerade in der heutigen Zeit politische Umwälzungen überraschen könnten. Es bleibe also ein Restrisiko bestehen, auch wenn vieles für einen Sieg Macrons spreche.

Die Analysten würden die kleine Verschnaufpause von den zahlreichen politischen Ereignissen nutzen wollen, um den fundamentalen Daten an den Aktienmärkten wieder größere Beachtung zu schenken. Denn diesseits und jenseits des Atlantiks laufe aktuell die Berichtssaison. Die europäischen Unternehmen hätten dabei bisher von ausgesprochen positiven Gewinnzuwächsen berichtet.

Auf der anderen Seite des Atlantiks hätten auch die US-Unternehmen bisher mit sehr gutem Gewinnwachstum überzeugen können und hätten sogar vorläufig das beste Ergebnis seit 2011 veröffentlicht. Insbesondere der Rohstoffsektor könne sich aufgrund der gedrosselten OPEC-Produktion profilieren, und auch Banken und IT würden sich in einem sehr guten Zustand zeigen. Im Gegensatz zum europäischen Aktienmarkt seien die US-Aktienkurse aber schon weit vorausgelaufen. Erst langsam würden sich die Gewinne diesen hohen Erwartungen angleichen. Die Analysten würden deswegen geneigt bleiben, ihre Allokation weiter in Richtung des europäischen Marktes zu verschieben.

Wenn die Analysten von der Unternehmensebene einen Schritt zurück machen und sich die makroökonomische Brille aufsetzen würden, würden sich die positiven Unternehmensdaten als weiteres Puzzleteil in ein positives Gesamtbild einfügen. In den USA habe das Wirtschaftswachstum für das erste Quartal zwar etwas enttäuscht, aber nicht nur die Analysten, sondern auch die amerikanische Zentralbank FED würden darin keinen nachhaltigen Dämpfer für den zuletzt sehr guten Wachstumspfad sehen.

Grund sei, dass ein statistischer Effekt hier maßgeblich für Verzerrungen gesorgt habe. Schaue man sich die Daten detaillierter an, sei es erfreulich zu sehen, dass die Investitionen gute Wachstumsbeiträge aufweisen würden, gerade auch im Kontext der Unsicherheit, die nach der US-Wahl groß gewesen sei. Es zeige sich somit, dass viele Unternehmen dieser Unsicherheit getrotzt hätten. Aber nicht alles sei rosig, wenn man über den Atlantik schaue. Gerade hinter einigen wirtschaftsfreundlichen Reformen, die von der US-Regierung angekündigt worden seien, stünden noch Fragezeichen, was ihre tatsächliche Umsetzung betreffe. Das schade zwar nicht direkt der guten Verfassung der US-Wirtschaft, limitiere aber derzeit zusätzliches Aufwärtspotenzial.

In Europa sei das konjunkturelle Bild ebenfalls positiv. Doch hier zeige sich ein Paradoxon: Die realen Daten würden deutlich von den Stimmungsumfragen abweichen. Letztere würden ein Wachstum um die 4 Prozent signalisieren, während das tatsächliche Wirtschaftswachstum bei rund 2 Prozent stehe. Nach Meinung der Analysten sei es zwar durchaus möglich, dass das europäische Wirtschaftswachstum positiv überrasche, aber eine Verdopplung sei derzeit nicht abzusehen. Dies allein sei schon interessant.

Wenn man es aber in den Kontext der ultralockeren Geldpolitik der europäischen Zentralbank EZB setze, werde es besonders spannend für den Rentenmarkt. Denn auf der einen Seite würden die vorgelaufenen Stimmungsumfragen Enttäuschungspotenzial bergen und auf der anderen Seite würden die Diskussionen um ein baldiges Ende der ultralockeren Geldpolitik in der Eurozone immer lauter. Das heiße, dass ausbleibende konjunkturelle Impulse die Inflation und mit ihr auch das Zinsniveau nicht nachhaltig nach oben werden drücken könnten und auf der anderen Seite Gerüchte über möglicherweise restriktivere Geldpolitik kurzfristig Zinsanstiegsdruck erzeugen könnten. Dieser Druck sollte aber wiederum von schwachen Inflationsdaten eingefangen werden.

In dieser Gemengelage sei mit hohen Schwankungen am Rentenmarkt zu rechnen. Die Analysten würden deswegen eine konservative Ausrichtung der Rentenportfolios für angemessen halten und zeitweilige Renditeanstiege nutzen, um Anleihen mit längeren Laufzeiten zu kaufen. (05.05.2017/alc/a/a)