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Rentenmärkte im Stress: Warum Zinsen bald fallen könnten
21.04.26 10:24
National-Bank AG
Essen (www.anleihencheck.de) - Der US-Iran-Krieg hat die internationalen Rentenmärkte innerhalb weniger Wochen in ein Regime erhöhter Volatilität und strukturell neu kalibrierter Zinserwartungen versetzt, so die Analysten der National-Bank AG.
Was zunächst als klassischer Angebotsschock auf den Ölmärkten erschienen sei, habe sich rasch zu einem komplexen geldpolitischen Dilemma entwickelt: Inflation und Wachstumsabschwächung würden gleichzeitig eintreffen, während Notenbanken weltweit mit bereits stark eingeschränktem Handlungsspielraum operieren würden. Zentral für den Zinsausblick dürfte - wie auch mit Blick auf die Wachstumseffekte - die Frage sein, wie lange sich die Öl- und Energiepreise auf welchem Niveau halten würden und ab wann und inwieweit eine Konvergenz zur Normalität beginnen könnte. Grundsätzlich habe der Nahost-Konflikt als derzeit dominanter Einfluss-Faktor dabei m.E. eine inhärent asymmetrische Chance-Risiko-Verteilung: Noch höhere Ölpreise würden zwar die Inflation temporär treiben, die Wachstumseffekte dürften aber wesentlich stärker sein: Spätestens bei einer globalen Rezession bräche die Nachfrage dann so stark ein, dass die Inflation kaum noch - zusätzlich - steige. Und in der Tat: Über alle Regionen hinweg seien die internationalen Rentenmärkte derzeit durch eine ungewöhnliche Konstellation gekennzeichnet: Die Renditen der Kurzläufer würden auf Inflationsängste hin steigen, Langläufer würden dagegen gedämpfter bleiben - ein sog. "Bear-Flattening", das geldpolitische Straffungserwartungen einpreise, aber gleichzeitig auf mittel- bis langfristige Wachstumssorgen verweise: Der Anleihemarkt werde also derzeit in zwei entgegengesetzte Richtungen gezogen - steigende Inflation rechtfertige höhere Zinsen am kurzen Ende, verlangsamtes Wachstum spreche mit zunehmendem Zeitbezug gegen sie.
Insgesamt dürften die Renditen ihre Top-Stände nunmehr annähernd erreicht haben, zumindest hätten sie sich bereits relativ weit von den fundamentalen Gleichgewichten der Vorkriegszeit abgekoppelt: Für die mittel- bis längerfristige Projektion des unterliegenden Preistrends in den Industrienationen zentral sei auch weiterhin der Umstand, dass sich der Auslastungsgrad insbesondere am amerikanischen Arbeitsmarkt - aber zusehends auch in Europa - weiter spürbar vermindere. Dies sei auf die Dauer entscheidend dafür, dass die Inflationsimpulse vom Lohnsetzungsprozess weiter rückläufig bleiben würden und der eigentlich ökonomisch determinierte unterliegende Preistrend weiter abwärts gerichtet bleibe. Vor allem mit Blick auf die immer stärkeren Belastungen für den privaten Sektor durch den Energiepreisschock würde der private Konsum weiter nachgeben, was den ohnehin schon zur Schwäche tendierenden Arbeitsmarkt weiter belasten würde. So würden die leistungsfähigsten Frühindikatoren für die Arbeitskräftenachfrage ungebrochen auf eine erhebliche Abschwächung der Beschäftigung hindeuten, möglicherweise beschleunige sich dieser Prozess zukünftig sogar noch, da die KI mehr und mehr Arbeitskräfte freisetze. Die US-Stundenlöhne als die primäre Hauptkomponente des unterliegenden Preistrends befänden sich jedenfalls nunmehr das dritte Jahr in Folge in einem markanten Abwärtstrend, insofern dürfte auch der unterliegende Inflationstrend bei der Kerninflation abwärtsgerichtet bleiben. Vor diesem Hintergrund würden die Analysten weiterhin davon ausgehen, dass die amerikanische Notenbank ihre Leitzinssätze zumindest perspektivisch grundsätzlich ermäßigen würde. Sie werde aber natürlich die weitere Entwicklung in Nahost zunächst noch abwarten wollen. Auf Dauer wären m.E. aber nach wie vor mindestens zwei, wenn nicht gar drei Zinssenkungen gleichgewichtig bzw. angemessen.
Somit werde die US-Notenbank - im Rahmen der voraussichtlich sukzessiven Normalisierung an den Energiemärkten - im weiteren Verlauf des Jahres voraussichtlich Zinssenkungen vornehmen, Ausmaß und Timing hingen hier aber naturgemäß vom weiteren Verlauf des Konfliktes ab. Auch die EZB werde zunächst weiter zuwarten wollen, wie sich der Ölpreisschock im Einzelnen konkret entwickle, aufgrund der geringen Kernpreiseffekte aber voraussichtlich durch die Entwicklung hindurchschauen können, zumindest im Terminszenario. Vor dem Hintergrund der chronischen Wachstumsschwächen Europas, die sich durch die vielfältigen geopolitischen und geoökonomischen Schocks noch erheblich verstärkten, scheine m.E. bereits eine Zinserhöhung schon eine hohe Hürde zu sein. Die zehnjährigen US-Renditen sollten in einer diesbezüglich entsprechend wahrscheinlichkeitsgewichteten Projektion verschiedener wirtschaftspolitischer Szenarien bzw. der jeweiligen Entwicklung der maßgeblichen Zinsdeterminanten auf Jahressicht bei Werten um 3,95% liegen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen dürfte - ebenfalls szenariobasiert - auf Jahressicht bei Werten um 2,85% liegen.
Die gesamteuropäischen Risikoprämien seien mit aktuellen Werten um 56 Basispunkten wieder deutlich unter ihre Top-Stände gefallen, die mit rund 75 Indexpunkten während des Nahost-Krieges erreicht worden seien. Bei weiterhin hoher Unsicherheit - wie oben erörtert - sähen die Analysten die Spreads auf Basis ihrer Simulationen derzeit deutlich unterhalb ihrer fairen Werte, die Risikoprämien könnten also wieder stärker steigen. Faire Werte sähen die Analysten derzeit bei knapp 65 Basispunkten. (Ausgabe vom 20.04.2026) (21.04.2026/alc/a/a)
Was zunächst als klassischer Angebotsschock auf den Ölmärkten erschienen sei, habe sich rasch zu einem komplexen geldpolitischen Dilemma entwickelt: Inflation und Wachstumsabschwächung würden gleichzeitig eintreffen, während Notenbanken weltweit mit bereits stark eingeschränktem Handlungsspielraum operieren würden. Zentral für den Zinsausblick dürfte - wie auch mit Blick auf die Wachstumseffekte - die Frage sein, wie lange sich die Öl- und Energiepreise auf welchem Niveau halten würden und ab wann und inwieweit eine Konvergenz zur Normalität beginnen könnte. Grundsätzlich habe der Nahost-Konflikt als derzeit dominanter Einfluss-Faktor dabei m.E. eine inhärent asymmetrische Chance-Risiko-Verteilung: Noch höhere Ölpreise würden zwar die Inflation temporär treiben, die Wachstumseffekte dürften aber wesentlich stärker sein: Spätestens bei einer globalen Rezession bräche die Nachfrage dann so stark ein, dass die Inflation kaum noch - zusätzlich - steige. Und in der Tat: Über alle Regionen hinweg seien die internationalen Rentenmärkte derzeit durch eine ungewöhnliche Konstellation gekennzeichnet: Die Renditen der Kurzläufer würden auf Inflationsängste hin steigen, Langläufer würden dagegen gedämpfter bleiben - ein sog. "Bear-Flattening", das geldpolitische Straffungserwartungen einpreise, aber gleichzeitig auf mittel- bis langfristige Wachstumssorgen verweise: Der Anleihemarkt werde also derzeit in zwei entgegengesetzte Richtungen gezogen - steigende Inflation rechtfertige höhere Zinsen am kurzen Ende, verlangsamtes Wachstum spreche mit zunehmendem Zeitbezug gegen sie.
Somit werde die US-Notenbank - im Rahmen der voraussichtlich sukzessiven Normalisierung an den Energiemärkten - im weiteren Verlauf des Jahres voraussichtlich Zinssenkungen vornehmen, Ausmaß und Timing hingen hier aber naturgemäß vom weiteren Verlauf des Konfliktes ab. Auch die EZB werde zunächst weiter zuwarten wollen, wie sich der Ölpreisschock im Einzelnen konkret entwickle, aufgrund der geringen Kernpreiseffekte aber voraussichtlich durch die Entwicklung hindurchschauen können, zumindest im Terminszenario. Vor dem Hintergrund der chronischen Wachstumsschwächen Europas, die sich durch die vielfältigen geopolitischen und geoökonomischen Schocks noch erheblich verstärkten, scheine m.E. bereits eine Zinserhöhung schon eine hohe Hürde zu sein. Die zehnjährigen US-Renditen sollten in einer diesbezüglich entsprechend wahrscheinlichkeitsgewichteten Projektion verschiedener wirtschaftspolitischer Szenarien bzw. der jeweiligen Entwicklung der maßgeblichen Zinsdeterminanten auf Jahressicht bei Werten um 3,95% liegen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen dürfte - ebenfalls szenariobasiert - auf Jahressicht bei Werten um 2,85% liegen.
Die gesamteuropäischen Risikoprämien seien mit aktuellen Werten um 56 Basispunkten wieder deutlich unter ihre Top-Stände gefallen, die mit rund 75 Indexpunkten während des Nahost-Krieges erreicht worden seien. Bei weiterhin hoher Unsicherheit - wie oben erörtert - sähen die Analysten die Spreads auf Basis ihrer Simulationen derzeit deutlich unterhalb ihrer fairen Werte, die Risikoprämien könnten also wieder stärker steigen. Faire Werte sähen die Analysten derzeit bei knapp 65 Basispunkten. (Ausgabe vom 20.04.2026) (21.04.2026/alc/a/a)


