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Rentenmärkte: Endlich wieder etwas Bewegung


14.08.20 10:22
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Gemessen an dem Stillstand, der in den vergangenen Wochen an den Rentenmärkten zu beobachten war, ist jetzt Leben in den Markt für Staatsanleihen gekommen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.

Die Renditen in den USA seien im zehnjährigen Segment um immerhin 15 BP auf 67 BP gestiegen. Das sei der höchste Wert seit Anfang Juni. Bei den entsprechenden Bunds falle der Anstieg um 5 BP auf-45 BP etwas bescheidener aus, sei vom Ausmaß her aber auch hervorhebenswert. Einhergegangen sei dieser Anstieg damit, dass der S&P 500 beinahe wieder sein Allzeithoch vom Januar 2020 erreicht habe. Beim DAX sei die Euphorie nicht ganz so groß, aber hier habe man zuletzt die kritische 13.000er Marke überschritten.

Auffällig sei außerdem der starke Rückgang beim Goldpreis auf deutlich unter die Marke von 2000 US-Dollar/Feinunze gewesen. Grundsätzlich sei dieser Preisrückgang konsistent mit dem Renditeanstieg bei den US- und deutschen Staatsanleihen. So könnten diese Entwicklungen als das Ergebnis einer steigenden Risikofreude interpretiert werden. Gold sei in einer derartigen Situation nicht mehr so stark als sicherer Hafen gefragt.

Allerdings dürfe man Zweifel daran haben, ob die fundamentale wirtschaftliche Entwicklung diese höhere Risikofreude und insbesondere die Erwartungen an das US-Wachstum rechtfertigen würden. So hätten sich Demokraten und Republikaner in den USA immer noch nicht auf eine Verlängerung der zusätzlichen Unterstützungszahlungen für Arbeitslose geeinigt. Stattdessen habe Präsident Donald Trump per Dekret u.a. verfügt, dass die Unterstützung nunmehr 300 US-Dollar/Woche betragen solle statt der bisherigen 600 US-Dollar/Woche.

Unklar sei, ob dieses Dekret rechtmäßig sei und ob es noch von den Demokraten geblockt werden könne bzw. werde. In jedem Fall sinke die Unterstützung für die privaten Haushalte und das werde negative Effekte für den Konsum haben, der üblicherweise der wichtigste Treiber für das Wachstum in den USA sei. Immerhin habe die zusätzliche Unterstützung für die Monate April bis Juli rund 250 Mrd. US-Dollar bzw. rund 4% des annualisierten BIP betragen.

Derweil habe der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden bekannt gegeben, dass in seiner Regierung die kalifornische Senatorin Kamala Harris das Amt der Vizepräsidentin besetzen würde. Wirtschaftspolitisch könne Harris dem moderaten Flügel der Demokraten zugerechnet werden, sodass die für amerikanische Verhältnisse radikaleren Ideen eines Bernie Sanders - hierzulande würde man die meisten seiner Vorschläge als sozialdemokratisch bezeichnen - im Fall eines Wahlsieges wenig Chance auf Verwirklichung haben würden. Für die meisten Unternehmen sei das beruhigend und aus der Perspektive der Rentenmärkte eine Nachricht, die die Bond-Kurse eher sinken als steigen lasse.

Die deutsche Politik habe an den europäischen Rentenmärkten auch eine Rolle gespielt. Die Nachricht, dass die Sozialdemokraten im kommenden Jahr mit Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten in den Wahlkampf ziehen würden, sei aus konjunktureller Sicht positiv zu werten, da damit im Fall eines Linksbündnis' großangelegte Steuererhöhungen weniger wahrscheinlich seien, als wenn ein Vertreter des linken Spektrums in der SPD zum Zuge gekommen wäre.

Global und in Deutschland bereite der weitere Anstieg der Covid-19-Infektionsraten Sorgen. Nach Meinung der Analysten würden die höheren Infektionszahlen die Weltwirtschaft nicht erneut einbrechen lassen, aber den Aufschwung verlangsamen. Die meisten Regierungen würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um einen umfassenden Lockdown zu verhindern. Abstands- und Hygieneregeln würden jedoch weiterhin Bestand haben und damit das Wachstum bremsen. In diesem Umfeld würden die Kapazitäten unterausgelastet und die Inflation niedrig bleiben. Vor diesem Hintergrund sei auch nicht mit nachhaltig steigenden Renditen zu rechnen.

In den nächsten Tagen könnten einige Konjunkturdaten für die Eurozone, darunter die Arbeitslosenrate in Frankreich und die zweite Schätzung des BIP der Währungsunion, Aufschluss über die Robustheit der Erholung geben. Im Vordergrund sollte aber in diesen Zeiten stets die Infektionsentwicklung stehen, die weiterhin die beste Indikation für den weiteren konjunkturellen Verlauf darstellen dürfte. Das gelte auch für die USA, wo unter anderem die Industrieproduktion und die Einzelhandelsumsätze veröffentlicht würden. Aussagekräftiger sollten die Zahlen aus China sein, wo ebenfalls Industrieproduktion und der Umsatz im Einzelhandel dokumentiert würden. Hier scheine man die Corinaausbreitung nach einem kurzen Aufflackern erneut in den Griff bekommen zu haben. Bislang bleibe für China das Szenario einer V-Erholung intakt. (Ausgabe vom 13.08.2020) (14.08.2020/alc/a/a)