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Renten: Vorübergehend Kasse halten ist kein Fehler


13.07.15 08:30
Weberbank

Berlin (www.anleihencheck.de) - In den ersten Tagen nach dem klaren Abstimmungs-"Nein" der Griechen zu den Reformauflagen der Gläubiger konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich die Verhandlungspartner einigermaßen ratlos zeigten, wie Griechenland nun noch vor der Staatspleite bzw. dem Grexit gerettet werden könnte, so die Analysten der Weberbank.

Doch eines hätten die Analysten im Laufe der Griechenlandkrise gelernt: Nach dem Ultimatum sei vor dem Ultimatum. Immer wenn die Analysten gedacht hätten, jetzt stünde aber das definitiv letzte Ultimatum an, habe es doch noch einen weiteren Termin gegeben, der dann als "ultimatives" Ultimatum gesehen worden sei. Hintergrund sei natürlich, dass es sich bei der Griechenlandkrise mitnichten um ein rein finanzwirtschaftliches Problem handele.

Selbst wenn die geschätzten über 300 Mrd. Euro griechischer Schulden abgeschrieben werden müssten, würde das wahrscheinlich über lange Zeit gestreckt stattfinden und die Weltwirtschaft nicht in den Abgrund reißen. Vielmehr gebe es gewaltige politische Interessen, das Land an der Ostflanke der EU auf keinen Fall zu verlieren. Nicht zuletzt die USA würden hier Druck machen.

Ein "fauler" Kompromiss sei also immer noch im Bereich des Möglichen. Auch die Analysten würden gespannt bleiben, wie sich die Situation weiter entwickele. Überschattet von der Griechenlandthematik seien erneut gute Volkswirtschaftszahlen aus den USA und dem übrigen Europa gemeldet worden. In Übersee zeige sich weiterhin ein erfreulicher Stellenaufbau, und die Arbeitslosenquote erreiche mit 5,3% ein Niveau, welches nur noch um Haaresbreite über der von der US-Notenbank als Vollbeschäftigung angesehenen Quote liege.

Der dortige Immobilienmarkt gewinne wieder an Dynamik, und die Stimmung sowohl im Verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungssektor habe sich wieder verbessert. Lediglich die Auftragseingänge der Unternehmen würden sich nach wie vor enttäuschend zeigen. Dieses Phänomen würden die Analysten aber auch in Europa beobachten. Auch hier würden die Auftragseingänge verhalten bleiben. Gleichzeitig würden die übrigen volkswirtschaftlichen Kennzahlen durchaus zu gefallen wissen. Insbesondere die Einzelhandelszahlen würden auf ganzer Linie überzeugen. Und auch die Stimmung in der Industrie, gemessen an den Einkaufsmanagerumfragen, sei nach wie vor gut.

In den Schwellenländern suche man dagegen momentan vergeblich nach Verbesserungen. Russland und Brasilien würden sich in der Rezession befinden. Und selbst in China laufe es im Moment nicht ganz rund. Die jüngsten Zinssenkungen der dortigen Zentralbank würden darauf hindeuten, dass man sich auch im Reich der Mitte um die Konjunktur sorge. Zwar geschehe dies alles auf einem hohen Niveau - immerhin liege das Wirtschaftswachstumsziel bei 7% - aber die frühere Konjunkturlokomotive wolle nun auch durch Stützungsmaßnahmen am Laufen gehalten werden.

Sowohl Aktien- als auch Renteninvestoren, würden im Moment sicherlich keinen Fehler machen, wenn sie vorübergehend eine erhöhte Kassequote halten würden. Zu unsicher sei die weitere Entwicklung um Griechenland, und zu wenig würden die guten Konjunkturdaten der Eurozone im Moment beachtet. Losgelöst davon würden europäische und japanische Unternehmen im Moment mit sehr guten Ergebniserwartungen glänzen, während die Analysten ihre Ergebnisschätzungen für amerikanische Unternehmen vor der Berichtssaison zum zweiten Quartal zurückgenommen hätten.

Die Krux sei also, dass sich rein fundamental ein Investment in europäische Aktien empfehle, das Zentrum der Griechenlandkrise jedoch genau hier zu finden sei. Japan biete den Vorteil steigender Gewinnschätzung bei gleichzeitig großem Abstand zu Europa und könne einem Portfolio dadurch aktuell durchaus beigemischt werden.

Auch Renteninvestoren sollten derzeit über eine vorübergehend höhere Kasse nachdenken. Zwar seien beispielsweise die Renditeaufschläge für Unternehmensanleihen zuletzt wieder attraktiver geworden. Griechenland könnte sie allerdings vorübergehend weiter erhöhen. Gleiches gelte auch für Hochzinsanleihen. Auch hier gebe es also die Situation, dass die fundamentale Attraktivität vor dem Hintergrund niedriger Ausfallraten und attraktiverer Risikoaufschläge ein Investment angeraten erscheinen lasse, die griechische Krise aber genau gegenteiliges Handeln empfehle.

Hoffen wir, dass wir uns bei der nächsten Anlagestrategie allein auf Fundamentaldaten konzentrieren können, so die Analysten der Weberbank. Realistisch erscheine diese Hoffnung jedoch nicht. Denn nach dem Ultimatum sei vor dem Ultimatum. (Ausgabe vom 10.07.2015) (13.07.2015/alc/a/a)