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Renten: Corona lässt die Märkte noch nicht los


19.06.20 08:45
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der deutschen und amerikanischen Staatsanleihen haben sich in den letzten Tagen marginal nach oben bewegt, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Nachdem am Ende der vergangenen Woche die Angst vor einer zweiten Corona-Welle die Aktienkurse noch in den Keller geschickt habe und auch die Staatsanleihe-Renditen leicht unter Abwärtsdruck gesetzt hätten, hätten freundliche Konjunkturdaten aus den USA in der laufenden Woche wieder für etwas bessere Stimmung gesorgt. So seien die Einzelhandelsumsätze im Mai um 17,7% gegenüber dem Vormonat gestiegen. Sie lägen zwar immer noch 6% unter dem Niveau des Vorjahres, aber hätten doch viele Marktteilnehmer positiv überrascht. Sorgen sollte man sich aber dennoch um den amerikanischen Verbraucher machen. Denn derzeit würden Arbeitslose eine Sonderzahlung von 600 US-Dollar pro Woche erhalten, die allerdings Ende Juli auslaufe.

Auf Seiten der Republikaner sei die Bereitschaft offensichtlich gering, diese Zahlung zu verlängern. FED-Chef Jerome Powell habe bei seinen Anhörungen vor Ausschüssen des Kongresses in dieser Woche davor gewarnt, den fiskalischen Impuls zu früh wieder zurückzufahren. Das weiße Haus argumentiere, dass diese Sonderzahlung Arbeitslose davon abhalte, wieder Arbeit aufzunehmen. Man diskutiere deswegen, diese Zahlung in eine Bonuszahlung umzuwidmen, die an diejenigen ausgezahlt würde, die wieder in Lohn und Brot kämen. Für die Konjunktur könne sich das Ende der Sonderzahlungen zumindest kurzfristig als erhebliches Risiko herausstellen, denn der Wirtschaft würden dadurch über den Daumen rund 20 Mrd. US-Dollar pro Monat fehlen, was in annualisierter Rechnung 0,4% des BIP entspricht und den erwarteten Aufschwung erheblich dämpfen würde.

In Deutschland sorge der im Kabinett genehmigte Nachtragshaushalt für eine gewisse Zuversicht. An Geld werde es in jedem Fall nicht fehlen, wenn es darum gehe, staatlicherseits der Konjunktur zu helfen. Die Neuverschuldung liege bei 218,5 Mrd. Euro und sie solle laut des beigefügten Tilgungsplans innerhalb von 20 Jahren abgebaut werden. Die Mehrausgaben, die sich auch auf das nächste Jahr erstrecken würden, würden sich auf rund 150 Mrd. Euro belaufen und davon seien 70 Mrd. Euro öffentliche Investitionen. Hiervon dürfe man sich in der Tat einen positiven Impuls für die Konjunktur erwarten. Die Konjunktur der Eurozone werde aber auch von dem geplanten Wiederaufbaufonds abhängen. Darüber würden die EU-Staatsund Regierungschefs am Freitag (19. Juni) beraten.

In den nächsten Tagen sei auf den ifo-Geschäftsklimaindex zu achten (24.06.) sowie auf die PMI-Einkaufsmanagerindices der Eurozone (23.06.). Diese Frühindikatoren seien seit Mai im Erholungsmodus, würden sich aber vom Niveau her immer noch in einem rezessiven Bereich befinden. So würden sich beispielsweise die PMI-Indices für den Dienstleistungssektor in den vier großen Euroländern im Bereich von 30 Punkten bewegen, also etwa 20 Punkte unter der Expansionsgrenze. Es sei zu erwarten, dass die Lockerungsmaßnahmen zu einem weiteren Anstieg der Indices führen würden.

Die bange Frage sei, wie stark letztlich die Aktivität sich in den kommenden Monaten an das Normalniveau annähern werde. Der jüngste Corona-Ausbruch in Rheda-Wiedenbrück/Niedersachsen zeige, wie fragil die Situation immer noch sei. Die rasche Rückkehr zur Normalität sei unter diesen Umständen nicht möglich. Das erfahre auch China, nachdem es in Peking in den vergangenen Tagen wieder zu einer Häufung von neuen Infektionen gekommen sei. Das Thema Corona werde kurz- und mittelfristig ganz oben auf der Agenda bleiben und im Zweifel würden die täglichen Infektionszahlen wichtiger sein als die oft veraltet erscheinenden monatlichen Konjunkturindikatoren. (Ausgabe vom 18.06.2020) (19.06.2020/alc/a/a)