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Renditeanstieg: Überreaktion?
24.02.23 09:55
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen der deutschen Staatsanleihen sind erneut gestiegen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.
Drei Wochen seien die Renditen durchgehend nach oben gegangen. Die zehnjährigen Bunds würden jetzt bei 2,54% und die entsprechenden T-Notes bei 3,96% rentieren. Anhand der Terminmärkte lasse sich feststellen, dass die Anleger mittlerweile eine Anhebung des EZB-Einlagenzinses auf knapp 3,75% für möglich halten würden, vor ein paar Wochen habe dieser Wert etwa 50 BP niedriger gelegen. Auch die FED Fund Futures lägen höher und würden Zinsanhebungen auf 5,25% bis 5,50% implizieren.
Vor diesem Hintergrund habe sich Francois Villeroy de Galhau, der französische Notenbankpräsident gestern (22.02.) zu Wort gemeldet. Die Märkte hätten ein wenig überreagiert. Wörtlich habe de Galhau gesagt, die EZB müsse nicht auf jeder Zinssitzung bis September die Zinsen anheben. Isabell Schnabel hingegen, die im Direktorium der EZB sitze, habe vor einigen Tagen darauf hingewiesen, dass die Finanzmärkte die Entschlossenheit der EZB möglicherweise unterschätzen würden. Es könne gut sein, dass die EZB energischer handeln müsse.
Die Inflationszahlen aus Deutschland seien nunmehr mit neuen Gewichten im Warenkorb veröffentlicht worden (Januar: 8,7%/ Kernrate: 5,6%, beide ggü. Vormonat gestiegen). Demnach sei die Inflation im vergangenen Jahr um rund ein Prozentpunkt niedriger ausgefallen als gemäß der Berechnung mit den bisher verwendeten Gewichten. Als neue Basis hätte Destatis eigentlich das Jahr 2020 gemäß den bisherigen Regeln verwenden müssen. Da sich durch Corona die Gewichte im Warenkorb im Jahr 2020 jedoch in drastischer Weise verschoben hätten und die Effekte nicht dauerhaft anhalten dürften, habe man die durchschnittlichen Gewichte der Jahre 2019 bis 2021 gewählt.
Im Ergebnis sei es so, dass etwa die Energiekomponente niedriger ausfalle als in der bisherigen Berechnung. Dies sei daher ein wichtiger Erklärungsfaktor dafür, dass die Inflation nunmehr niedriger liege. Interessant auch, dass die Energiepreise trotz Preisbremsen und Rückgängen der Preise an den Futuremärkten für die privaten Haushalte weiterhin gestiegen seien. So habe die Jahresrate der Inflation für Haushaltsenergie, das sei hauptsächlich Strom und Gas, im Januar bei 36,5% nach 30,6% im Dezember gelegen. Für die Inflation der Eurozone habe die Umstellung keine Konsequenzen, da die Gewichte im harmonisierten Index jährlich (und nicht wie beim nationalen Index alle fünf Jahre) umgestellt würden.
Wichtig für die EZB sei, dass die harmonisierte Kernrate der Inflation Deutschlands gefallen sei, von 5,4% auf 5,1%. An der grundsätzlichen Diskussion, die weiter oben thematisiert worden sei, werde dies vermutlich kurzfristig jedoch nichts ändern. Denn hier würden noch weitere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu würden die Lohnverhandlungen im Öffentlichen Dienst für Kommunen und den Bund in Deutschland gehören. Die Gewerkschaft ver.di fordere insgesamt 14% mehr Lohn. Gut möglich, dass diese Verhandlungsrunde (22.-23.02.) ebenfalls scheitere. Dann dürfte es weitere Warnstreiks geben, bevor am 28. und 29.03. die letzte Lohnrunde stattfinden würde.
Im Zusammenhang mit der Inflation sei derzeit zu beobachten, dass in britischen Supermärkten bestimmte Gemüsesorten knapp würden. Tomaten, Gurken und Paprika seien kaum noch zu finden, was mit wetterbedingt schlechten Ernten in Spanien und Marokko zu tun habe. Deutsche Tiefkühlkosthersteller würden ebenfalls über den Mangel klagen. Dazu komme, dass etwa in den Niederlanden Gewächshäuser wegen der hohen Energiekosten die Temperaturen gedrosselt oder die Produktion vorübergehend eingestellt hätten. Kurzfristig könnte sich diese Entwicklung in höherer Inflation oder langsamer sinkender Inflation niederschlagen.
Konjunkturell habe es gestern (22.03.) den vierten Anstieg des ifo-Index in Folge gegeben. Das sei eigentlich ein überzeugendes Signal, dass es mit der Konjunktur aufwärts gehe. Die Bundesbank sei dennoch davon überzeugt, dass sich Deutschland in einer technischen Rezession befinde. Sie erwarte nach dem negativen Wachstum in Q4/2022 ein weiteres Quartal mit einem negativen Vorzeichen, bevor es dann wieder nach oben gehe. Diese Erwartung sei nicht abwegig, denn wenn man sich den ifo-Index genau anschaue, sei festzustellen, dass zwar die Erwartungen der befragten Unternehmen kräftig gestiegen seien, die aktuelle Lage aber schon zwei Monate in Folge eher schlechter beurteilt werde.
Morgen (24.02.) sei der Jahrestag des Überfalls der Ukraine durch Russland. Ein Ausweg sei nicht in Sicht. Die angebliche Friedensinitiative von China lasse auf sich warten, gleichzeitig gebe es Warnungen der USA an China, nicht Waffen an Russland zu liefern. Kaum jemand erwarte, dass der Krieg in diesem Jahr beendet werde. Das werde weiterhin auf die Menschen und die Märkten lasten.
Datenseitig gebe es nächste Woche zwei Highlights, die Inflationsdaten für die Eurozone für Februar (02.03.) und die US-Arbeitsmarktdaten, ebenfalls für Februar (03.03.). Außerdem würden die endgültigen Zahlen der PMI Einkaufsmanagerindices unter anderem für die Eurozone veröffentlicht (Verarbeitendes Gewerbe am 01.03. und Dienstleistungen am 03.03.). Die PMI-Schnellschätzungen für die Eurozone, Deutschland und Frankreich hätten gemischt ausgesehen: Die PMI für das Verarbeitende Gewerbe seien gefallen, die für den Dienstleistungssektor gestiegen. Die Märkte würden morgen außerdem noch auf die PCE-Inflation aus den USA für Januar schauen. Die PCE-Kernrate sei zuletzt auf 4,4% gefallen. (Ausgabe vom 23.02.2023) (24.02.2023/alc/a/a)
Drei Wochen seien die Renditen durchgehend nach oben gegangen. Die zehnjährigen Bunds würden jetzt bei 2,54% und die entsprechenden T-Notes bei 3,96% rentieren. Anhand der Terminmärkte lasse sich feststellen, dass die Anleger mittlerweile eine Anhebung des EZB-Einlagenzinses auf knapp 3,75% für möglich halten würden, vor ein paar Wochen habe dieser Wert etwa 50 BP niedriger gelegen. Auch die FED Fund Futures lägen höher und würden Zinsanhebungen auf 5,25% bis 5,50% implizieren.
Vor diesem Hintergrund habe sich Francois Villeroy de Galhau, der französische Notenbankpräsident gestern (22.02.) zu Wort gemeldet. Die Märkte hätten ein wenig überreagiert. Wörtlich habe de Galhau gesagt, die EZB müsse nicht auf jeder Zinssitzung bis September die Zinsen anheben. Isabell Schnabel hingegen, die im Direktorium der EZB sitze, habe vor einigen Tagen darauf hingewiesen, dass die Finanzmärkte die Entschlossenheit der EZB möglicherweise unterschätzen würden. Es könne gut sein, dass die EZB energischer handeln müsse.
Die Inflationszahlen aus Deutschland seien nunmehr mit neuen Gewichten im Warenkorb veröffentlicht worden (Januar: 8,7%/ Kernrate: 5,6%, beide ggü. Vormonat gestiegen). Demnach sei die Inflation im vergangenen Jahr um rund ein Prozentpunkt niedriger ausgefallen als gemäß der Berechnung mit den bisher verwendeten Gewichten. Als neue Basis hätte Destatis eigentlich das Jahr 2020 gemäß den bisherigen Regeln verwenden müssen. Da sich durch Corona die Gewichte im Warenkorb im Jahr 2020 jedoch in drastischer Weise verschoben hätten und die Effekte nicht dauerhaft anhalten dürften, habe man die durchschnittlichen Gewichte der Jahre 2019 bis 2021 gewählt.
Wichtig für die EZB sei, dass die harmonisierte Kernrate der Inflation Deutschlands gefallen sei, von 5,4% auf 5,1%. An der grundsätzlichen Diskussion, die weiter oben thematisiert worden sei, werde dies vermutlich kurzfristig jedoch nichts ändern. Denn hier würden noch weitere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu würden die Lohnverhandlungen im Öffentlichen Dienst für Kommunen und den Bund in Deutschland gehören. Die Gewerkschaft ver.di fordere insgesamt 14% mehr Lohn. Gut möglich, dass diese Verhandlungsrunde (22.-23.02.) ebenfalls scheitere. Dann dürfte es weitere Warnstreiks geben, bevor am 28. und 29.03. die letzte Lohnrunde stattfinden würde.
Im Zusammenhang mit der Inflation sei derzeit zu beobachten, dass in britischen Supermärkten bestimmte Gemüsesorten knapp würden. Tomaten, Gurken und Paprika seien kaum noch zu finden, was mit wetterbedingt schlechten Ernten in Spanien und Marokko zu tun habe. Deutsche Tiefkühlkosthersteller würden ebenfalls über den Mangel klagen. Dazu komme, dass etwa in den Niederlanden Gewächshäuser wegen der hohen Energiekosten die Temperaturen gedrosselt oder die Produktion vorübergehend eingestellt hätten. Kurzfristig könnte sich diese Entwicklung in höherer Inflation oder langsamer sinkender Inflation niederschlagen.
Konjunkturell habe es gestern (22.03.) den vierten Anstieg des ifo-Index in Folge gegeben. Das sei eigentlich ein überzeugendes Signal, dass es mit der Konjunktur aufwärts gehe. Die Bundesbank sei dennoch davon überzeugt, dass sich Deutschland in einer technischen Rezession befinde. Sie erwarte nach dem negativen Wachstum in Q4/2022 ein weiteres Quartal mit einem negativen Vorzeichen, bevor es dann wieder nach oben gehe. Diese Erwartung sei nicht abwegig, denn wenn man sich den ifo-Index genau anschaue, sei festzustellen, dass zwar die Erwartungen der befragten Unternehmen kräftig gestiegen seien, die aktuelle Lage aber schon zwei Monate in Folge eher schlechter beurteilt werde.
Morgen (24.02.) sei der Jahrestag des Überfalls der Ukraine durch Russland. Ein Ausweg sei nicht in Sicht. Die angebliche Friedensinitiative von China lasse auf sich warten, gleichzeitig gebe es Warnungen der USA an China, nicht Waffen an Russland zu liefern. Kaum jemand erwarte, dass der Krieg in diesem Jahr beendet werde. Das werde weiterhin auf die Menschen und die Märkten lasten.
Datenseitig gebe es nächste Woche zwei Highlights, die Inflationsdaten für die Eurozone für Februar (02.03.) und die US-Arbeitsmarktdaten, ebenfalls für Februar (03.03.). Außerdem würden die endgültigen Zahlen der PMI Einkaufsmanagerindices unter anderem für die Eurozone veröffentlicht (Verarbeitendes Gewerbe am 01.03. und Dienstleistungen am 03.03.). Die PMI-Schnellschätzungen für die Eurozone, Deutschland und Frankreich hätten gemischt ausgesehen: Die PMI für das Verarbeitende Gewerbe seien gefallen, die für den Dienstleistungssektor gestiegen. Die Märkte würden morgen außerdem noch auf die PCE-Inflation aus den USA für Januar schauen. Die PCE-Kernrate sei zuletzt auf 4,4% gefallen. (Ausgabe vom 23.02.2023) (24.02.2023/alc/a/a)


