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Quantitatives Tightening verursacht Risiken


03.02.22 15:45
Edmond de Rothschild Asset Management

Paris (www.anleihencheck.de) - Die globalen Märkte sind geprägt von anhaltenden Spannungen bei den Realzinsen. "Das beobachten wir insbesondere in den USA, ausgelöst durch eine Verschärfung der Haltung der Federal Reserve (FED), aber auch durch die Ankündigung einer wahrscheinlichen Umsetzung einer quantitativen Tightening-Politik (Reduzierung der Bilanz der Zentralbank)", sagt Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer von Edmond de Rothschild Asset Management.

Für den Experten bleibe dabei die Inflationsfrage weiter offen. Anfang Oktober letzten Jahres hätten die Märkte für 2022 nur eine Zinsanhebung der FED erwartet. Inzwischen werde über vier geredet. "Wir können nicht ausschließen, dass Anleger noch weitere Anhebungen erwarten, da sowohl die FED als auch die Joe Biden-Regierung einen deutlich antiinflationären Ton angeschlagen haben. Es ist jedoch möglich, sogar wahrscheinlich, dass der Großteil der Anpassungen bereits stattgefunden hat", ordne Melman die Lage ein.

"Jedoch sollte berücksichtigt werden, dass die FED ihr geldpolitisches Straffungsprogramm erneut nach oben korrigieren muss, sollte sich die Inflation nicht wie erwartet verlangsamen", beobachte der Experte. Der französische Asset Manager rechne allerdings mit einer Entspannung der Inflation mit der Verringerung der Lieferengpässe, die wahrscheinlich bereits bei einigen Gütern begonnen habe. "Der Anstieg der Löhne in den USA wird allerdings weiter anhalten", sei Melman überzeugt.

Das quantitative Tightening, das die FED für die kommenden Monate angekündigt habe, sei keine gute Nachricht. "Denn aus der Sicht der Zentralbank, die feststellt, dass es zu viel Liquidität gibt und die finanziellen Bedingungen weiterhin sehr akkommodierend sind, ist der Wunsch verständlich, die Zinsen nicht zu abrupt zu straffen und andere "einfache" Instrumente zu nutzen, um die geldpolitische Straffung zu beschleunigen", so Melman.

Doch wie die FED selbst im Protokoll ihres letzten geldpolitischen Ausschusses feststelle, seien die Auswirkungen einer Zinserhöhung besser zu kontrollieren als das quantitative Tightening. "Die ausgezeichnete Widerstandsfähigkeit des US-Kreditmarktes in dieser Korrektur passt nicht zur Aussicht auf einen Rückgang der Liquidität, da die Spreads von Unternehmensanleihen besonders empfindlich auf dieses Phänomen reagieren. 2018 litten die Spreads schon sehr früh, schon vor den Aktienmärkten, unter dieser geldpolitischen Maßnahme. Anders ausgedrückt: Das quantitative Tightening bleibt unserer Meinung nach ein Risikofaktor, der genau beobachtet werden sollte", urteile der Experte.

In den letzten Tagen sei laut Melman die Eskalation der Spannungen zwischen Russland und dem Westen um die Ukraine zu den Sorgen der Anleger hinzugekommen: "Die Krise in der Ukraine lässt die Risikoprämien mit den zunehmend schärfer werdenden amerikanischen und englischen Reden über die unmittelbare Invasion steigen." Melman sehe die Stärke der Energieabhängigkeit Europas von Russland im Vordergrund, sollten massive Sanktionen gegen das Land verhängt werden: "Das wird eine zentrale Frage für Anleger, da die Preise bereits sehr instabil sind."

Insgesamt gehe Edmond de Rothschild jedoch davon aus, dass die Aktienmärkte ihren Aufwärtstrend weiter fortsetzen würden und viele schlechte Nachrichten bereits eingepreist worden seien. Deswegen würden sie ihr Exposure an den Aktienmärkten aufrecht halten.

"Wir hatten bereits vor einigen Wochen den Anstieg der Volatilität im Zusammenhang mit der Normalisierung der amerikanischen Geldpolitik erwartet und dass die Aktienmärkte an starkem Wachstum weiter zunehmen dürften, zumal die Erwartungen an die Gewinnerhöhungen relativ moderat sind. Jetzt, da einige große Länder die Aufhebung der Eindämmungsmaßnahmen planen und die Frage des Höhepunkts der Pandemie gestellt wird, sind wir von diesem Szenario noch mehr überzeugt. Wir sind jedoch nicht davon überzeugt, dass es schon an der Zeit ist, das Risiko in den Portfolios zu erhöhen", so Melman.

"Angesichts der Lockerungsmaßnahmen der chinesischen Wirtschaftspolitik und der Indikatoren, die eine leichte Erholung belegen, haben wir unser Exposure in chinesische Aktien erhöht. Es handelt sich um eine taktische Strategie, da viele Unsicherheiten fortbestehen; insbesondere die Dauer der "Null-Covid"-Politik oder das Eindringen politischer Doktrinen in den Geschäftsverlauf. Wir sind jedoch der Ansicht, dass China, da es das einzige Land ist, das sich den Luxus einer Lockerung der Wirtschaftspolitik leisten kann, ein Diversifizierungspotenzial bietet."

Demgegenüber reduziere Edmond de Rothschild die Gewichtung von Investment Grade-Anleihen sowie US-amerikanischen Hochzinsanleihen. "Wir sind der Ansicht, dass der Markt für Unternehmensanleihen am empfindlichsten auf die Problematik des Rückgangs der globalen Liquidität reagieren wird", so Melman. (03.02.2022/alc/a/a)