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Powell, der Falke
15.12.22 16:30
Hamburg Commercial Bank
Hamburg (www.anleihencheck.de) - Im Vorfeld der Zinsentscheidungen dieser Woche (FED am 14.12. / EZB und BoE heute, 15.12.) sind die langfristigen US-Renditen gestiegen, um dann in Reaktion auf die gestrige FED-Sitzung wieder zu fallen, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank.
Derzeit würden die zehnjährigen T-Notes bei 3,47% rentieren. Bei den Bunds sei der Rückgang der Renditen in Reaktion auf die FED-Sitzung etwas milder ausgefallen. Derzeit würden die zehnjährigen Bunds bei 1,94% rentieren.
Die gestrige US-Notenbanksitzung sei nur auf den ersten Blick erwartungsgemäß verlaufen. So habe die FED den Leitzins um 0,5 Pp auf 4,25 bis 4,50% angehoben und somit das gemacht, was die Finanzmärkte antizipiert hätten. Jedoch hätten die FED-Mitglieder neue Projektionen veröffentlicht, die die sogenannte "terminal rate" - also das höchste Niveau, bis zu dem die FED den Leitzins anheben werde - im kommenden Jahr bei 5,1% sehen. Das sei deutlich höher als die bisherige Projektion von 4,6% und mehr als die Märkte erwartet hätten. Außerdem habe Powell keinen Anlass zu dem von den Märkten bislang eingepreisten Szenario gegeben, man werde schon im nächsten Jahr beginnen, die Zinsen wieder zu senken. Denn die FED-Mitglieder würden im Median davon ausgehen, dass die PCE-Kerninflation 2023 auf 3,5% sinken werde, womit die Damen und Herren des Geldes pessimistischer als im September seien, als sie noch einen Rückgang auf 3,1% für möglich gehalten hätten. Interessant sei in diesem Zusammenhang die Äußerung von FED-Präsident Powell gewesen, der darauf hingewiesen habe, dass es für ihn auf die Inflation bei den Dienstleistungen ohne Mieten ankomme. Zwar sei die FED erfreut darüber, dass die Inflation insgesamt gesunken sei, aber dies sei in erster Linie das Ergebnis von Preisrückgängen im Energiebereich und bei Gütern, die von der Entspannung bei den Lieferketten profitiert hätten. Und bei den Mieten könne man auch Mitte nächsten Jahres mit einem Rückgang der Inflation rechnen. Kaum Entspannung hätte es aber bei den genannten Dienstleistungen gegeben und diese würden etwa die Hälfte der Kernrate der Inflation ausmachen. Hier würden die Lohnentwicklung und der angespannte Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle spielen.
Erneut habe Powell in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es 4 Millionen mehr offene Stellen gäbe als Arbeitslose, die diese Stellen besetzen könnten. Außerdem habe der Notenbankchef an die Beschleunigung bei der Lohnentwicklung erinnert, die man im November gesehen habe.
Die Projektionen würden davon ausgehen, dass die Arbeitslosenrate, die derzeit bei 3,7% liege, 2023 auf 4,6% steigen könnte (bisherige Prognose: 4,4%). Powell erachte das aber immer noch als einen relativ gut ausgelasteten Arbeitsmarkt. Die Kosten, die gesellschaftlich mit dem Anstieg der Arbeitslosenrate verbunden seien, gewichte Powell niedriger als die Kosten, die mit einem Scheitern beim Bekämpfen der Inflation einhergehen würden.
Insgesamt habe Powell daher keinen Zweifel daran gelassen, dass die FED lieber eine Rezession riskiere, als Gefahr zu laufen, dass die Inflationserwartungen sich auf einem höheren Niveau verfestigen würden, was es dann umso schwerer machen würde, wieder Preisstabilität herzustellen. Mit dieser Sitzung sei eine Senkung der Leitzinsen im nächsten Jahr unwahrscheinlicher geworden. Die Analysten der Hamburg Commercial Bank hätten bislang in ihrer Prognose zwei Zinssenkungen 2023 berücksichtigt, bevor dann eine lange Pause eingelegt werde, da die Inflation nach ihrem Erachten höher bleibe als erwartet.
Werde die EZB bei ihrer heutigen Sitzung ähnlich argumentieren? Vermutlich ja, aber es sei auch möglich, dass sich die Falken in der EZB durchsetzen und es heute doch zu einem 75 BP-Schritt komme. Falls das Zinstempo auf 50 BP reduziert werde und der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,50% lande, dürfte Notenbankchefin Christine Lagarde aber deutlich machen, dass man längst noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sei. Tatsächlich sei die Gefahr, dass die Inflation noch nicht ihren Höhepunkt gesehen habe, in der Eurozone ungleich höher als in den USA. Zu berücksichtigen sei unter anderem, dass die Strom- und Gaspreise zum Jahreswechsel zum Beispiel in Deutschland und Frankreich deutlich steigen würden, trotz der administrativen Eingriffe. In Deutschland lägen die Strom- und Gaspreisbremsen im Schnitt deutlich über den Preisen aus den Altverträgen und in Frankreich sei es den Versorgern erlaubt, die Preise 2023 um 15% anzuheben, wohingegen im abgelaufenen Jahr nur Preisanhebungen von 4% erlaubt gewesen seien. Dazu komme, dass rund 70% der deutschen Einzelhandelsunternehmen laut Ifo-Institut planen würden, ihre Preise in den nächsten drei Monaten anzuheben.
Bei der heutigen EZB-Sitzung sei weiter darauf zu achten, wie die Pläne für einen Abbau des APP-Portfolios aussehen würden, in dem allein 2,6 Billionen Euro an Anleihen der öffentlichen Hand lägen. Im kommenden Jahr würden Anleihen im Volumen von mehreren hundert Milliarden Euro fällig, davon werde man vermutlich einen Teil reinvestieren und auf diese Weise den APP-Bestand beginnen zu reduzieren. Die EZB dürfte heute transparent machen, in welchem Tempo das Portfolio abgeschmolzen werden solle. Da zuletzt die Rückzahlungen der TLTRO-Kredite etwas höher ausgefallen seien als erwartet, wodurch die Bilanz ebenfalls reduziert werde, könnte der Bedarf zum Abbau des APP-Portfolios als etwas geringer eingeschätzt werden.
Schließlich werde die EZB heute auch neue Prognosen veröffentlichen. Die EZB habe für 2023 bislang eine durchschnittliche Inflation von 5,5% prognostiziert, diese Vorhersage werde vermutlich angehoben werden. Für das BIP 2023 sei im September ein Anstieg um 0,9% erwartet worden, diese Zahl könnte leicht nach unten angepasst werden. Allerdings habe das Ifo-Institut eine neue nach oben revidierte Prognose für Deutschland vorgelegt und erwarte nunmehr eine Schrumpfung des BIP um 0,1% in 2023 (bisher: -0,3%) gefolgt von einem Anstieg um 1,6% in 2024. 2022 könnte demnach das Wirtschaftswachstum bei 1,8% gelegen haben, da sei man bislang noch von einem niedrigeren Wachstum ausgegangen. Die durchschnittliche Inflationsrate werde gemäß ifo-Institut 2023 bei 6,4% liegen.
Derweil werde aus China von einer schweren Omikron-Welle in verschiedenen Großstädten berichtet. Dazu würden die Provinzhauptstädte Guangzhou, Wuhan, Chongqing und Chengdu zählen. In Peking sei zwar der Lockdown aufgehoben, aber die Menschen würden sich ihrerseits in einen Lockdown begeben und zu Hause bleiben, aus Angst vor einer Ansteckung. Eine größere Welle dürfte es noch geben, wenn am 21. Januar im Rahmen des einwöchigen Neujahrsfestes alle Menschen quer durch China reisen würden.
Die Wachstumsperspektiven Chinas würden daher eher schlecht bleiben. Die jüngsten Daten zu Industrieproduktion und Einzelhandel würden zusammen mit den äußerst schwachen Exportzahlen darauf schließen lassen, dass das BIP im vierten Quartal im Vorquartalsvergleich sinken werde. Mitte nächster Woche (voraussichtlich 21.12.) stelle die Finanzagentur ihre Emissionspläne für das kommende Jahr vor, dabei solle es um das Rekordemissionsvolumen von 539 Mrd. Euro gehen. 274 Mrd. Euro sollten über zwei- bis 30-jährige Bundesanleihen, der Rest über den Geldmarkt aufgenommen werden. In diesem Zuge werde demnach auch die Kurve der grünen Wertpapiere weiter ausgebaut werden.
Der sogenannte US-Government Shutdown, der ohne einen Haushaltsbeschluss ab dem 17.12. eingetreten wäre, sei abgewendet worden, allerdings drohe in einer Woche das gleiche Szenario. Die Verhandlungen über einen neuen Haushalt würden also in den kommenden Tagen weitergehen.
Datenseitig stünden in den nächsten Tagen wieder Frühindikatoren an. Morgen (16.12.) seien dies die PMI-Einkaufsmanagerindices unter anderem für die Eurozone und die USA (Schnellschätzung für November). Am Montag (19.12.) sei auf den Ifo-Index für November zu achten sowie auf die Auftragsbestände im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland für den Monat Oktober. Am Mittwoch (21.12.) folge der GfK-Konsumentenvertrauensindex für den laufenden Monat, der sich derzeit nahe eines Allzeittiefs bewege. (Wochenbarometer vom 15.12.2022) (15.12.2022/alc/a/a)
Derzeit würden die zehnjährigen T-Notes bei 3,47% rentieren. Bei den Bunds sei der Rückgang der Renditen in Reaktion auf die FED-Sitzung etwas milder ausgefallen. Derzeit würden die zehnjährigen Bunds bei 1,94% rentieren.
Die gestrige US-Notenbanksitzung sei nur auf den ersten Blick erwartungsgemäß verlaufen. So habe die FED den Leitzins um 0,5 Pp auf 4,25 bis 4,50% angehoben und somit das gemacht, was die Finanzmärkte antizipiert hätten. Jedoch hätten die FED-Mitglieder neue Projektionen veröffentlicht, die die sogenannte "terminal rate" - also das höchste Niveau, bis zu dem die FED den Leitzins anheben werde - im kommenden Jahr bei 5,1% sehen. Das sei deutlich höher als die bisherige Projektion von 4,6% und mehr als die Märkte erwartet hätten. Außerdem habe Powell keinen Anlass zu dem von den Märkten bislang eingepreisten Szenario gegeben, man werde schon im nächsten Jahr beginnen, die Zinsen wieder zu senken. Denn die FED-Mitglieder würden im Median davon ausgehen, dass die PCE-Kerninflation 2023 auf 3,5% sinken werde, womit die Damen und Herren des Geldes pessimistischer als im September seien, als sie noch einen Rückgang auf 3,1% für möglich gehalten hätten. Interessant sei in diesem Zusammenhang die Äußerung von FED-Präsident Powell gewesen, der darauf hingewiesen habe, dass es für ihn auf die Inflation bei den Dienstleistungen ohne Mieten ankomme. Zwar sei die FED erfreut darüber, dass die Inflation insgesamt gesunken sei, aber dies sei in erster Linie das Ergebnis von Preisrückgängen im Energiebereich und bei Gütern, die von der Entspannung bei den Lieferketten profitiert hätten. Und bei den Mieten könne man auch Mitte nächsten Jahres mit einem Rückgang der Inflation rechnen. Kaum Entspannung hätte es aber bei den genannten Dienstleistungen gegeben und diese würden etwa die Hälfte der Kernrate der Inflation ausmachen. Hier würden die Lohnentwicklung und der angespannte Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle spielen.
Erneut habe Powell in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es 4 Millionen mehr offene Stellen gäbe als Arbeitslose, die diese Stellen besetzen könnten. Außerdem habe der Notenbankchef an die Beschleunigung bei der Lohnentwicklung erinnert, die man im November gesehen habe.
Die Projektionen würden davon ausgehen, dass die Arbeitslosenrate, die derzeit bei 3,7% liege, 2023 auf 4,6% steigen könnte (bisherige Prognose: 4,4%). Powell erachte das aber immer noch als einen relativ gut ausgelasteten Arbeitsmarkt. Die Kosten, die gesellschaftlich mit dem Anstieg der Arbeitslosenrate verbunden seien, gewichte Powell niedriger als die Kosten, die mit einem Scheitern beim Bekämpfen der Inflation einhergehen würden.
Werde die EZB bei ihrer heutigen Sitzung ähnlich argumentieren? Vermutlich ja, aber es sei auch möglich, dass sich die Falken in der EZB durchsetzen und es heute doch zu einem 75 BP-Schritt komme. Falls das Zinstempo auf 50 BP reduziert werde und der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,50% lande, dürfte Notenbankchefin Christine Lagarde aber deutlich machen, dass man längst noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sei. Tatsächlich sei die Gefahr, dass die Inflation noch nicht ihren Höhepunkt gesehen habe, in der Eurozone ungleich höher als in den USA. Zu berücksichtigen sei unter anderem, dass die Strom- und Gaspreise zum Jahreswechsel zum Beispiel in Deutschland und Frankreich deutlich steigen würden, trotz der administrativen Eingriffe. In Deutschland lägen die Strom- und Gaspreisbremsen im Schnitt deutlich über den Preisen aus den Altverträgen und in Frankreich sei es den Versorgern erlaubt, die Preise 2023 um 15% anzuheben, wohingegen im abgelaufenen Jahr nur Preisanhebungen von 4% erlaubt gewesen seien. Dazu komme, dass rund 70% der deutschen Einzelhandelsunternehmen laut Ifo-Institut planen würden, ihre Preise in den nächsten drei Monaten anzuheben.
Bei der heutigen EZB-Sitzung sei weiter darauf zu achten, wie die Pläne für einen Abbau des APP-Portfolios aussehen würden, in dem allein 2,6 Billionen Euro an Anleihen der öffentlichen Hand lägen. Im kommenden Jahr würden Anleihen im Volumen von mehreren hundert Milliarden Euro fällig, davon werde man vermutlich einen Teil reinvestieren und auf diese Weise den APP-Bestand beginnen zu reduzieren. Die EZB dürfte heute transparent machen, in welchem Tempo das Portfolio abgeschmolzen werden solle. Da zuletzt die Rückzahlungen der TLTRO-Kredite etwas höher ausgefallen seien als erwartet, wodurch die Bilanz ebenfalls reduziert werde, könnte der Bedarf zum Abbau des APP-Portfolios als etwas geringer eingeschätzt werden.
Schließlich werde die EZB heute auch neue Prognosen veröffentlichen. Die EZB habe für 2023 bislang eine durchschnittliche Inflation von 5,5% prognostiziert, diese Vorhersage werde vermutlich angehoben werden. Für das BIP 2023 sei im September ein Anstieg um 0,9% erwartet worden, diese Zahl könnte leicht nach unten angepasst werden. Allerdings habe das Ifo-Institut eine neue nach oben revidierte Prognose für Deutschland vorgelegt und erwarte nunmehr eine Schrumpfung des BIP um 0,1% in 2023 (bisher: -0,3%) gefolgt von einem Anstieg um 1,6% in 2024. 2022 könnte demnach das Wirtschaftswachstum bei 1,8% gelegen haben, da sei man bislang noch von einem niedrigeren Wachstum ausgegangen. Die durchschnittliche Inflationsrate werde gemäß ifo-Institut 2023 bei 6,4% liegen.
Derweil werde aus China von einer schweren Omikron-Welle in verschiedenen Großstädten berichtet. Dazu würden die Provinzhauptstädte Guangzhou, Wuhan, Chongqing und Chengdu zählen. In Peking sei zwar der Lockdown aufgehoben, aber die Menschen würden sich ihrerseits in einen Lockdown begeben und zu Hause bleiben, aus Angst vor einer Ansteckung. Eine größere Welle dürfte es noch geben, wenn am 21. Januar im Rahmen des einwöchigen Neujahrsfestes alle Menschen quer durch China reisen würden.
Die Wachstumsperspektiven Chinas würden daher eher schlecht bleiben. Die jüngsten Daten zu Industrieproduktion und Einzelhandel würden zusammen mit den äußerst schwachen Exportzahlen darauf schließen lassen, dass das BIP im vierten Quartal im Vorquartalsvergleich sinken werde. Mitte nächster Woche (voraussichtlich 21.12.) stelle die Finanzagentur ihre Emissionspläne für das kommende Jahr vor, dabei solle es um das Rekordemissionsvolumen von 539 Mrd. Euro gehen. 274 Mrd. Euro sollten über zwei- bis 30-jährige Bundesanleihen, der Rest über den Geldmarkt aufgenommen werden. In diesem Zuge werde demnach auch die Kurve der grünen Wertpapiere weiter ausgebaut werden.
Der sogenannte US-Government Shutdown, der ohne einen Haushaltsbeschluss ab dem 17.12. eingetreten wäre, sei abgewendet worden, allerdings drohe in einer Woche das gleiche Szenario. Die Verhandlungen über einen neuen Haushalt würden also in den kommenden Tagen weitergehen.
Datenseitig stünden in den nächsten Tagen wieder Frühindikatoren an. Morgen (16.12.) seien dies die PMI-Einkaufsmanagerindices unter anderem für die Eurozone und die USA (Schnellschätzung für November). Am Montag (19.12.) sei auf den Ifo-Index für November zu achten sowie auf die Auftragsbestände im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland für den Monat Oktober. Am Mittwoch (21.12.) folge der GfK-Konsumentenvertrauensindex für den laufenden Monat, der sich derzeit nahe eines Allzeittiefs bewege. (Wochenbarometer vom 15.12.2022) (15.12.2022/alc/a/a)


