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Neue Verrücktheiten am Anleihemarkt


28.07.16 12:13
FONDS professionell

Wien (www.anleihencheck.de) - Obwohl man die Rendite mit der Lupe suchen muss, rissen Anleger dem deutschen Staat die aufgestockte 30-Jahres-Anleihe förmlich aus den Händen, so die Experten von "FONDS professionell".

Ihre Unbekümmertheit könnte sich schon bald als gefährlicher Trugschluss erweisen.

1986 habe Tennis-Jungstar Boris Becker sein zweites Wimbledon-Finale gewonnen. Deutschland sei durch eine Grenze geteilt gewesen. Der Liter Super-Kraftstoff habe umgerechnet 56 Euro-Cents gekostet, und wer von unterwegs habe telefonieren wollen, habe eine der landesweit rund 148.000 Zellen der Deutschen Bundespost aufsuchen müssen - Handys habe es so gut wie keine gegeben.

Seitdem sei viel geschehen. Wer wisse, was bis 2046 noch so alles passiere? Anleiheinvestoren scheine das dieser Tage nicht zu beschäftigen. Anders sei kaum zu erklären, weshalb sich die Bundesrepublik selbst langfristig Geld beinahe zum Nulltarif leihen könne.

Anleger hätten sich am Mittwoch bei der Aufstockung einer 30-jährigen Bundesanleihe mit einer Mini-Rendite von 0,45 Prozent begnügt. Billiger habe Deutschland noch nie auf derart lange Frist Schulden aufgenommen. Zum Vergleich: Vor gut einem Monat habe Finanzminister Wolfgang Schäuble bei einer Auktion für einen 30-Jahres-Bond noch 0,62 Prozent ausloben müssen. Obendrein sei die neue Emission im Volumen von einer Milliarde Euro trotz des noch knauserigen Zinssatzes deutlich überzeichnet gewesen: Investoren hätten Gebote über 1,212 Milliarden Euro abgegeben.

"Weniger als ein halbes Prozent Rendite ist selbst bei der aktuellen Mini-Inflation von 0,3 Prozent kein gutes Geschäft", zitiere das "Handelsblatt" einen Bondhändler. Doch die Verzweiflung aufseiten institutioneller Anleger sei groß angesichts der Tatsache, dass viele ihrer früheren "Lieblingsinvestments" inzwischen noch weniger abwerfen würden. Deutsche Staatspapiere mit bis zu zehn Jahren Laufzeit würden im Minusbereich rentieren. Europaweit liege mittlerweile bei Anleihen im Gesamtwert von rund drei Billionen Euro die Rendite unter der Nulllinie.

Gerade Versicherer würden händeringend nach Anleihen mit langen Laufzeiten suchen, um ihren Auszahlungsverpflichtungen nachkommen zu können - würden die Kupons auch noch so karg sein mögen. Der Anlagenotstand sei derzeit eines der wenigen verbindenden Elemente in Europa.

Völlig problemlos hätten beispielsweise die britischen Schuldenmanager am Dienstag eine inflationsgeschützte Anleihe mit Laufzeit bis 2065 an den Markt bringen und so 2,5 Milliarden Pfund (rund 2,8 Milliarden Euro) aufnehmen können. Beobachtern zufolge seien Angebote in Höhe von zehn Milliarden Pfund eingegangen. Auch hier könne die in Aussicht gestellte Rendite des 50-jährigen Papiers kaum ausschlaggebend gewesen sein. Denn die liege bei 1,23 Prozent - mit einem Minuszeichen davor, wohlgemerkt. Die Schweizer Pfandbriefbank, die weltweit zu den Top-Schuldnern zähle, habe vergangene Woche einen Titel mit 26 Jahren Laufzeit begeben. Die Rendite habe bei 0,2 Prozent gelegen.

"Investoren suchen aufgrund der politischen Unsicherheit einerseits weiter nach sicheren Häfen, gleichzeitig aber aufgrund der niedrigen Renditen dieser Titel nach Vermögenswerten, die noch einen auskömmlichen Ertrag versprechen", erkläre Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und die Schweiz beim Fondshaus Blackrock, gegenüber dem "Handelsblatt". Wirklich sicher seien die "Langläufer" aber nur für Investoren, die auch bis zur Endfälligkeit dabei bleiben würden.

So seien denn weniger die Mini-Zinsen, als die Wette auf steigende Anleihekurse Hauptmotiv für die Institutionellen, trotzdem zuzuschlagen. Die Europäische Zentralbank (EZB) als neue Nachfragerin auf dem europäischen Bondmarkt könnte die Kurse, wie in den vergangenen Wochen, weiter ankurbeln. Monat für Monat sauge sie Papiere im Wert von 80 Milliarden Euro auf. Da inzwischen Bundesanleihen mit einer Laufzeit von bis zu sieben Jahren unter dem negativen Einlagensatz der Notenbank von minus 0,4 Prozent rentieren würden, dürfe die EZB diese Papiere laut Statut nicht mehr kaufen - und suche vermehrt bei Langläufern nach aussichtsreichen Anleihen.

Private Anleger würden es ihr gleichtun. "Am Schweizer Kapitalmarkt ist seit einiger Zeit der Trend zu langen bis ultralangen Laufzeiten zu beobachten", berichte die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Das führe zu einer neuen Skurrilität: Hätten Obligationen mit zehn Jahren Laufzeit früher noch als Langläufer gegolten, würden diese heute zu den Papieren mittlerer Laufzeit zählen.

Doch die Kurswette der institutionellen Bondinvestoren und insbesondere ihre Sucht nach Langläufern könnte leicht nach hinten losgehen. Dann nämlich, wenn die niedrigen Inflationsraten in Europa wieder anziehen würden. Abgesehen vom realen Renditeschwund würden mit der Inflation gewöhnlich die Kapitalmarktzinsen steigen, wenn auch zeitverzögert. Bei bestehenden Anleihen führe das zu Kursverlusten, da sie im Vergleich zu neu emittierten Papieren mit höheren Zinsen weniger attraktiv würden. Das treffe langlaufende Papiere besonders heftig: Sie würden empfindlicher auf Zinsänderungen reagieren, weil Anleger ihr Kapital länger binden würden.

Genau das sei die Crux: Die Inflationserwartungen vieler professioneller Investoren würden einigen Beobachtern seit längerem gefährlich niedrig erscheinen. Von der EZB befragte Analysten hätten ihre Prognosen jüngst sogar weiter auf 1,2 Prozent für 2017 und auf 1,5 Prozent für 2018 gesenkt. Experten wie Franceso Garzarelli, der bei Goldman Sachs das Märkte- und Makro-Research leite, würden die globalen Bondmärkte deshalb für hoffnungslos überhitzt halten. (28.07.2016/alc/a/a)