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Marktkommentar: "Die EZB kann noch nicht anders"


05.05.23 10:44
TARGOBANK

Düsseldorf (www.anleihencheck.de) - Die amerikanische Notenbank FED hat gestern den Anker geworfen und den Leitzins auf den höchsten Stand seit 16 Jahren geschraubt, so Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK.

Der Zinsanhebungszyklus dürfte somit in den USA ein Ende erreicht haben. Davon könne in Europa noch keine Rede sein. Mit einer Erhöhung von 0,25 Prozentpunkten tue die EZB heute nur, was sie tun müsse. Am Ende der Reise sei sie damit aber längst noch nicht.

Ein Blick auf die Inflationsdaten zeige das ganze Dilemma: Die Differenz zwischen Ziel- und Ist-Inflationsgrößen sei in Europa immer noch indiskutabel hoch. Insbesondere die Kerninflationsrate habe noch nicht wirklich den Rückwärtsgang eingelegt. Auch bei der Jahresveränderungsrate erscheine der Wendepunkt noch nicht eindeutig erreicht.

Klar sei: Europa könne nicht zu einer Insel der ökonomisch Glückseligen werden, wenn in den USA eine latente Bankenkrise lauere, in China erste Anzeichen einer Wirtschaftsschwäche erkennbar seien und der Goldpreis als prominentester Krisenindikator unverändert weiter nach oben zeige.

So werde die Europäische Zentralbank notgedrungen auch im Juni und vielleicht auch noch im Juli die Zinsen weiter anheben müssen. Doch sie müsse in ihrer Wortwahl zukünftig sehr vorsichtig agieren. Denn je rigoroser sie noch ausstehende Zinsverschärfungen ankündige, umso mehr steigere sie die Attraktivität des Euro. Ein fester Euro könne im aktuellen Umfeld aber nicht im Interesse der Zentralbank liegen.

EZB-Chefin Christine Lagarde brauche in den kommenden Monaten also viel Fingerspitzengefühl, um die unangenehmen Botschaften möglichst defensiv zu verpacken. Einen Vorgeschmack davon habe sie heute schon gegeben und die Leitzinsen nur um 0,25 Prozentpunkte angehoben. (Ausgabe vom 04.05.2023) (05.05.2023/alc/a/a)