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Markterwartungen an Zinspolitik zu optimistisch


11.12.23 14:34
Ebury

Brüssel (www.anleihencheck.de) - Obwohl sich die Inflation in den wichtigsten Währungsräumen auch 2024 weiter abschwächen dürfte, blickt Matthew Ryan, Head of Market Strategy bei Ebury, skeptisch auf die Erwartungen am Kapitalmarkt.

"Wir lassen uns von den jüngsten Inflationsdaten nicht zu sehr mitreißen und sind der Ansicht, dass die Marktpreise für die Lockerung der Geldpolitik jetzt zu hoch sind. Wir glauben, dass die höheren Zinssätze noch eine Weile bestehen bleiben werden", so Ryan.

Der Marktkenner stütze seine Einschätzung auf vier Argumente. Erstens sei der weltweite Arbeitsmarkt noch immer sehr eng. Konkret mache Ryan das an einer geringen Arbeitslosigkeit und hohen Lohnsteigerungen fest. "Die Nominaleinkommen übertreffen inzwischen das Wachstum der Verbraucherpreise. Zwar dürften diese im Zuge eines gesteigerten Konsums nicht wieder deutlich ansteigen, doch könnte die Situation auf dem Arbeitsmarkt zumindest dafür sorgen, dass die Notenbanken ihre Inflationsziele später erreichen, als aktuell vom Markt eingepreist", habe Ryan gesagt.

Auch könnten Basiseffekte bei Energiepreisen dazu führen, dass diese die Inflation wieder stützen würden. Nach der russischen Invasion der Ukraine seien die Energiepreise stark angestiegen und würden seitdem abfallen. Dieser Preisrückgang habe in den vergangenen Quartalen auch den Rückgang der Inflation begünstigt. Dieser Effekt könnte in den kommenden Wochen und Monaten zunehmend schwinden und die Energiepreise sogar wieder zu einem die Inflation stützenden Faktor werden.

Hinzu komme, dass die letzten Meter auf dem Pfad der Inflationsbekämpfung typischerweise die schwersten seien. "Anhaltend hohe Inflationsraten lassen sich nur sehr schwer abschütteln, da sich Haushalte und Unternehmen an das inflationäre Umfeld anpassen, indem sie höhere Löhne fordern und höhere Preise durchsetzen. Menschen, die gefühlt heute in einer finanziell angespannteren Situation sind als vor der Inflation, werden auch 2024 versuchen, den vergangenen Anstieg der Verbraucherpreise auszugleichen", erkläre Ryan.

Ein weiterer Grund, die Inflation noch nicht gänzlich abzuschreiben, liege für Ryan in den jüngsten Kommentaren von Notenbank-Vertretern aus den wichtigsten Währungsräumen. Diese hätten bislang davor zurückgeschreckt, ein Ende der Straffung konkret zu signalisieren. Daraus könne man schließen, dass sich die Währungshüter noch nicht restlos sicher seien, dass die Inflation auch mittelfristig in der Nähe der Zielniveaus bleiben werde.

"Angesichts der genannten Umstände gehen wir davon aus, dass die Markterwartungen für Zinssenkungen überzogen sind. Das gilt insbesondere für die USA, wo die Zinssensibilität geringer ist und Verbraucher die Notenbank-Politik bislang weitgehend gleichgültig hingenommen haben. Während der Markt Zinssenkungen in den USA bereits im März für wahrscheinlich hält, gehen wir davon frühestens Mitte des Jahres oder in der zweiten Jahreshälfte aus", so Ryan. (11.12.2023/alc/a/a)